Bundespräsident in Marbach „Sie überschätzen mein Alter“ – Steinmeier überrascht mit Schlagfertigkeit

Im Museumscafé unterhält sich Frank-Walter Steinmeier mit fünf Studierenden über ihre Zukunftspläne. Foto: Julian Meier

Der Bundespräsident zeigt sich bei seinem Besuch in Marbach gut informiert über Leben und Werk von Rainer Maria Rilke. Im Gespräch mit Studierenden beweist er dann auch Humor.

Volontäre: Julian Meier (mej)

So viel Trubel gibt es selten in Marbach am Neckar: Am Donnerstagvormittag schlängelt sich die Polizei durch die Straßen rund um die Schillerhöhe. Der Zugang zum Platz vor dem Schiller-Nationalmuseum ist komplett abgesperrt, durchkommt man nur als geladener oder akkreditierter Gast. Kein Wunder, wenn der ranghöchste Vertreter Deutschlands der Schillerstadt einen Besuch abstattet.

 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wollte eigentlich schon zur Eröffnung der Ausstellung „Und dann und wann ein weißer Elefant. Rilkes Welten“ am 4. Dezember kommen, doch da war dann sein Staatsbesuch im Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland wichtiger. Eine Woche später holte er den Besuch aber nach – und überraschte dabei in vielerlei Hinsicht.

Hohe Sicherheitsvorkehrungen

Vor Steinmeiers Ankunft stehen überall verteilt Personenschützer und Sicherheitspersonal, Sprengstoffhunde schnüffeln an mitgebrachten Taschen. Als dann auch noch die Nachricht durchsickert, dass der Bundespräsident eine Viertelstunde früher als geplant ankommt, bricht Hektik aus. Doch pünktlich zur Ankunft der schwarzen Mercedes-Limousine mit dem Kennzeichen „0 – 1“ ist alles parat.

„Zu spät für die Eröffnung, zu früh zum Besuchstermin“, sagt Steinmeier gut gelaunt, nachdem er ausgestiegen ist. Nach einer kleinen Gesprächsrunde mit den anderen offiziellen Gästen – Literaturarchiv-Direktorin Sandra Richter, Schillergesellschaft-Präsident Kai Uwe Peter, Wissenschaftsministerin Petra Olschowski und Bürgermeister Jan Trost – bewegt sich der Tross aus Journalisten, Fotografen und Sicherheitspersonal in die Ausstellung.

Steinmeier zeigt sich interessiert

Wie eine Schafherde versammelt sich die Menge um den großgewachsenen Mann im blauen Anzug und verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Fotos, Videos, O-Töne – nichts von dem, was Steinmeier sagt oder macht, bleibt unbemerkt. Doch der 69-Jährige lässt sich von all dem nicht beeindrucken. Interessiert lauscht er den Worten von Direktorin Richter, die durch die Ausstellung führt. Er sieht sich die Ausstellungsstücke genau an und stellt immer wieder interessierte Nachfragen. „Ich sehe, Sie haben sich vorbereitet“, sagt Richter anerkennend.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier betrachtet ein Bild von Rainer Maria Rilke in Mädchenkleidung. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Ganz so durchorchestriert ist der ganze Besuch aber dann doch nicht, denn die Direktorin fragt immer wieder verunsichert nach, wo sie den Bundespräsidenten als Nächstes hinführen darf: „Sollen wir jetzt in den Raum dort hinten gehen?“ „Sie sind die Hausherrin“, entgegnet ein Sicherheitsmann.

Gespräch mit Studierenden

Fünf Studierende von den Universitäten in Stuttgart und Tübingen sind gewissermaßen als Experten dabei. Sie haben sich in ihrem Studium ausführlich mit Rainer Maria Rilke befasst und werden an vielen Stellen nach ihren Einschätzungen gefragt. Im Anschluss an den Ausstellungsrundgang haben sie dann die Gelegenheit, direkt mit Steinmeier ins Gespräch zu kommen.

Im Museumscafé werden alle fünf an einen Tisch mit dem Bundespräsidenten gesetzt, der sich in lockerer Atmosphäre bei Brezeln und Wasser mit ihnen über Rilke, ihr Studium und ihre Zukunftspläne unterhält. Wie sie denn zu Rilke gekommen seien, will Steinmeier wissen. „Tatsächlich hat mich Rilke schon zu Schulzeiten interessiert“, erzählt Britta Discher-Storch. „Echt?“, fragt Steinmeier mit leicht ironischem Unterton. „Ja, wirklich!“

Als alle fünf einmal durch sind, dreht Luca Staron den Spieß um. „Wie war denn Ihre Begegnung mit Rilke?“, fragt er den Bundespräsidenten. „Sie überschätzen mein Alter“, antwortet er trocken.

Bundespräsident überrascht mit seinem Vorwissen

Dieser Witz ist auch das, was Staron im Gedächtnis bleiben wird. Er und Moritz Pflomm haben an der Universität Tübingen einen Kurs zu Rilke belegt, den Anna Kinder vom Literaturarchiv Marbach gehalten hat. Sie waren auch die einzigen beiden, die sich freiwillig gemeldet haben, um beim Besuch mitzumachen.

Vorbereitet haben sie sich auf den Termin nicht großartig. „Wie sehr man sich auch vorbereitet – es bleibt immer die Frage, wie viel Herr Steinmeier selbst weiß. Da hat er mich sehr, sehr positiv überrascht. Er hatte mehr Vorwissen, als ich vermutet hätte“, sagt Staron. Für Pflomm war es ebenfalls ein „interessantes Erlebnis“ – noch dazu mit dem ganzen Pressetrubel außen herum. „Das war schon ein bisschen zirkusmäßig“, gibt er zu.

Von der Universität Stuttgart waren Jelena Hedderich, Hannah Jasper und Discher-Storch dabei. „Es war interessant, dass er sich auch für das Leben von uns Studierenden interessiert hat. Das hat mich positiv überrascht“, sagt Hedderich. Bei Jasper wird ebenfalls der Witz über sein Alter in Erinnerung bleiben, bei Discher-Storch allgemein das „Wassertrinken mit Herrn Steinmeier“ (und nicht Kaffee wie ursprünglich geplant).

Um kurz nach ein Uhr steigt der Bundespräsident dann in seine Limousine und fährt davon. Der ganze Trubel ist vorbei. Da stört es auch keinen mehr, dass ein junger Mann mit einem Joint in der Hand über den Museumsvorplatz läuft.

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