Vier Schülerinnen und Schüler an der Gewerblichen Schule Im Hoppenlau: Rukye B., Robin A., Nora Stanke und Willi Dehlinger (im Uhrzeigersinn von li. oben) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Bei der Bundestagswahl stimmen Millionen junger Leute zum ersten Mal ab. Auch unter ihnen ist der Frust über die Lage in Deutschland groß. Einige Fragen sind ihnen besonders wichtig. Ein Besuch in einer Stuttgarter Berufsschule.
Michael Weißenborn
21.02.2025 - 16:00 Uhr
Rukye B. ist kaum zu bremsen: „Ich möchte, dass jeder so angenommen und respektiert wird, wie er ist. Gruppenzwang darf es nicht geben“, meint die 19-jährige. Sie ist im zweiten Lehrjahr zur Bäckereichfachverkäuferin an der Gewerblichen Schule Im Hoppenlau in Stuttgart. Die junge modisch geschminkte Frau, lila Kopftuch und schwarze Ohrwärmer, spricht schnell und wirkt, als stünde sie unter Strom. Der Antrag für eine schärfere Asylpolitik, den die Union vor Kurzem mit den Stimmen der AfD im Bundestag durchbrachte, habe sie schockiert. Das sei rassistisch. Auch deshalb werde sie bei der Bundestagswahl die Partei „Die Linke“ wählen, sagt die Berufsschülerin mit türkischen Wurzeln. Die Linke habe in Sachen Rassismus einen klaren Standpunkt: „Sie sind solidarisch und treten auch für Frieden und gegen Krieg ein“, so Rukye B.
Gegen Rassismus und Krieg
Ihre Mitschülerin Layla I. sieht das ganz ähnlich. Die Art und Weise, wie im Wahlkampf über Migration gesprochen wird, regt sie auf. Sie habe die Wahlprogramme von CDU und AfD miteinander verglichen. „Da gibt es viele Punkte gegen Ausländer“, meint die 18-Jährige Auszubildende. Auch sie wählt deshalb die Linke. Steht diese vor Kurzem noch beinahe totgesagte Partei wegen zahlreicher neuer Anhänger, besonders in jungen städtischen Milieus vor einer Wiedergeburt? Nicht, wenn es nach dem Willen von Robin A. geht. „Wir brauchen wieder mehr Grenzkontrollen. Wir müssen kontrollieren, wer ins Land reinkommt“, meint der Müllerlehrling aus der Nähe von Trier. Er habe nichts „gegen Ausländer, die legal ins Land kommen und hier arbeiten“, betont der 20-Jährige. Er ist der einzige der Befragten, der offen sagt, dass er die AfD wählt. „Damit sich was ändert.“ Viele Mitschüler widersprechen leidenschaftlich, lassen ihm aber seine Meinung. Zeigt sich da auch unter den Jungen die Polarisierung an den politischen Rändern?
Fast 100 Jahre alt: Die Gewerbliche Schule Im Hoppenlau. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Seit den Europa- und Landtagswahlen 2024, bei denen die AfD bei den unter 25-Jährigen stark gepunktet hat, geht die Sorge um vor einem starken Rechtsruck unter den rund sechs Millionen Jungwählern. An der Gewerblichen Schule Im Hoppenlau, einem altehrwürdigen Gemäuer im Stuttgarter Westen, zumindest ist der – unter den mitdiskutierenden Schülern an diesem Nachmittag – nicht feststellbar.
Seit beinahe 100 Jahren werden an der Berufsschule Handwerker, darunter Bäcker, Metzger, Hotel- und Gaststättenfachleute oder Müller, ausgebildet. Aktuell sind es gut 1300 Schüler, mehr als die Hälfte haben einen Migrationshintergrund. „Bodenständige Leute“, nennt der stellvertretende Schulleiter Peter Knöll seine Schülerinnen und Schüler.
Zukunftssorgen
Neben der Zuwanderung stehen auch die Themen Wirtschaft und Lebenshaltungskosten bei den Berufsschülern ganz oben. Sie machen sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft. Zum Beispiel Nora Stanke. Sie kritisiert das aus ihrer Sicht zu geringe Lehrlingsgehalt. „Für uns wäre mehr Lohn wichtig, damit man davon leben und sich eine eigene Wohnung leisten kann“, sagt die angehende Bäckereifachverkäuferin. Zudem seien in den vergangenen Jahren auch die alltäglichsten Dinge teuer geworden. Daneben liegt ihr auch der Umweltschutz am Herzen. Zur Wahl will die blonde junge Frau aber nicht gehen. „Die Politiker versprechen viel, aber halten nichts“, meint die 20-Jährige desillusioniert.
