Bundestagswahl 2021 Kampf gegen den Abwärtstrend

Von grellem Rot umrahmt: Argyri Paraschaki möchte für die SPD und den Wahlkreis Esslingen in den Bundestag einziehen. Foto: /Ines Rudel

Am Sonntag, 26. September, wird ein neuer Bundestag gewählt – und Argyri Paraschaki möchte mittendrin dabei sein. Die 43-jährige Sozialdemokratin kämpft im Wahlkreis Esslingen mit klassischen SPD-Parolen gegen den Abwärtstrend der Genossen an.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Esslingen - Auf dem Weg zum Interviewtermin begegnet sie einem auf Schritt und Tritt. Von einem grellen Rot umrahmt, lächelt Argyri Paraschaki verhalten von vielen Plakaten. Abseits der Wahlkampffotos ist sie anders. Im persönlichen Kontakt wirkt die 43-Jährige fröhlicher, ungezwungener, fassbarer. Sie lacht, sprüht, glüht, hat Temperament – das Erbe ihrer griechischen Eltern. Vater und Mutter lebten als „Gastarbeiter“ in Deutschland, die Mutter machte 1977 zwischen zwei Jobs Urlaub auf ihrer Heimatinsel Rhodos, brachte dort ihre Tochter zur Welt und reiste mit dem gerade vier Wochen alten Baby wieder zurück nach Esslingen. „Ich bin hier aufgewachsen und wurde hier sozialisiert“, sagt Argyri Paraschaki, die für die SPD und den Wahlkreis Esslingen bei der Bundestagswahl am Sonntag, 26. September, antritt.

 

Eselsbrücke für Begriffsstutzige

Schnell macht sie klar, dass ihre ersten Lebensmonate ihr politisches und berufliches Programm vorskizzierten. Sie ist in Griechenland daheim und in Deutschland zu Hause. Und es ist ihr Herzensthema, südländischen Migrationshintergrund und schwäbische Verwurzelung harmonisch miteinander zu verbinden. Es müsse normal werden, dass jemand mit ihrem Nachnamen für politische Ämter kandidiere, erklärt die Sozialdemokratin. Wer sich mit ihrem Vornamen schwer tut, für den hat sie eine clevere Eselsbrücke gefunden: Die „Silberne“ lautet die Übersetzung aus dem Griechischen, das lateinische Wort für Silber ist „Argentum“ – und von dort ist es nur ein kurzer Schritt zu Argyri.

SPD-Klingen werden gekreuzt

Die Silberne weiß mit Worten zu glänzen und notfalls auch zu blenden. „Eine Gesellschaft des Respekts“ - „Ein Aufhalten des Klimawandels“ - „Sichere, stabile Renten“ - „Bildung für alle“ - „Bezahlbaren Wohnraum“, fordert sie in oft gehörten Schlagworten. Diese klassischen sozialdemokratischen Klingen sollten ihrer Ansicht nach auch in politischen Alltagszwängen weiter geschwungen werden und dürften sich weder abschleifen noch stumpf werden. Aus Überzeugung ist sie in die SPD eingetreten. Familiäre Traditionen, der Widerstand der Partei gegen die nationalsozialistische Diktatur, der Gleichheitsgedanke und die biografische Erfahrung der Quereinsteigerin haben sie dabei beeinflusst. Nach der zehnten Klasse hat sie das Mörike-Gymnasium verlassen: „Das Leben verläuft nicht linear“. Dann hat sie gejobbt, gekämpft, gelebt, gelitten, und auch in den Gastronomiebereich hineingeschnuppert. Als Servicekraft, so erinnert sie sich, hat sie den Umgang mit Menschen und Höflichkeit gelernt: „Ich dachte, wenn ich schon für die Gäste laufen muss, dann kann ich auch freundlich für sie laufen.“

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Schließlich hat sie sich zur Wirtschaftsfachwirtin hochgearbeitet. Als Geschäftsführerin ist sie derzeit für den baden-württembergischen Landesverband der kommunalen Migrantenvertretung (LAKA) tätig und unterrichtet auch Menschen aus vielen Ländern in politischer Bildung und dem bundesrepublikanischen System. Das macht sie mit Herzblut. Und es färbt ab. Der Bundestag müsse ein Querschnitt der Bevölkerung sein. Eine Beteiligung aller am Politikprozess, Chancengleichheit und authentische Politikstrukturen formen ihr Credo. „Leichte Verständlichkeit“ sind Begriffe, die immer wieder fallen. Warum die Corona-Bestimmungen nicht auch in einer einfachen Sprache veröffentlicht wurden, kann sie nicht verstehen.

Servicekraft und Wirtschaftsfachwirtin

Sie kann hitzig politisieren, doch der Esslinger Sommer ist kühl. Darum hat Argyri Paraschaki immer einen Schal dabei. Dass sich die darbende Volkspartei SPD angesichts magerer Wahlergebnisse ebenfalls warm anziehen muss, ist ihr bewusst. Die Hartz-IV-Gesetzgebung und Gerhard Schröders Agenda 2010 seien schuld daran. Und dass die Genossen diesen Fauxpas aus ihrer Sicht nie rückgängig gemacht haben. Doch Argyri Paraschaki klammert sich an den zeitweiligen Umfragehype von Kanzlerkandidat Olaf Scholz und verlässt sich auf sich selbst. Auch im Wahlkampf bleibt sie voll berufstätig, Mails, Anfragen, Hausbesuche und Kontaktpflege macht sie nach und vor Feierabend. Sie hat kein Wahlkreisbüro im Hintergrund, kein hauptamtliches Team im Rücken – Ehrenamtliche unterstützen sie in ihrer Freizeit. Und ein paar Tage Urlaub auf Rhodos müssen trotz politischem Ehrgeiz schon drin sein.

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Reisen und Kultur sind die Hobbys von Argyri Paraschaki, die im Juni geheiratet hat. Fragen nach dem Ehemann und seiner Haltung zu einer möglicherweise viel beschäftigten Partnerin im Bundestag bringen sie auf die Palme: „Das werden die Männer ja auch nicht gefragt.“ Schon jetzt sei sie gut eingespannt, würde im Job wie im Ehrenamt jeweils 100 Prozent geben. Macht 200 Prozent. Ein bisschen viel – selbst für ein Temperamentsbündel. Doch das Ehrenamt dreht sich wie der Beruf um ihr Lebensthema, die Zusammenfügung von Migration und Deutschland. So ist sie auch Mitglied im Verein Kalimera, einer deutsch-griechischen Kulturinitiative. Aber sie kann auch überraschen. In einem Bundestagsausschuss für Verbraucherschutz würde sie gerne mitarbeiten. Eine steife Materie für einen so fließenden Charakter? Sie mag die „Silberne“ heißen. Doch glänzen und glimmen kann Argyri Paraschaki in vielen Facetten.

Argyri Paraschaki

Argyri Paraschaki, im September 1977 geboren, hat verschiedene berufliche Stationen etwa als Projektleiterin bei einem Automobilzulieferer oder Betriebsrätin für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer absolviert. Derzeit arbeitet die Wirtschaftsfachwirtin als Geschäftsführerin des Landesverbandes der kommunalen Migrantenvertretungen Baden-Württemberg (LAKA BW), ist ehrenamtliches Mitglied im SWR-Rundfunkrat und Vorsitzende des Fachrates Migration und Integration der Stadt Esslingen. Bei ihrer Nominierung als Bundestagskandidatin für die SPD im Wahlkreis Esslingen hat sie sich gegen gegen den Kreisvorsitzenden der Jusos Daniel Krusic durchgesetzt.

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