Bundestagswahl Der Kampf um die taktischen Wähler

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Nach der Niederlage bei der Bayern-Wahl wildert die FDP im Revier der Union verstärkt um Zweitstimmen. Die Union hält dagegen. Nicht nur der CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sagt, man habe „keine Stimme zu verschenken“.

FDP-Chef Philipp Rösler und Spitzenkandidat Rainer Brüderle gehen „aufs Ganze“. Foto: dpa
FDP-Chef Philipp Rösler und Spitzenkandidat Rainer Brüderle gehen „aufs Ganze“. Foto: dpa

Berlin - Man muss nach Landtagswahlen wahrlich nicht jeder Interpretation folgen, die von Politikern ans Volk gesendet wird. In Berlin wimmelt es nach solchen Tagen nur so von Siegern, die noch aus dem schlimmsten Absturz einen Aufwärtstrend ihrer Partei ablesen können. FDP-Chef Philipp Rösler war da nach der Bayernwahl eine lobenswerte Ausnahme. Besser als er kann man die Lage der FDP eine Woche vor der Bundestagswahl nicht beschreiben. „Es geht um alles“, rief er den Liberalen am Wahlabend zu. „Jetzt geht’s ums Ganze“, steht seit gestern auch auf den Wahlplakaten der FDP. Noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik misslang der FDP der Einzug in den Bundestag. Oft war es knapp, stets wurde das Totenglöckchen zu früh geläutet, aber keiner will sich in der FDP-Spitze darauf verlassen, dass dieses Gesetz der Serie ohne weiteres Zutun anhält.

Die Bundestagswahl, erklärt in einer interaktiven Infografik (zum Vergrößern klicken):

Deshalb kennen die Liberalen ab sofort keine Freunde mehr. Zwar setzte die FDP seit Beginn des Wahlkampfs darauf, der Union die Zweitstimmen taktischer Wähler abspenstig zu machen. Aber in den letzten Tagen wird die FDP im Kampf ums Überleben dieses Bemühen drastisch verstärken.

Außenminister Westerwelle preschte vor

Das war unabhängig vom desaströsen Ausgang der Bayern-Wahl so geplant, erscheint aber aus Sicht der FDP nun umso dringlicher. Schon vor dem Urnengang preschte Außenminister Guido Westerwelle in seinem umkämpften Wahlkreis in Bonn vor. Er vereinbarte mit dem dortigen Direktkandidaten der CDU folgenden Vorschlag an die Wähler: Erststimme für den CDU-Mann, Zweitstimme für die FDP. Auch die Minister Dirk Niebel in Heidelberg und Daniel Bahr in Münster haben sich auf ein solches Geschäft auf Gegenseitigkeit eingelassen. FDP-Chef Philipp Rösler sagte, man habe die Verantwortlichen in den Wahlkreisen gebeten zu prüfen, ob ähnliche Absprachen lohnenswert sein könnten. CDU und CSU halten vehement dagegen. Jeder Unions-Verantwortliche, der nach der Bayernwahl dazu befragt wurde, stellte klar, dass man nichts zu verschenken habe. „Zweitstimme ist Merkel-Stimme“, so das Credo der Parteioberen. Der Ärger über die Zweitstimmenkampagne der FDP und die angestrebten Deals in den Wahlkreisen hat einen schlichten Grund: die Union profitiert nach der Änderung des Wahlrechts in der Endabrechnung nicht mehr wie früher vom Stimmensplitting, weil Überhangmandate ausgeglichen werden.