Die Gemengelage aus Logik des Bundestagswahlsystems und politischer Großwetterlage will es, dass ausgerechnet der Politiker, der seit dem Jahr 2002 den Wahlkreis Nürtingen mal mit größerem, mal mit weniger großem Vorsprung für sich entschieden hat, urplötzlich zum Wackelkandidaten geworden ist. Als einziger der großen Vier ist Hennrich nicht über die Landesliste abgesichert. Bisher bestand dazu auch keine Notwendigkeit, ist doch der ländlich geprägte Wahlkreis zwischen Filderebene, Neckartal und Schwäbischer Alb seit Menschengedenken eine sichere Bank für die Christdemokraten. Seitdem der Wahlkreis 262 zur Bundestagswahl 1965 neu eingerichtet worden war, ist das Direktmandat immer an die CDU gegangen.
Komfortabler Vorsprung
Vor dem Jahr 1965 gehörten die Städte und Gemeinden des ehemaligen Landkreises Nürtingen zu den Wahlkreisen Esslingen und Reutlingen. Jetzt bilden die vier Großen Kreisstädte Nürtingen, Kirchheim, Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen gemeinsam mit Aichtal, Altdorf, Altenriet, Bempflingen, Beuren, Bissingen, Dettingen, Erkenbrechtsweiler, Frickenhausen, Großbettlingen Holzmaden, Kohlberg, Lenningen, Neckartailfingen, Neckartenzlingen, Neidlingen, Neuffen, Notzingen, Oberboihingen, Ohmden, Owen, Schlaitdorf, Unterensingen und den im Landkreis Böblingen liegenden Steinenbronn und Waldenbuch einen eigenen Wahlkreis – einen der stimmstärksten in Baden-Württemberg.
Die 33,7 Prozent an Zweitstimmen, die Hennrich vor vier Jahren noch einen komfortablen Vorsprung vor seinem Verfolgertrio gesichert haben, sind angesichts der aktuellen Umfragewerte für seine Partei alles andere als ein gutes Ruhekissen. Dagegen dürfen sich Nils Schmid, Matthias Gastel und Renata Alt am Wahlsonntag schon jetzt auf der sicheren Seite fühlen. Nils Schmid, außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, sonnt sich auf Platz 2 der Landesliste in der Wertschätzung der baden-württembergischen Genossen. Auch Matthias Gastel als Nummer 9 auf der Grünen-Landesliste dürfte der Einzug in den Bundestag gewiss sein. Renata Alt kann eine einfache Rechnung aufmachen. Ihr Landeslistenplatz 7 heißt: Sie ist drin, wenn die FDP drin ist.
Etablierte haben die Nase vorn
An der Vormachtstellung der Etablierten dürften sich die Herausforderer der anderen im Parlament vertretenen Parteien erfolglos abarbeiten. Den Namen von Kerstin Hanske (AfD) sucht man auf der Landesliste der Alternativen für Deutschland vergebens und dass für Hüseyin Sahin (Die Linke) der Listenplatz 14 ein geeignetes Sprungbrett sein könnte, ist angesichts der politischen Großwetterlage eher unwahrscheinlich.
Diese Kandidatinnen und Kandidaten stellen sich zur Wahl
Im Wahlkreis 262 Nürtingen bewerben sich am Wahlsonntag elf Kandidatinnen und Kandidaten um die Gunst der Wahlberechtigten. Die bisher im Bundestag vertretenen Michael Hennrich (CDU), Nils Schmid (SPD), Matthias Gastel (Grüne) und Renata Alt (FDP) treten erneut an.
Michael Hennrich (CDU)
Michael Hennrich wurde 1965 in Balingen geboren. Sein Abitur hat er am Robert-Bosch-Gymnasium in Wendlingen gemacht. 1984 ist er in die CDU eingetreten, wo er bis 1987 Kreisvorsitzender der Jungen Union war. Seit September 2002 sitzt der Rechtswissenschaftler und Rechtsanwalt im Bundestag. Sein Direktmandat hat er seither vier Mal verteidigt. Im Berliner Parlament ist er Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und dort Berichterstatter für den Bereich Arzneimittelversorgung und Apotheken. Michael Hennrich ist Obmann im Gesundheitsausschuss und Vorsitzender der Parlamentariergruppe Arabisch Sprachige Staaten des Nahen Ostens.
