Die FDP hat ein beispielloses Debakel bei der Bundestagswahl erlebt. Zum ersten Mal überhaupt ist die Partei nicht mehr im Bundestag vertreten. Doch in dem Chaos gibt es einen, der sich in den Vordergrund drängt.

Berliner Büro: Thomas Maron (tm)

Berlin - Es ist gewiss der schwerste Gang ihres Lebens. Rainer Brüderle, der Spitzenkandidat, und Philipp Rösler, der Parteichef, stehen auf dem Podium im Berliner Congress Center, kein Applaus, sie blicken in fassungslose Gesichter. Brüderle wirkt gefasst, Rösler wie paralysiert, neben ihm, FDP-gelb gekleidet, Röslers Frau Wiebke, die mit den Tränen kämpft. Brüderle will die Hoffnung da zwar noch nicht ganz aufgeben, aber Rösler scheint sich schon keinen Illusionen mehr hinzugeben.

Was bleibt, sind Durchhalteparolen. Es werde schwieriger, aber die FDP sei noch nicht am Ende, man werde kämpfen, damit die „Stimme der Freiheit weiterhin Gehör finde“, sagt Brüderle. Was man halt so sagt in solchen Momenten. Rösler, der in seinem Wahlkreis nur 2,6 Prozent der Stimmen holte, spricht von „der bittersten, der traurigsten Stunde“ der Partei. Es sei klar, „dass er „die notwendige politische Verantwortung übernehmen werde, gar keine Frage“. Brüderle sagt das auch. Sie deuten ihren Rückzug an, wollen aber noch das totale Chaos verhindern, den Übergang organisieren. Aber wie will man einen Übergang für eine Partei organisieren, von der nicht mehr viel übrig ist?

Die Menge stöhnte auf, als die ersten Prognosen gesendet wurden. Als habe man die Liberalen getreten, ihnen in die Magengrube geboxt. Tonlos stellten die Leinwände der FDP eine Rechnung aus, mit der keiner gerechnet hat. Erstmals ist die FDP in der Geschichte der Bundesrepublik raus aus dem Bundestag. Es ist ein Desaster. Die Parteispitze hoffte, es mit einer Mitleidsnummer wieder einmal zu packen. Aber diesmal machten die Wähler nicht mit. Sie straften ab, die Zweitstimmen wanderten nicht von der Union zur FDP.

Einen Plan B hat die FDP nicht

„Für diese Situation gibt es keine Pläne“, sagt einer der Parteimanager. Was jetzt passiert, sei völlig offen. Es seien keine Allianzen erkennbar, die sich für diesen Fall im Hintergrund schon in Stellung gebracht hätten. War ja ohnehin nur ein Zweckbündnis, das die führenden Köpfe der Partei öffentlich zur Schau stellten, um gemeinsam den Wiedereinzug zu sichern. Markus Löning, der Menschenrechtsbeauftragte, macht seinem Ärger Luft. Dass es so schlimm werde, damit habe er nicht gerechnet. Aber die Fehler lägen doch auf der Hand. Einfach nur wegducken und keine Fehler machen, sei von Beginn an eine bescheuerte Strategie gewesen, sagt Löning. Wie es denn sein könne, dass eine Partei, die fünf Ministerien besetze, im Wahlkampf keinerlei inhaltliche Akzente setze. Ein anderer sagt, der Eurokurs habe der Partei das Genick gebrochen und die Alternative für Deutschland aufgebaut.

Nachmittags um halb fünf hatten die Granden der Partei erstmals die schockierenden Zahlen der Nachwahlbefragung, der so genannten Exit-Polls, analysiert. Kaum Gespräche, keine Wenn-dann-Erwägungen, stilles Entsetzen machte sich breit. Dass es am Ende doch nicht reichen könnte, damit haben sie nicht gerechnet. Ob die Regierungsbeteiligung noch drin sei, bleibe dahingestellt, hieß es vor der Wahl. Aber solide sechs bis sieben Prozent sollten schon drin sein – und dann das.

