Bundestagswahl Das große Duell

Wenn am Sonntagabend Angela Merkel (CDU) auf ihren SPD-Herausforderer Martin Schulz trifft, werden bis zu 20 Millionen Menschen zuschauen. Beide bereiten sich ganz unterschiedlich auf den Schlagabtausch vor.

Die Kanzlerin und ihr Herausforderer debattieren am Sonntag vor großem Publikum. Foto: EPA
Die Kanzlerin und ihr Herausforderer debattieren am Sonntag vor großem Publikum. Foto: EPA

Berlin - Der Druck, der auf Martin Schulz vor dem TV-Duell lastet, ist enorm. Von seiner „letzten Chance“ ist die Rede, von der einzig verbliebenen Gelegenheit, das Blatt noch zu wenden. Die SPD hat selbst einiges dazu beigetragen, die Latte so hoch zu legen, dass ihr Kanzlerkandidat sie eigentlich nur reißen kann. Während Kanzlerin Angela Merkel vor so einer Situation von ihren Leuten eigentlich immer nur den Gegner starkreden lässt, rühmen die Genossen die kommunikative Überlegenheit von Schulz, der klarer, einfühlsamer, den Menschen zugewandter formulieren könne.

Der SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann erklärte das Duell schon vorab für entschieden. Er kündigte an, dass die einzige Gelegenheit für den Herausforderer, mit der Kanzlerin vor dem Wahlabend die Klingen zu kreuzen, die Wende einleiten werde. „Wir werden am Sonntag eine Veränderung in den Umfragen bekommen“, sagte Oppermann im ZDF. Der Mann hat leicht reden, schließlich muss ja nicht er vor die Kameras treten.

Die SPD hätte zwei Duelle favorisiert

Fast alle Umfragen vermitteln den Eindruck, Schulz sei schon geschlagen. Aber zwei Werte nähren bei der SPD die Hoffnung. Die hohe Zahl der Unentschlossenen und die mögliche Einschaltquote während des Duells. Bis zu 20 Millionen Zuschauer werden erwartet. Das macht die 90 Minuten im Studio in Berlin-Adlershof zum Kristallisationspunkt der Zuversicht. Während der Verhandlungen machten die Genossen im Willy-Brandt-Haus zwar keinen Hehl draus, wie sehr sie das, was die Kanzlerin den Sendern diktierte, erzürnte. Aber öffentlich unterließen sie harte Attacken. Fest steht, dass die SPD alle Reformvorschläge der Fernsehsender akzeptiert hätten, die das Ziel verfolgten, die Debatte lebendiger zu gestalten, Vertiefungen zu ermöglichen und Zuschauer ins Spiel zu bringen. Man hätte auch an zwei statt nur einem Duell Gefallen gefunden. Aber das sei alles mit Merkel und deren Emissären aus dem Kanzleramt, der Merkel-Vertrauten Eva Christiansen und Regierungssprecher Steffen Seibert, nicht zu machen gewesen.

Jede Form gesteigerter Dynamik und Spontaneität, die dem leidenschaftlichen rheinischen Temperament des Herausforderers entgegengekommen wäre, wurde abgelehnt. Aber es hilft Schulz nur wenig, wenn deshalb der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender der Kanzlerin Erpressung vorwirft. Er muss sich mit der Angriffsfläche abfinden, die Merkel ihm bietet. Schulz hat schon mal verraten, dass er nicht gedenke, Merkel persönlich zu attackieren. Er respektiere sie, werfe ihr aber vor, keinen Plan zu haben. Er wolle sie deshalb auf der Sachebene stellen. Aber auch das wird ihm nicht leichtfallen, denn die SPD hat in den vergangenen fast zwölf Jahren acht Jahre lang mitregiert. Deshalb dürfte sich Schulz vor allem auf drei Bereiche konzentrieren, in denen er glaubt, nicht im Schatten der großen Koalition agieren zu können: Bildung, Rente und Abrüstung.

Schulz lässt sich von Medienprofis coachen

Unvorbereitet geht er nicht in dieses Duell, wie all seine Vorgänger lässt er sich intensiv coachen, auch wenn diese Selbstverständlichkeit von der SPD wie ein Staatsgeheimnis gehütet wird. Man weiß, dass der österreichische Medienprofi Markus Peichl mit ihm Szenarien durchspielt. Peichl betreute schon 2009 Frank-Walter Steinmeier. Ein weiterer Name wurde im Laufe dieser Woche bekannt. Wie man hört, flüstert Béla Anda, ehemaliger „Bild“-Journalist und Ex-Regierungssprecher von Gerhard Schröder, seit ein paar Wochen dem Herausforderer ein, was er angeblich besser machen kann.

Missmutig wurden entsprechende Berichte bestätigt, schließlich hatte Schulz behauptet, nur noch seinem Instinkt folgen zu wollen. Zudem ist jede Erinnerung an Schröder nach dessen in der Parteizentrale als schamlos empfundenen Engagement beim russischen Ölkonzern Rosneft derzeit unerwünscht.