Wenn es um das Politikinteresse junger Menschen geht, liegen laut Team Tomorrow zwischen den einzelnen Stadtvierteln im Kessel manchmal Welten. „Wir waren letztes Jahr im Rahmen der Kommunalwahlen in einigen Stuttgarter Schulen unterwegs und haben je nach Gegend deutliche Unterschiede bemerkt“, berichtet Anna-Lena Sonntag. Die 22-Jährige studiert empirische Politik und soziale Forschung und ist aktuell als Werkstudentin Teil von Team Tomorrow. „Am Gymnasium im Stuttgarter Süden haben die Schüler:innen zum Beispiel ein ganz anderes Interesse an Politik als in einer Realschule in Untertürkheim. Beeinflusst werden kann das politische Interesse junger Menschen unter anderem durch das Elternhaus oder die soziale Herkunft", sagt sie. "Wenn man sich noch nie mit Politik auseinandergesetzt hat, kann das alles natürlich erstmal überfordernd sein."
„Es gibt genug junge Menschen, die etwas verändern wollen!“
Dass sich junge Menschen aber per se nicht für Politik interessieren, sieht Anna-Lena anders: „Ich würde sagen, dass es grundsätzlich genug junge Menschen gibt, die Politik als wichtig empfinden. Viele sehen es auch als Privileg, dass sie sich hier in der Stadt in Vereinen, zum Beispiel bei uns, oder in verschiedenen Jugendorganisationen engagieren können. Es gibt genug junge Menschen, die etwas verändern wollen – selbst wenn sie in einem Alter sind, in dem sie zum Beispiel noch gar nicht wählen dürfen. Das sieht man bei Fridays for Future oder bei den Demos gegen Rechts. Ich glaube, dass jungen Menschen heute viel mehr bewusst ist, dass sie es sind, die das Ruder wieder herumreißen müssen. Politik wird von uns sehr schnell sehr viel ernster genommen, als so manche denken“, sagt sie. „Und wenn sich Menschen wirklich so gar nicht für Politik interessieren, liegt das oft an der Einstellung, die eigene Stimme würde ja eh nix bringen.“
Es herrscht eine Parteipolitikverdrossenheit
Auch Tomma Profke, Mitgründerin von Team Tomorrow, sieht bei jungen Stuttgarter:innen keine generelle Politikverdrossenheit. „Wenn, dann sind sie parteipolitikverdrossen“, stellt die 41-Jährige klar. „Das liegt vor allem daran, dass es nicht wirklich sexy ist, was die Politik einem da vorlebt. Das schreckt ab. Und das kann ich auch absolut nachvollziehen. Trotzdem sind hier in Stuttgart super viele junge Menschen politisch interessiert. Dabei muss man auch bedenken, dass Menschen mit Migrationsgeschichten zum Beispiel gar nicht immer wählen dürfen – trotzdem bekommen auch diese Menschen natürlich die Stimmung im Land mit, engagieren sich, wollen mitreden und mitbestimmen“, so Tomma.
Junge Menschen dürfen mitbestimmen
Ein großes Missverständnis ist laut Tomma, dass sich viele Jugendliche gar nicht so richtig bewusst sind, dass sie politisch interessiert sind. „Das liegt vor allem daran, dass sie nicht einordnen können, ob ein Thema etwas mit Politik zu tun hat oder nicht – oder dass sie eben denken, sowieso nichts ändern zu können“, erzählt sie. „Junge Menschen können aber super viel mitbestimmen, das ist sogar in unserer Gemeineverodnung verankert. Dafür gibt es hier in Stuttgart zum Beispiel den Jugendrat und den Jugendgemeinderat."
"Ich will die Stadt und unsere Zukunft aktiv mitgestalten"
Alexander Schneider, BVB’ler bei Team Tomorrow, hat bereits im Stuttgarter Jugendrat mitgewirkt und erklärt: „Im Jugendrat arbeiten wir mit dem Gemeinderat und den verschiedenen Stuttgarter Ämtern zusammen – immer, wenn es um sogenannte ‚jugendrelevante Themen‘ geht. Das kann ein Skatepark sein, aber auch große Themen wie Klima.“ Die Motivation des 20-Jährigen? „Ich will die Stadt und unsere Zukunft aktiv mitgestalten. Wenn die Politik merkt, dass das Interesse von uns jungen Leuten da ist, dann kommt auch meist etwas zurück.“
Rekord bei Bewerber:innen zur Jugendratswahl 2025
Dass junge Stuttgarter:innen politisch interessiert sind und sich engagieren möchten, zeigt auch die Anzahl der Bewerber:innen für die diesjährige Jugendratswahl. „2023 gab es 319 Kandidat:innen aus 19 von 23 Stadtbezirken, in denen es genug Bewerber:innen gab. In diesem Jahr waren es schon 436 Bewerber:innen und es wurde in 22 von 23 Stadtbezirken gewählt. Sogar in Bezirken, in denen früher kein Jugendrat gestellt wurde, standen jetzt Leute zur Wahl“, berichtet Tomma. „Aus jedem Stadtbezirk gibt es dann zudem noch einmal zwei Menschen, die dann im Jugendgemeinderat Themen über die Stadtbezirke hinaus und für die ganze Stadt besprechen.“
Was beschäftigt junge Stuttgarter:innen?
