Bundestagswahl 2021 Die Weltpolitik aus Sicht der Weltbürgerin
Renata Alt, die Bundestagskandidatin der FDP im Wahlkreis Nürtingen, ist bestens vernetzt – vom Kirchheimer Gemeinderat bis ins Berliner Außenministerium.
Renata Alt, die Bundestagskandidatin der FDP im Wahlkreis Nürtingen, ist bestens vernetzt – vom Kirchheimer Gemeinderat bis ins Berliner Außenministerium.
Kirchheim - Ein Internist, eine Krankengymnastik-Praxis, ein Kosmetikstudio, ein Versicherungsbüro, ein Friseursalon und ein kleines Café um die Ecke – wer will, kann aus den Mitmietern des Bürohauses in der Kirchheimer Innenstadt darauf schließen, welche Partei hier im ersten Stock ihr Wahlkreisbüro hat. Doch das wäre zu kurz gesprungen. Die Bundestagsabgeordnete Renata Alt, die von hier aus ihren Wahlkreis Nürtingen betreut, ist weit davon entfernt, ihre Arbeit im Deutschen Bundestag auf die der FDP häufig vorgeworfene Klientelpolitik für Selbstständige, Apotheker, Ärzte, Anwälte und Immobilienmakler zu reduzieren.
Ihr politischer Horizont reicht weit über die üblichen Zuordnungen hinaus. Das erklärt sich allein aus ihrem alles andere als gewöhnlichen Lebenslauf: In der ehemaligen Tschechoslowakei geboren, ist das wissbegierige und begabte Kind von seinen Eltern schon früh gefördert worden. „Ich habe im Alter von fünf Jahren zusätzlich Privatunterricht in Deutsch bekommen“, erinnert sich Renata Alt. Nahe der österreichischen Grenze aufgewachsen, gehörten auch die über Antenne empfangenen Sendungen des Österreichischen Rundfunks (ORF) zum häuslichen Hintergrundrauschen.
Ihre Hobbys – neben Lesen noch Schießen, Schwimmen und Laufen – erzählen von einer Jugend in einem gut bürgerlichen Elternhaus. Wenn noch das Reitpferd dazugekommen wäre, aus Renata Alt wäre eine passable Moderne Fünfkämpferin geworden. „Die Frage hat sich gar nicht gestellt. Reiten war in der sozialistischen Gesellschaft als dekadent verrufen“, sagt sie ohne einen Unterton des Bedauerns.
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Die Vielseitigkeit als Sportlerin hat sie sich im Berufsleben bewahrt. Studium als Chemie-Ingenieurin und Lebensmitteltechnikerin, Mitarbeit im Außenhandelsministerium in Prag, als Diplomatin nach Deutschland entsandt – und akkreditiert vom damaligen FDP-Außenminister Klaus Kinkel. Dann Wirtschaftsattaché im Generalkonsulat der Tschechoslowakischen, später der Slowakischen Republik in München. Nebenher Beratertätigkeit im Bereich Außenhandel und wissenschaftliche Beraterin in den Bereichen Gesundheit, Lebensmittelchemie, Biotechnologie und Biochemie.
Im Jahr 2000 nimmt Renata Alt die deutsche Staatsbürgerschaft an – und lernt, mittlerweile in die FDP eingetreten, dass Deutschland nicht gleich Deutschland ist. „Ich bin, kaum in München angekommen, gleich Mitglied beim FC Bayern München geworden. Nicht wegen des Fußballs, sondern weil man als Neuankömmling in einer Stadt am schnellsten über den Sportverein Menschen kennenlernt“, sagt sie. Viel später, im Rahmen einer Podiumsdiskussion auf den Fildern, hat sie sich dann gewundert, weshalb sie ob dieses Eingeständnisses von Teilen des Publikums ausgebuht wurde.
