Herr Mörseburg, haben Sie schon realisiert, was mit Ihnen passiert, oder fühlt sich das noch wie ein Traum an?
Ich habe das Reichstagsgebäude zum ersten Mal als gewählter Abgeordneter betreten, und die Kulisse und die Intensität dieses Anfangs waren sehr beeindruckend. Da empfand ich Respekt vor der Aufgabe und der Verantwortung. Ich brenne darauf, im Bundestag kraftvoll die Stuttgarter Interessen zu vertreten. Aber so richtig realisiert habe ich tatsächlich noch nicht, was geschehen ist. Auf jeden Fall fühle ich mich belohnt dafür, dass mein Team und ich vier Monate lang intensiv auf dieses Ziel hingearbeitet hatten.
Mit etwas Abstand betrachtet: Wie konnten Sie überhaupt das Direktmandat im Wahlkreis Stuttgart II gewinnen?
Neben dem intensiven Wahlkampf habe ich sicherlich auch von der kontinuierlichen Basisarbeit meiner Vorgängerin Karin Maag und von Stefan Kaufmann als Abgeordneter im anderen Wahlkreis profitiert. Und natürlich ist es den Verhältnissen im Wahlkreis geschuldet, in dem es immer eine recht hohe Bereitschaft gab, CDU zu wählen. Mein Team und ich haben im Wahlkampf aber auch extrem auf Bürgernähe gesetzt. Und ohne personenbezogene Kampagne und Kopfplakate wäre es für mich auch äußerst schwierig gewesen. Unsere Wähler orientieren sich stärker an den Personen auf den Plakaten als die Wähler der Grünen und der AfD.
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Sie sind im Bundestag, allerdings auch mit dem zweitschlechtesten Erststimmenergebnis der direkt gewählten Abgeordneten im Land.
Das mag stimmen. Und es wird ja geschrieben, es sei für mich knapp gewesen. In absoluten Zahlen war mein Vorsprung von rund 3000 Stimmen auf die Grünen-Mitbewerberin aber nicht so ganz klein. Bei diesem Bundestrend ist insofern meine Freude nicht getrübt. Ich habe das einzige Mandat für die CDU in einer baden-württembergischen Großstadt errungen.
Der Spagat, der die Partei schon lang überfordert, nämlich die CDU-Kernwerte in einer bunten Stadtgesellschaft zustimmungsfähig zu machen, ist damit vor allem Ihr Job. Und Sie haben ja durchaus recht konservative Züge.
In der Tat glaube ich, dass ich als Großstadt-Abgeordneter der CDU in der Verantwortung stehe, die Werte der CDU zu vertreten und bei einer Erneuerung der Partei mitzuhelfen, damit sie authentischen, modernen Konservativismus repräsentieren kann, aber gleichzeitig gesellschaftliche Realitäten akzeptiert. Die CDU sollte sich über die Bereiche Wirtschaft und innere Sicherheit besser profilieren. In der Bundestagsfraktion möchte ich ebenfalls eine Stimme sein, die an unsere Grundüberzeugungen und Werte und an die soziale Marktwirtschaft erinnert, aber dabei keine Bevölkerungsgruppe ausgrenzt.
Sie meinen nicht die Freigabe von Cannabis, für die Sie früher eintraten?
Ich denke beispielsweise, dass man Ehe und Familie als die Keimzelle unserer Gesellschaft weiter fördern muss, aber nicht versuchen sollte, gleichgeschlechtliche Ehen dabei auszunehmen. Ich glaube allerdings, dass das in Stuttgart die meisten meiner Parteifreunde ähnlich sehen.
Sollte die CDU trotz Wahlpleite eine Regierungsbeteiligung erzwingen?
Die CDU muss immer regierungsfähig sein, als stabiler Anker in die Regierung eintreten und Verantwortung übernehmen können. Also muss sie sich auch jetzt bereithalten. Sie sollte aber erst einmal kleine Brötchen backen und nicht aktiv auf die FDP einwirken, damit eine Jamaikakoalition zustande kommt. Dafür haben die Wähler uns offensichtlich kein Mandat erteilt.