Lehrerin Manuela Bilger: „Wir müssen viel mehr Verständnis dafür wecken, wie eine demokratische Gesellschaft funktioniert.“ Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Nicht wählen zu gehen, ist für Willi Dehlinger keine Lösung. „Wer nicht zur Wahl geht, braucht sich nicht darüber beklagen, dass seine Stimme nicht gehört wird“, meint der Bäckereifachverkäufer-Azubi. Früher habe er sich nicht sonderlich um Politik gekümmert, erzählt der 25-Jährige. Dann habe er sich zunächst für die Parteien der Mitte – von der CDU über die Grünen bis zur SPD – interessiert. Bei seiner zweiten Bundestagswahl will er nun „was Ordentliches“ wählen: die Linke.
Wichtigstes Thema für ihn – neben Migration und Rechtsruck – „unser Arbeitsmodell“: Um vier Uhr in der Früh aufstehen, fünf Acht-Stunden-Tage pro Woche auf den Beinen, mit einer mitunter anstrengenden Kundschaft, dazu einen eigenen Haushalt führen – das sei kein gutes Leben, sagt er: „Wo bleibt da die Work-Life-Balance?“ Auch er meint: „Es muss sich was ändern.“
Ihren Schülern Wissen über Politik und Demokratie zu vermitteln, sei „schon eine Herausforderung“, erzählt Manuela Bilger, die Gemeinschaftskundelehrerin an der Stuttgarter Berufsschule. Politik scheint für viele weit weg, das Wissen darüber „unterschiedlich und oft sehr oberflächlich“, meint die Lehrerin, die seit 25 Jahren an der Schule unterrichtet.
Experimentierfreudig
Ein Problem: „Jugendliche nutzen Medien vor allem über ihr Smartphone und informieren sich im Netz“, sagt Michael Wehner von der Landeszentrale für politische Bildung (LpB). Und zumindest dort dominiert bisher – abgesehen vom neuen Linken-Internetpromi Heidi Reichinnek – vor allem die AfD. „Jugendliche sind Spiegelbild der Gesellschaft. Krisen, Kriege, Klimakollaps verunsichern sie noch mehr als Erwachsene. Sie haben Angst davor, dass es ihnen schlechter gehen könnte als uns heute“ , sagt Wehner . Sie misstrauten Politikern, die sich vor allem an der Mehrheit der älteren Wähler orientieren. Generell gelte: „Jugendliche sind in ihrem Wahlverhalten längst nicht so festgelegt wie Erwachsene“, so der Freiburger Politologe. Auch da probiere sich die vernachlässigte Wählergruppe aus. Favorisierte sie 2021 noch Grüne und die FDP, lägen laut Forsa-Umfrage aktuell Linke, AfD und Grüne vorne. Manuela Bilger wünscht sich für die Schüler derweil deutlich mehr politische Bildung. Für Gemeinschaftskunde hat sie nur eine einzige Stunde pro Woche. „Wir müssen viel mehr Verständnis dafür wecken, wie eine demokratische Gesellschaft funktioniert, in ihren Worten“, sagt sie. Zu lange habe man die Demokratie für selbstverständlich gehalten. Ihr Rezept: „Ich frage die Schüler: In welchem Land wollt Ihr leben? Wie organisiert man eine Gemeinschaft, damit alle mitgenommen werden?“ So könnten sie lernen, wie sie aktiv etwas mitgestalten könnten und wie schwierig es mitunter sei, Kompromisse auszuhandeln. „Wir müssen klarmachen, dass wir in einer Gemeinschaft leben, dass wir ihnen mit Respekt begegnen und Grenzen setzen.“ Das sei viel wirksamer, als mit dem moralischen Zeigefinger vor der AfD zu warnen.
Alles ist Wirtschaft
„Die Demokratie ist die beste Staatsform, die wir haben können“, meint Norm Frenzel. Für den 21-Jährigen Müllerlehrling aus Rheine in Nordrhein-Westfalen steht außer Frage: „Diese Bundestagswahl ist besonders wichtig.“ Für ihn ist die Wirtschaftspolitik das alles überragende Thema. Die Ampel habe es versäumt, die Weichen richtig zu stellen. Nun hofft Norm Frenzel, dass dies nach der Wahl korrigiert wird. Auch wenn es sicher nicht leicht werde. „Deutschland muss wirtschaftlich wieder stark werden.“