Christian Lindner tritt in den Vordergrund

Wer soll es machen, wenn kein Plan B existiert? Man müsse jetzt den drohenden Zerfall stoppen, sagt einer, der mit drinsteckt in diesem Schlamassel. Aber wie soll das gehen, wenn man an der Fünfprozentklippe zerschellt? Christian Lindner, Landeschef in NRW, eilt von Mikrofon zu Mikrofon, spricht von einer der bittersten Stunden der Partei. Er ahnt, dass er jetzt viel früher als gedacht gedrängt wird, als Retter die Partei zu führen. Ihm graut davor. Andererseits weiß er, dass dies die Stunden sind, in denen er sich nicht verweigern darf. „Ab morgen muss die FDP neu gedacht werden“, sagt Lindner, das müsse jetzt das Ziel sein.

Er habe darauf bestanden, als Erster der Führungsriege vor die Kameras zu treten, heißt es. Das weiß man zu deuten bei der FDP. Rösler werde heute wohl sein Amt zur Verfügung stellen. Brüderle kann ohnehin von nichts mehr zurücktreten. Einen Fraktionsvorsitzenden gibt es nicht mehr, einen Spitzenkandidaten auch nicht. Wer, wenn nicht Lindner, der im Frühjahr 2012 in NRW das Unmögliche möglich gemacht hatte, sollte dem Sturm trotzen?

Denn einen Sturm wird es jetzt geben, keine Frage. Eine ganze Generation von Führungsfiguren wird abtreten, die Jungen werden in die Lücken stoßen. Die Euroskeptiker um Frank Schäffler werden sich bestätigt sehen. Rund 50 Prozent aller Mitglieder sind in der Ära des Parteichefs Guido Westerwelle eingetreten. Sie kennen kein anderes Erfolgsrezept als die Polarisierung auf Teufel komm raus.

Brüderle ist bereits Geschichte

Auch sie werden nach dem braven Wahlkampf des Rainer Brüderle alle Argumente auf ihrer Seite sehen. Lindner wird sich gegen deren Begehren stemmen müssen, ausgestattet mit der Autorität eines Mannes, der als einer der Letzten gezeigt hat, wie man mit der FDP Wahlen erfolgreich bestehen kann. Der 34-Jährige gilt manchen aber auch als faules, narzisstisch veranlagtes Jüngelchen, in den Höhen der politischen Feuilletons zu Hause, nicht in den Niederungen der Partei.

Brüderle hingegen wird Geschichte sein. Er hat gekämpft bis zuletzt, war noch am Samstag in seinem Mainzer Wahlkreis unterwegs, verteilte gelbe Rosen vor einem Bau- und auf einem Wochenmarkt. Er lief umher wie ein Gezeichneter, wenn er nicht zuvor gesundgeschminkt worden war. Im Juni hatte sich der 68-Jährige Hand und Oberschenkel gebrochen, die Ärzte rieten ihm dringend ab, in den Wahlkampf zu ziehen, zu groß sei die Gefahr, sich erneut zu verletzen – Reha statt Risiko. Er schlug die Warnungen in den Wind. Die Debatte über seine Person hätte ihn aber auch ereilt, wenn es noch einmal geklappt hätte. Man hätte anerkannt, dass er sich aufrieb, mehr aber auch nicht. Sein Kurs, der jedes Profil vermissen ließ, war umstritten.

Zwar zwangen sich die Liberalen nach der Bayernwahl zu größtmöglicher Solidarität, aber es rumorte heftig wegen der massiven Zweitstimmenkampagne der letzten Tage. Nicht nur die Julis konnten sich nicht mit der Absicht anfreunden, sich als Anhängsel der Union zu verkaufen. Das als panisch empfundene Betteln um sogenannte Leihstimmen aus dem Lager der Union passe nicht zu einer freiheitlichen Partei, die sonst stets betone, dass sich nichts als Leistung lohnen solle, hieß es bei vielen Liberalen. Prompt scherte Wolfgang Kubicki, Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein, aus. Der Zweitstimmen-Kampagne „Jetzt geht’s ums Ganze“ verweigerte er sich in seinem Bundesland. Auch Christian Lindner ging auf Distanz.

Aber Fraktionschef Brüderle und Parteichef Rösler sahen keine andere Chance als die Neuauflage der FDP-Nummer aus Kohl’scher Zeit, wonach ein Unionskanzler nur mit einer Zweitstimme für die FDP sicher gewählt werden könne. Im Überlebenskampf warfen sie sich den Unionswählern vor die Füße. Und wurden von diesen am Ende getreten statt aufgerichtet.

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