Dieses kleinteilige Denken widerstrebt ihr – nicht zuletzt, weil sie seit ihrem Einzug in den Deutschen Bundestag vor fünf Jahren den Blick auf die weltpolitischen Zusammenhänge richtet. Sie ist nicht nur Berichterstatterin der FDP-Fraktion für den Balkan, Mittel- und Osteuropa sowie Länder östlicher Partnerschaft, sondern auch Mitglied des Auswärtigen Ausschusses. Zuletzt hat sie, auf persönlichen Wunsch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, dem höchsten Repräsentanten des Landes beim Staatsbesuch in Tschechien zur Seite gestanden.
Die paar Tage in Prag hat sie sich aus den Rippen schnitzen müssen. „In Berlin jagt wegen des Afghanistan-Konflikts gerade eine Krisensitzung die nächste“, sagt sie. Durch den chaotischen Abzug aus dem Land habe der Westen viel Ansehen und Vertrauen in der Welt verspielt. „Das werden über den Tag hinaus zu spüren bekommen“, befürchtet sie. Schon jetzt herrsche Unruhe beispielsweise bei den Nicht-Regierungsorganisationen in Russland. „Angesichts des Umgangs mit den Ortskräften in Afghanistan fragen sich viele ausländische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen auch in anderen Ländern, wie es im Konfliktfall um ihren Schutz steht“, sagt sie. Gemessen an dem allgemeingültigen Anspruch, für Frieden, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und den Schutz der Menschenrechte einzutreten, sei derzeit „die schwächste Außenpolitik, die Deutschland je hatte“ am Werk.
Bei allen Wendungen, die ihr Leben bisher genommen hat, ist Renata Alt einem Grundsatz treu geblieben. „Ich habe immer jede Chance wahrgenommen, die sich mir geboten hat. Sonst wäre ich jetzt noch in der Slowakei“, sagt sie. Auf die Frage, wo sie nach dem 26. September sein wird, will sie sich nicht festlegen. Sie wolle keine Prognose abgeben. Das würden in erster Linie die Wählerinnen und Wähler entscheiden. „Ich bin für alles offen und ich bin auch bereit, Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie dann noch, auf ihre persönlichen Ambitionen in einem möglicherweise dann FDP-geführten Außenministerium angesprochen.
Pendeln zwischen Kirchheimer Gemeinderat und Berliner Bundestag
Persönliches
Renata Alt wurde 1965 in Skalica in der Tschechoslowakei geboren. Die diplomierte Chemie-Ingenieurin arbeitete 1991 im Außenhandelsministerium in Prag (Tschechien). 1992 wurde sie als Diplomatin nach Deutschland entsandt. Im selben Jahr war sie Wirtschaftsattaché im Generalkonsulat der Tschechoslowakischen Republik in München, später für die Slowakische Republik. Seit 1994 arbeitet Renata Alt im Consulting im Bereich Außenhandel. Seit 1997 ist sie zudem wissenschaftliche Beraterin im Bereich Gesundheit, Lebensmittelchemie, Biotechnologie und Biochemie.
Politik
2009 trat sie in die FDP ein, in der sie verschiedene Funktionen auf Stadt,-Kreis-, Landes-, und Bundesebene wahrnimmt. Seit 2017 ist die Kirchheimer Stadträtin Mitglied des Bundestags und gestaltet als Mitglied des Auswärtigen Ausschusses die deutsche Außenpolitik mit.
Vier Fragen an Renata Alt
Was kochen Sie gerne?
Mein Lieblingsgericht ist slowakischer Schafskäse mit Kartoffelnockerln. Ansonsten bin ich ein Fan der ayurvedischen Küche.
Wenn es keine Corona-Einschränkungen mehr geben würde, in welches Urlaubsland würden Sie dann reisen?
In die Slowakei. Wegen der Corona-Einschränkungen habe ich meine Familie dort schon viel zu lange nicht mehr gesehen.
Mit wem würden Sie gerne einen trinken gehen?
Mein Traum wäre ein Gespräch mit dem Dalai Lama über die Welt und ihre Zukunft. Das würde meinen Horizont erweitern.
Auf welchem Magazin-Cover stünden Sie gerne?
Ich habe keine narzisstische Veranlagung. Aber wenn, dann bitte auf dem Cover eines Wirtschaftsmagazins.