Bundestagswahl 2025 im Strohgäu Von Ausreißern und hohen Wahlbeteiligungen

Am Tag nach der Wahl wird das Ergebnis analysiert. Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

In Hemmingen hat die AfD besonders viele Stimmen geholt. In seiner Heimatgemeinde ist der SPD-Vertreter stark. Am Tag danach bleiben aber auch Fragen unbeantwortet.

Ludwigsburg: Franziska Kleiner (fk)

Am Tag nach der Wahl weichen die Emotionen den Analysen. Die Stimmung bei Beteiligten und Beobachtern ist gedämpft, die Aussagen sind getragen von ruhiger Zurückhaltung. Katerstimmung und Wunden lecken hier, zurückhaltende Freude dort. Zugleich harrt manch’ Frage einer Antwort. Etwa in Hemmingen.

 

In der rund 8200 Einwohner zählenden Gemeinde hat die Alternative für Deutschland 21,5 Prozent aller Zweitstimmen geholt. 980 Hemminger stimmten für diese Partei. Ihrem Kandidaten Martin Hess hatten knapp 21 Prozent der Wähler ihre Erststimme gegeben. Das ist ein Zuwachs von je rund zehn Prozentpunkten im Vergleich zur Bundestagswahl vor vier Jahren. Im Wahlkreis Ludwigsburg insgesamt hatte die AfD 16,9 Prozent bei den Erst- und Zweitstimmen geholt. Das ist ein Zugewinn von jeweils 8,4 Prozentpunkten.

Bürgermeister Thomas Schäfer (CDU) schreckte bei der Analyse nach eigenen Angaben auf. Hemmingen habe die höchsten AfD-Zweitstimmen im Wahlkreis Ludwigsburg und die drittmeisten AfD-Stimmen im Landkreis. „Eine Erklärung hierfür habe ich nicht“, sagt Schäfer. „Es gibt derzeit kein kontroverses Thema in Hemmingen, das im Dunstkreis die AfD-Wähler anziehen könnte, noch gibt es meines Erachtens eine kommunalpolitisch spürbare Unzufriedenheit, die in einer möglichen Protestwahl münden könnte.“ Zwar sitze seit der Kommunalwahl ein Vertreter der AfD aus Hemmingen im Kreistag. Aber dieser sei „in meiner Wahrnehmung zumindest nicht öffentlich als AfD-Mitglied hier im Ort sichtbar“.

Macit Karaahmetoğlu Foto: Simon Granville

Im Vergleich der Strohgäu-Kommunen – Ditzingen, Gerlingen, Hemmingen und Korntal-Münchingen – war die Kommune Hemmingen für die SPD ein besonderes Pflaster. In der Heimatgemeinde des bisherigen und künftigen SPD-Bundestagsabgeordneten Macit Karaahmetoğlu kamen die Sozialdemokraten auf knapp 15,6 der Stimmen. Das ist etwas mehr als im Wahlkreis, wo die SPD 15,1 Prozent holte. Karaahmetoğlu selbst kam dort auf 16,3 Prozent. Das sind 1,1 Prozentpunkte mehr als im Wahlkreis Ludwigsburg insgesamt.

Ehe Karaahmetoğlu am Montagvormittag wieder im Flugzeug nach Berlin saß, zeigte er sich erleichtert über das Ende eines anstrengenden, komprimierten Wahlkampfs. Zufrieden war er nicht mit dem Ergebnis. „Mit diesem historisch schlechten Wahlergebnis kann niemand glücklich sein.“ Gleichwohl, so der Sozialdemokrat, sei er erleichtert darüber, „dass bei uns nicht zutrifft, was bei der Union eingetreten ist“, sagt er mit Blick auf das aus seiner Sicht schlechte SPD-Ergebnis. Man habe die Umfragewerte gekannt. Nun liege man mit bundesweit 16,4 Prozent darüber, während die CDU unter dem prognostizierten Ergebnis blieb. Ein gutes Ergebnis indes sei die Möglichkeit zu einer Koalition aus Union und SPD. „Dass die FDP nicht dabei ist, ist ein Segen.“ Möglich sei nun eine Regierungsbildung „ohne Hochstapler Lindner“, so der Jurist.

Trumpf-Chefin bedauert Ausscheiden der FDP

Gegenteilige Worte sind aus der Wirtschaft zu hören. „Ich bedaure das Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag sehr“, sagt beispielsweise Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller. „Ich gratuliere dem Wahlsieger Friedrich Merz. Er ist der richtige Kanzler für unser Land angesichts der immensen Herausforderungen, vor denen es steht. Im Inland nicht anders als weltweit mit Blick auf die USA, China oder Russland.“ Zugleich richtet die Vorstandsvorsitzende des Ditzinger Laserspezialisten den Blick nach vorn: „Die möglichen Koalitionäre müssen schnellstmöglich die Grundlagen dafür schaffen, dass die Wirtschafts- und Mittelstandspolitik wieder deutlich mehr Gewicht bekommen als bislang.“ Der Koalitionsvertrag müsse eine starke wirtschaftspolitische Handschrift tragen, dabei die besondere Rolle inhabergeführter Unternehmen berücksichtigen. „Wachstumsimpulse statt höherer Steuern und Umverteilungspläne muss die Devise sein. Ich könnte auch sagen: Innovationen statt Subventionen.“

Die Christdemokraten hatten in Gerlingen mit etwas mehr als 36,5 Prozent im Strohgäu ihr stärkstes Zweitstimmenergebnis geholt, gefolgt von Korntal-Münchingen. Dort kam die CDU auf 35,5. Steffen Bilger selbst kam hier auf sein stärkstes Ergebnis im Strohgäu, er vereinigte 40,7 Prozent der Erststimmen auf sich. Vor allem diese beiden Kommunen waren auch für die Grünen ein gutes Pflaster.

Während Bilger das Direktmandat im Wahlkreis holte, ziehen Sandra Detzer für die Grünen, Martin Hess für die AfD sowie Macit Karaahmetoğlu (SPD) über die Landesliste in den Bundestag ein.

Neben der unverändert starken Repräsentanz des Wahlkreises in Berlin hebt Ditzingens Oberbürgermeister Michael Makurath (parteilos) die „starke Wahlbeteiligung“ hervor. Diese lag in Ditzingen bei fast 86 Prozent. „Das ist ein gutes Zeichen für eine vitale Demokratie.“ In Gerlingen und Korntal-Münchingen lag sie je knapp darüber.

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