Die Motivation junger Leute in Stuttgart ist also da. Getrieben wird sie von ganz unterschiedlichen Themen. „Uns beschäftigen eigentlich jede Woche andere Sachen“, sagt Alex. „Ein großes Thema ist immer wieder Schule, aber auch Klima, Freizeitangebote, Wohnen, Geld und Ausbildungsmöglichkeiten“, sagt er. „Diese Themen sind per Gesetz zwar nicht jugendrelevant, den jungen Stuttgarter:innen aber trotzdem extrem wichtig“, ergänzt Tomma.
Die Qual der Wahl?
Auch wenn die Parteien die jungen Menschen nicht komplett erreichen, kann Team Tomorrow nur ermutigen, trotzdem – oder gerade deswegen – am 23. Februar zur Bundestagswahl zu gehen. „Wählen ist ein Privileg“, sagt Politikwissenschafts-Studentin Clea Ihle. „Gerade jetzt, wo es populistische und demokratiefeindliche Kräfte in unserem Land gibt, gibt es nichts Wichtigeres, als wählen zu gehen“, so die 22-Jährige. „Ich kann verstehen, wenn sich junge Menschen von der Politik verlassen fühlen. Und ja, das liegt vor allem auch daran, dass Parteien oft hauptsächlich Politik für ältere Menschen machen“, sagt sie. „Die zwei Kreuze sind der einfachste Schritt, sich in unsere Demokratie einzubringen“, ergänzt Tomma. „Wichtig ist dabei natürlich, dass man sich vorher informiert, was man wählt. Da helfen wir gerne weiter und es gibt auch gute Programme der Öffentlich-rechtlichen, die Politikthemen gut und einfach erklären. Noch haben wir das Privileg, in einer Demokratie zu wählen. Nicht zu wählen, ist da keine Option.“
„Es liegt jetzt an uns!“
Doch was, wenn man nicht weiß, wen man wählen soll? „Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass man zu 100 Prozent mit einer Partei übereinstimmt“, sagt Anna-Lena. „Wir haben hier jedoch das große Glück, eine Auswahl an Parteien zu haben. Deshalb sollte jede:r schauen, welche Partei seine oder ihre Themen vertritt. Jede:r hat die Verantwortung, bei unserer Demokratie mitzumachen. Also ist dieser kleine Mental-Health-Walk am Wahlsonntag genau das Richtige. Denn es liegt jetzt an uns.“
Auch Studie bescheinigt jungen Menschen Politikinteresse
Dass das politische Interesse junger Menschen gestiegen ist, bestätigt auch Prof. Dr. Angelika Vetter vom Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart und verweist auf die aktuelle Shell-Jugendstudie. Diese zeigt, dass sich 50 Prozent der Jugendlichen in Deutschland im Jahr 2024 als politisch interessiert bezeichnet haben. In den 2000er-Jahren lag dieser Wert noch deutlich niedriger – 2002 beispielsweise bei nur 30 Prozent. Junge Menschen beschäftigen sich laut Studie aktiv mit Politik, und auch die Bereitschaft, sich politisch zu engagieren, ist gestiegen – von 22 Prozent im Jahr 2002 auf 37 im vergangenen Jahr.
„Das hat – wie bei anderen Altersgruppen auch – mit der zunehmenden Politisierung unserer Gesellschaft zu tun“, erklärt Prof. Dr. Vetter. „Bestimmte Themen wie Klima, Asylpolitik und Zuwanderung oder aktuell auch Wirtschaftssorgen, Inflation sowie Krieg und Frieden beschäftigen viele Menschen – auch die jungen. Und wenn sich Menschen von bestimmten Themen betroffen fühlen, beginnen sie, sich damit auseinanderzusetzen und dafür zu interessieren.“
Mehr Interesse sorgt für mehr Beteiligung
Vom höheren Politikinteresse gehe laut der Expertin auch eine stärkere Bereitschaft zur Beteiligung aus. „Beteiligung hängt von Ressourcen wie Zeit und Bildung ab – aber eben auch von Motiven wie Interesse. Dadurch steigt nicht nur die Beteiligung junger Menschen, sondern auch die anderer Altersgruppen“, so Prof. Dr. Vetter. „Das haben wir auch an – aktuell nicht mehr so sichtbaren – Demonstrationen wie Fridays for Future sehr gut erkennen können.“
Steigende Wahlbeteiligung
Doch treibt das Interesse die jungen Menschen auch an die Wahlurnen? „Ja“, sagt die Stuttgarter Expertin. „Wir sehen generell seit einigen Jahren eine steigende Wahlbeteiligung bei Bundes-, Landtags-, Europa- und Kommunalwahlen – und das über alle Altersgruppen hinweg.“
„Jugendliche sind junge Erwachsene“
Den Grund für das steigende Interesse an Politik sieht Prof. Dr. Vetter im großen Engagement junger Menschen für Klimafragen – aber auch in Themen wie Sicherheit, wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlichem Zusammenleben. „Jugendliche sind junge Erwachsene. Es wäre eine falsche Vorstellung, dass sich Jugendliche für andere Themen interessieren als ältere Menschen.“