Bundestagswahl im Wahlkreis Böblingen Grüne zwischen Frust und trotzigem Stolz

Tobias B. Bacherle bedankt sich bei den Grünen im Kreis Böblingen für einen starken Wahlkampf. Foto: Langner

Bei der Wahlparty der Grünen im Böblinger Platzhirsch nimmt man die Hochrechnungen mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Ob Tobias B. Bacherle es wieder in den Bundestag schafft, ist zunächst noch unklar.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Es wird eine spannende Wahlnacht für Tobias B. Bacherle. Als bei der Wahlkampfparty der Grünen im Böblinger Platzhirsch die erste Hochrechnung über die Leinwand flimmert, bestätigt sich der negative Trend aus den letzten Umfragen: Die Grünen erleiden herbe Verluste und landen wohl bei rund zwölf Prozent. Was das für den Grünenbundestagsabgeordneten des Landkreises bedeutet, wird sich erst später am Abend herausstellen. Die hohe Wahlbeteiligung mache zwar Mut. „Aber wir müssen erst sehen, wie das Ergebnis in Baden-Württemberg ausfällt. Das kann bis 22 oder 23 Uhr dauern“, sagt Bacherle. Er ist auf Listenplatz 14 – darum ist es Stand 20.15 Uhr nicht klar, ob es für ihn reichen wird.

 

„Einen Plan B gibt es noch nicht, aber natürlich habe ich mir in den letzten Tagen schon Gedanken darüber gemacht, was ich tun werde, wenn es nicht mehr reicht“, sagt Bacherle. Sollte er den Einzug in den Bundestag verpassen, wolle er sich darum kümmern, dass seine Leute eine Weiterbeschäftigung finden. Er selbst könnte sich vorstellen, weiter in der „politischen Kommunikation“ tätig zu sein oder die zuletzt aufgeschobenen Auslandsaufenthalte nachzuholen.

Thekla Walker: „Mit diesem Ergebnis kann man nicht zufriedne sein.“

Aber so weit ist es an diesem Sonntagabend noch nicht. Im Lokal weicht auf die Anspannung ein spürbares Frustgefühl. Dass der Balken der FDP über der Fünf-Prozent-Marke landet (zumindest bei dieser Hochrechnung), sorgt ebenfalls für ein paar vernehmliche Unmutsäußerungen. Noch ein paar Momente läuft der Fernsehton weiter, dann ergreift Tobias B. Bacherle das Mikrofon. Der 30-Jährige bedankt sich bei allen Unterstützern für einen engagierten Wahlkampf, mit dem man das bisher zweitbeste Ergebnis für die Grünen bei einer Bundestagswahl eingefahren habe.

Dennoch hatte man sich natürlich mehr versprochen, daraus macht auch die Böblinger Landtagsabgeordnete und Umweltministerin Thekla Walker keinen Hehl. „Mit diesem Ergebnis kann man nicht zufrieden sein, das ist ganz klar“, sagt sie. Allerdings zieht sie auch Positives aus den vorläufigen Zahlen – zum Beispiel das Abschneiden der AfD, die scheinbar kein so gutes Ergebnis erreicht, wie zu befürchten stand.

Das sieht auch Böblingens Grünen-Oberbürgermeister Stefan Belz so. Gerade der Wirtschaftsstandort Böblingen, wo rund 55 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben und wo international aufgestellte und agierende Unternehmen für Wohlstand sorgen – gerade diese Stadt und dieser Landkreis könne keine migrationsfeindliche Politik gebrauchen. „Diese Vielfalt macht uns stark“, sagt Belz.

In die Enttäuschung mischt sich an diesem Wahlabend bei Bacherle auch eine Art von trotzigem Stolz. Schließlich verzeichne man seit dem Ampel-Aus im vergangenen Herbst einen enormen Mitgliederzuwachs. „Von 590 aus 722 Mitglieder in Kreis Böblingen – das haben wir Robert Habeck und euch zu verdanken!“, versucht Bacherle den Menschen im Platzhirsch ein bisschen bessere Laune zu machen.

Enttäuschte Gesichter bei der ersten Hochrechnung. Foto: Langner

Noch ist es an diesem Abend ohnehin zu früh für eine klare Aussage darüber, wie es für die Grünen allgemein und für Bacherle persönlich weitergehen wird. Ein Schluck aus dem Glas mit grün gefärbtem Sekt hilft vielleicht, ein wenig Optimismus zu verbreiten. Schließlich, so findet Thekla Walker, birgt die zumindest denkbare Möglichkeit einer Dreierkoalition mit CDU und SPD auch Chancen. Zu sehr habe dieser Wahlkampf um das Thema Migration gekreist, findet die Landtagsabgeordnete. Es gebe jetzt auch noch andere wichtige Themen wie Klima, Energie oder die Rolle Europas in einer Zeit, in der Trump und Putin die Weltordnung auf den Kopf stellen.

Ob die Grünen und mit ihnen Tobias B. Bacherle bei diesen Themen künftig mitreden werden? Das lässt sich am Wahlabend (Stand 20.15 Uhr) noch nicht absehen.

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