Bundesstützpunkt in Schmiden Ihr Blick geht über den Tellerrand hinaus

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Die Ärztin Christine Krauß von der Sportklinik in Bad Cannstatt betreut die Gymnastinnen am Bundesstützpunkt in Schmiden und ist für die Mädchen und Trainerinnen erste Ansprechpartnerin bei kleineren und größeren Wehwehchen.

Die Sportmedizinerin Christine Krauß   begleitet als Disziplinärztin die Gymnastinnen auch zu internationalen Wettkämpfen und Meisterschaften. Foto: Eva Herschmann
Die Sportmedizinerin Christine Krauß begleitet als Disziplinärztin die Gymnastinnen auch zu internationalen Wettkämpfen und Meisterschaften. Foto: Eva Herschmann

Schmiden - Vor ziemlich genau drei Jahren, am 29. Juni 2017, vereinbarten der Deutsche Turner-Bund (DTB) und die Sportklinik Stuttgart eine Kooperation zur medizinischen Betreuung. Die Sportmedizinerin Christine Krauß, die ein Jahr zuvor von der Sportklinik in Düsseldorf nach Bad Cannstatt gekommen war, wurde zur neuen Disziplinärztin ernannt.

Im Gang in der Sportklinik hat Jens Lehmann eine Botschaft hinterlassen

Seitdem ist sie feste und erste Ansprechpartnerin für die Sportgymnastinnen im Bundesstützpunkt in Schmiden. „Meine Verantwortung ist die Gesundheit der Mädchen, das betrifft den aktuellen Zustand und die körperliche Fitness, aber auch langfristige Folgen. Keine soll mit 40 Jahren unter Rückenschmerzen oder anderem leiden“, sagt Christine Krauß, 45.

Im Gang in der Sportklinik hat Jens Lehmann eine Botschaft hinterlassen. „Für meinen Doc“, hat der ehemalige Torwart des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgarts auf das Trikot geschrieben, das hinter Glas hängt. Mario Gomez hat sich verewigt, und das Team des Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart. Von den Gymnastinnen aus Schmiden hängt kein Gruß an der Wand, aber auch sie zählen zu den Spitzensportlern, die hier betreut werden. „Der DTB hatte sich gewünscht, dass die Aufgabe von einer Frau übernommen wird, und ich konnte es mir gut vorstellen“, sagt Christine Krauß, die, bevor sie zur Disziplinärztin wurde, viele unterschiedliche Sportler betreut hat, mit der Rhythmische Sportgymnastik aber noch keine Berührungspunkte hatte. Das hat sich geändert. „Ich schätze die Leistung, den Einsatz und die Leidenschaft der Mädchen, die mit ihrem Sport kein Geld verdienen.“

Als Christine Krauß vor drei Jahren das Amt übernahm, gab es eine Häufung von Ermüdungsbrüchen gerade auch bei den Gymnastinnen der in Schmiden ansässigen Nationalgruppe

Mittlerweile kennt Christine Krauß die Besonderheiten der trainingsintensiven Sportart. Die vielen Feinheiten, auf die es in der medizinischen Betreuung der Grazien ankommt, die sie auch zu großen internationalen Turnieren und Meisterschaften begleitet wie Ende November nach Kiew zu den Europameisterschaften. Das Problem fast aller Sportarten sei eine „wiederkehrende repetitive dauerhafte Belastung“ gewisser Körperbereiche, erläutert Christine Krauß. Bei den Sportgymnastinnen seien dies vor allem Hüfte, Rücken und Füße. Zudem brauche es, um Sportgymnastik auf diesem Niveau zu betreiben, eine gewisse Grundveranlagung. Doch diese notwendige Grundbeweglichkeit gehe zumeist eben auch einher mit einer gewissen Anfälligkeit, etwa für Hüftgelenksdysplasien, erklärt die Oberärztin.

Als Christine Krauß vor drei Jahren das Amt übernahm, gab es eine Häufung von Ermüdungsbrüchen gerade auch bei den Gymnastinnen der in Schmiden ansässigen Nationalgruppe. „Diese Verletzungen traten fast inflationär auf, und sie hängen mit der sogenannten Triade der sporttreibenden Frau zusammen“, sagt Christine Krauß.

Die Oberärztin ist in drei Jahren in ihre Rolle hineingewachsen, schätzt die Teamarbeit mit den Trainerinnen in Schmiden

Damit gemeint sei das Zusammenspiel von geringer Energieverfügbarkeit aufgrund zu geringer Kalorienaufnahme, die zu einem Ausbleiben der Monatsblutung führe und einen direkten Einfluss auf die Knochengesundheit habe, Stichwort Osteoporose. „Im Klartext bedeutet das, dass extrem hohe Belastung und wenig Essen dem Körper nicht genügen.“ Eine Konsequenz aus den Erkenntnissen ist, dass der Bundesstützpunkt mit Ernährungsberaterinnen vom Olympia-Stützpunkt in Stuttgart zusammenarbeitet. „Die Mädchen wissen jetzt, wie extrem schwierig es ist, eine gute Balance in ihrem Körper zu halten. Außerdem haben wir die Trainingseinheiten von fünf Stunden am Stück auf zweimal zweieinhalb Stunden gesplittet“, sagt Christine Krauß. Die Veränderungen zeigen Wirkung. 2018 habe es im Stützpunkt 20 schwerwiegende Verletzungen gegeben, ein Jahr später seien es neun gewesen.

Die Oberärztin ist in drei Jahren in ihre Rolle hineingewachsen, schätzt die Teamarbeit mit den Trainerinnen in Schmiden, der Stützpunktleiterin Kathrin Igel und Isabell Sawade, der DTB-Teamchefin für Rhythmische Sportgymnastik. „Und alle waren bereit, sich meine Meinung anzuhören und etwas zu ändern. Auch wenn wir in der Entwicklung noch lange nicht am Ende angekommen sind“, sagt Christine Krauß. Das sieht auch Kathrin Igel so. „Es ist ein Segen, dass wir sie haben. Sie ist unglaublich engagiert, und sie betreut die Mädchen ganzheitlich.“




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