Nils Schmid (SPD)
Nils Schmid ist Rechtsanwalt und 48 Jahre alt. Er hat sein Abitur am damaligen Eduard-Spranger-Gymnasium in Filderstadt gemacht. SPD-Mitglied ist er seit 1991. Von 1993 bis 1997 war er Juso-Kreisvorsitzender in Esslingen. Im Jahr 1997 ist er als Nachrücker in den baden-württembergischen Landtag gelangt, wo er zuerst finanzpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, dann ihr stellvertretender Vorsitzender und 2011, stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Finanzen und Wirtschaft wurde. Im Bundestag ist er außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und Vorstandsmitglied der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung.
Matthias Gastel (Grüne)
Matthias Gastel ist 1970 in Stuttgart geboren. Er ist ausgebildeter Altenpflegehelfer und Groß- und Außenhandelskaufmann. Er hat Betriebswirtschaftslehre studiert und verfügt über einen Studienabschluss als Diplom-Sozialpädagoge. Von 1994 bis 2014 hat er, zuletzt als Fraktionsvorsitzender, als Stadtrat in Filderstadt kommunalpolitische Erfahrung gesammelt. Von 1999 bis 2014 war er Mitglied des Kreistages. Seit Oktober 2013 ist Matthias Gastel Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort ist er Mitglied im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur und bahnpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion.
Renata Alt (FDP)
Renata Alt wurde 1965 in Skalica in der Tschechoslowakei geboren. Die diplomierte Chemie-Ingenieurin arbeitete 1991 im Außenhandelsministerium in Prag. 1992 wurde sie vom Auswärtigen Amt in Prag als Diplomatin nach Deutschland entsandt. Im selben Jahr war sie Wirtschaftsattaché im Generalkonsulat der Tschechoslowakischen Republik in München. Renata Alt ist 2009 in die FDP eingetreten. Seit 2015 ist sie Mitglied im Landesvorstand Baden-Württemberg. Sie ist Vorsitzende des FDP-Landesfachausschusses Internationale Politik, Vizevorsitzende der Liberalen Frauen Baden-Württemberg und Stadträtin im Gemeinderat in Kirchheim. Seit 2017 im Bundestag, ist Renata Alt dort Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und Berichterstatterin ihrer Fraktion für den Balkan und Mittel- und Osteuropa.
Kerstin Hanske (AfD)
Kerstin Hanske ist 1970 in Görlitz an der Grenze zu Polen geboren worden. Sie ist als Arztsekretärin in der medizinischen Verwaltung tätig. Für ihre Partei sitzt sie im Esslinger Kreistag. Zudem ist sie Co-Sprecherin des AfD-Kreisverbandes. Ihr Wahlprogramm stellt sie unter die Überschrift „Gesunde Vernunft in der Politik“. Dazu zählt ihrer Meinung nach unter anderem die Abschaffung der Kohlendioxid-Besteuerung. Klimahysterie und Genderwahn seien das Ergebnis von Teilen einer Luxusgesellschaft, die jeden Bezug zur Realität verloren hätten. Die drastische Verschärfung der Klimaziele durch die EU-Kommission und die einseitige Förderung von E-Mobilität hätten im Kreis Esslingen katastrophale Folgen.
Hüşeyin Şahin (Die Linke)
Der 33 Jahre alte Hüşeyin Şahin ist in Ankara geboren und als Dreijähriger nach Deutschland gekommen. Nicht nur deshalb nimmt er für sich in Anspruch, über den sprichwörtlichen Tellerrand hinauszuschauen. Studiert hat Hüşeyin Şahin Europawissenschaften in Passau und Marburg, mit Auslandsstationen in Chile und Istanbul. Ab 2019 war er Trainee im EU-Parlament, wo er sich auf die Schwerpunkte Wirtschaft, Finanzen und Steuern konzentriert hat. Seit dem Studium ist er Mitglied im Studierendenverband der Linken SDS, 2018 arbeitete er als Referent für Kritische Wissenschaft im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) in Marburg. Şahin verfügt über einen Masterabschluss in Europawissenschaften mit Schwerpunkt Politik- und Wirtschaftswissenschaften.
Zudem bewerben sich im Wahlkreis Nürtingen Daniel Friesch (Die Partei), Markus Mangold (Freie Wähler), Sigrid Ott (Demokratie in Bewegung), Dieter Rupp (Marxistisch-Leninistische Partei) und Illona Timmermann (Die Basis) um ein Mandat. adt