Wenn die CDU in der Opposition landet, wer sollte dann den Vorsitz der Fraktion übernehmen? Erneut Ralph Brinkhaus oder Armin Laschet? Oder Friedrich Merz, den Sie als Kanzlerkandidaten damals favorisiert hätten?
Wenn in sechs Monaten über einen Oppositionsführer von uns zu entscheiden wäre, sollte das nicht nur in der Fraktion geschehen, sondern ein breiter Prozess in der ganzen Partei sein. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass Armin Laschet Oppositionsführer werden möchte.
Unterstützen Sie womöglich gar die Forderung der JU Stuttgart, dass Laschet den Parteivorsitz abgibt?
Die Junge Union war schon immer eigenständig und lässt sich von Abgeordneten nicht viel sagen. Das hat sich auch heute nicht geändert.
Wie geht es mit der CDU Stuttgart weiter? Der Kreisvorsitzende wurde aus dem Bundestag gekegelt. Das Zweitstimmenergebnis in ganz Stuttgart ist auf einem katastrophalen Niedrigstand, die CDU auf Rang 3 hinter die Grünen und die SPD abgerutscht.
Es war eine herbe Niederlage. Aber da schlug sich eine aktuelle Stimmung nieder. Das sollte man nicht als Gesamtlage ansehen. Es ist noch kein Jahr her, dass wir die OB-Wahl gewonnen haben. Mit einem OB von der CDU, einem Landtagsabgeordneten und einem Bundestagsabgeordneten in Stuttgart sind wir im Vergleich zu anderen CDU-Kreisverbänden noch in einer komfortablen Lage.
Hoppla, nur ein kleiner Betriebsunfall?
Mit guten Kampagnen können wir weiterhin Wahlen gewinnen. Wir müssen uns aber als Team Stuttgart komplett neu aufstellen. Mit mehr als 2000 Mitgliedern in Stuttgart haben wir immer noch eine gute personelle Substanz. Es braucht neben schon bekannten Gesichtern auch neue Gesichter. Und das neue Team sollte in der Landes- und Bundespartei eine inhaltliche Erneuerung anstoßen.
Sollte Stefan Kaufmann bei der Vorstandswahl im November auf die erneute Bewerbung verzichten? Treten Sie an?
Diese Frage stelle ich mir zu gegebener Zeit, nicht jetzt. Gegen Stefan Kaufmann würde ich jedenfalls nicht kandidieren. Er ist im Moment unser Vorsitzender, und er kann das auch künftig sein, wenn er Teil eines neu aufgestellten Teams CDU Stuttgart sein möchte.
Sie begnügen sich damit, auch im Kreisvorstand Nachfolger von Karin Maag und damit Stellvertreter zu werden?
Ich sehe mich jedenfalls als festen Bestandteil der neuen Mannschaft. Deren Aufstellung passiert aber erst im November.
Erfahren genug würden Sie sich fühlen, die Kreispartei zu führen?
Es ist jedenfalls kein Schaden, bereits einen der großen Verbände innerhalb der Partei wie die Junge Union Stuttgart geführt zu haben. Da gibt es im Kleinen ähnliche Strukturen mit vielen Ortsverbänden.
Die Person
Werdegang
Er wurde vor 29 Jahren in Stuttgart geboren und machte hier Abitur. Er erwarb einen Bachelor als Unternehmensjurist und legte das erste juristische Staatsexamen ab. Es folgten Stationen bei Ernst & Young, Gerichten, der Staatsanwaltschaft, dem Regierungspräsidium Stuttgart, in einer Kanzlei und einem Fachverlag, dann das zweite juristische Staatsexamen. Inzwischen ist er als Rechtsanwalt zugelassen.
Privat
Seit zwei Jahren lebt er mit seiner langjährigen Freundin in Stuttgart-Mitte.