Bundestagkandidaten Den Gerechtigkeitssinn der Mutter geerbt

Von Sabine Riker 

Heike Baehrens tritt für die SPD im Wahlkreis Göppingen an. Die Stuttgarter Diakonin hat gute Aussichten, den Sprung nach Berlin zu schaffen.

Wir haben die Kandidaten gebeten, drei für sie wichtige gegenstände mitzubringen. Politik muss auch menschenwürdige Lebensumstände schaffen, dafür steht für Baehrens die Rose. . . Foto: Horst Rudel
Wir haben die Kandidaten gebeten, drei für sie wichtige gegenstände mitzubringen. Politik muss auch menschenwürdige Lebensumstände schaffen, dafür steht für Baehrens die Rose. . . Foto: Horst Rudel

Göppingen - Sie ist fotogen und sieht auch ohne Visagist so aus, wie auf ihrem Wahlplakat. Dabei sah es ihre Lebensplanung nicht unbedingt vor, einmal für den Bundestag zu kandidieren. „Wenn man 57 ist, ist das ja nicht das Erste, was man vorhat“, sagt Heike Baehrens und lacht verschmitzt. Doch die Stuttgarterin, die seit 25 Jahren ein rotes Parteibuch besitzt, erreichte vor knapp einem Jahr der Ruf der Genossen aus dem Kreis Göppingen. Der Landtagsabgeordnete Sascha Binder fragte sie, ob sie nicht im Stauferkreis für die SPD an den Start gehen wolle.

Sie wollte. „Ein Weilchen habe ich noch überlegt und mit meiner Familie darüber gesprochen, die mich voll und ganz unterstützt“, erzählt sie und nippt an ihrer Apfelsaftschorle. Heike Baehrens, die im Weserbergland in Niedersachsen aufwuchs und seit 1977 in Stuttgart lebt, wirkt bei dem Treffen für dieses Interview in der Göppinger Stadthalle entspannt, obwohl sie schon einige Termine absolviert hat und am Abend noch eine Veranstaltung mit dem einstigen Bundesfinanzminister Hans Eichel vor ihr liegt. Ja, der Wahlkampf sei anstrengend, aber sie bereue es kein bisschen, als Kandidatin angetreten zu sein. Und sie freue sich, ihre Berufs- und Lebenserfahrung einbringen zu können. Dann ist Heike Baehrens auch schon bei dem, was sie antreibt: Sie will für jene die Stimme erheben, die in der Gesellschaft nicht oder nicht mehr Schritt halten können, also für alte und behinderte Menschen, aber auch für Kinder, Jugendliche und Familien.

. . . das Grundgesetz betrachtet sie als „großen Schatz“. . .
Ihr Engagement kommt nicht von ungefähr. Als Vorstandsmitglied des Diakonischen Werks Württemberg ist sie firm auf sozialpolitischem Terrain. Dass sie ihre Themen rüberbringt, offenbart sich schon nach wenigen Sätzen: Das Spektrum reicht von der Alten- und der Gesundheitspolitik bis hin zur Familienpolitik. Heike Baehrens, die mit dem Listenplatz 16 beste Aussichten hat, in den Bundestag gewählt zu werden, auch wenn sie im Wahlkreis Göppingen kein Direktmandat erringt, ist von einer unaufdringlichen Präsenz, und sie redet Klartext.

Ihre Vorstellungen von einer zeitgemäßen Alten- und Familienpolitik und einem funktionierenden Gesundheitssystem umreißt sie kurz und präzise. Dabei hat sie nicht nur das materielle Wohlergehen im Blick. Es sei genauso wichtig, in den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu investieren und jedem ein Leben in Würde zu ermöglichen. „Jeder Mensch braucht das Gefühl, etwas wert und den anderen wichtig zu sein“, sagt sie. Deshalb hat sie zu dem Treffen in der Stadthalle eine rote Rose gebracht. Denn in dem Lied „Brot und Rosen“ stehe diese Blume für menschenwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen, und auch dafür könne die Politik die Rahmenbedingungen schaffen.

Ihr Interesse für Politik erwachte vor 25 Jahren. „Damals war ich in der Familienphase, und unsere jüngste Tochter hatte Pseudokrupp. Immer wenn eine naheliegende Dosenfabrik ihre Abgase rausließ, hatte sie Probleme, so war zumindest unsere Wahrnehmung“, erzählt sie. Sie engagierte sich in einer Bürgerinitiative, deren Sprecherin sie auch wurde. Schlussendlich musste die Firma eine Abgasreinigung einbauen, und Heike Baehrens stellte nicht nur fest, dass „man etwas bewegen kann“. Vielmehr entdeckte sie in sich „Talente, um so eine Veränderung zu bewirken“. Erfahrungen sammelte sie auch in der Kommunalpolitik. Von 1989 bis 1996 gehörte sie dem Stuttgarter Gemeinderat an.

. . . und wenn sie etwas Zeit übrig hat, liest sie gerne, zurzeit „Die hellen Tage“ von Zsusza Bànk.
Dass sie sich den Sozialdemokraten anschloss, hat nicht nur weltanschauliche Hintergründe. „Meine Mutter war in der SPD. Sie hatte ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und litt immer darunter, dass sie nach dem Krieg keine Ausbildung machen durfte wie ihre Brüder. Außerdem war es die SPD, die sich für das Frauenwahlrecht einsetzte.“ Und obwohl die Frauen mittlerweile ganz selbstverständlich wählen gehen dürfen, liege noch vieles im Argen. „Da gibt es noch viel zu tun. Frauen verdienen zum Beispiel immer noch 22 Prozent weniger als Männer. Zwei Drittel der Niedriglohnempfänger sind Frauen, vor allem alleinerziehende Mütter.“

Auch auf den Kreis Göppingen richtet sie ihren Blick. Ein weiterer Ausbau der A 8 und der B 10 seien unabdingbar, um den Landkreis aus dem Verkehrsschatten zu holen. Um das zu erreichen, müssten fraktionsübergreifend und über das Bundesland hinaus Bündnisse geschlossen werden. „Da will ich gerne meine Verhandlungserfahrung einbringen“, sagt sie und: „Ich hoffe, dass mir die Wähler den entsprechenden Rückenwind geben.“