In Karlsruhe und Freiburg könnte bei der Bundestagswahl das traditionelle Direktmandat verloren gehen. In Karlsruhe bangt die CDU um Ingo Wellenreuther, in Freiburg die SPD um Gernot Erler.

Freiburg - Zitterpartie? Wo soll es am 22. September in Baden-Württemberg so etwas geben? Die Erfahrung lehrt, dass die Direktmandate im Südwesten doch der CDU so gut wie sicher sind. Mannheim vielleicht, aber sonst? Achtung! Wer so denkt, könnte Überraschungen erleben. Schon bei der Wahl 2009 gab es relativ knappe Ergebnisse. Im Wahlkreis Stuttgart I lag der CDU-Kandidat Stefan Kaufmann aber immer noch 6402 Stimmen vor dem Grünen Cem Özdemir. In Freiburg reüssierte Gernot Erler (SPD) vor dem CDU-Kandidaten Daniel Sander mit 6443 Stimmen Abstand. Das ist viel im Vergleich zu den 45 Stimmen, mit denen vor vier Jahren die SPD im hessischen Wahlkreis Darmstadt vor der CDU das Mandat holte. Aber dieses Mal könnte es – auch mancherorts im Land – knapp zugehen. Nicht nur wieder in Stuttgart I, wo Özdemir, Kaufmann und Ute Vogt (SPD) gegeneinander antreten, sondern auch in Freiburg und Karlsruhe.

 

Die badische Metropole, nach den neuesten Bevölkerungszählungen noch vor Mannheim die zweitgrößte Stadt im Südwesten – galt Jahrzehnte lang als CDU-Hochburg. Bei 17 Urnengängen seit 1949 lag die Union elf mal beim Direktmandat vorne, sechs mal gewann die SPD: zuletzt 1998 und 2002. Mit CDU-Spitzenmann Ingo Wellenreuther schien sich die Neigung zur Union wieder zu festigen. Doch nach dem er vergangenes Jahr die OB-Wahl verlor, gilt er als angeschlagen.

Seit dem Einzug von Frank Mentrup, einst Staatssekretär im Kultusministerium, ins Karlsruher Rathaus, wittert mancher im grün-roten Lager nun auch für den Bundestagswahlkreis Morgenluft. Auch nach einem halben Jahr der Regentschaft des als SPD-Mitglied von einem breiten Unterstützerkreis getragenen Mentrup, wollen manche weiterhin Aufbruchstimmung verspüren. Beobachter zählen Karlsruhe zu einem der drei sogenannten Wackel-Wahlkreisen im Land.

CDU-Kandidat mit Verlierer-Image?

Dazu beigetragen haben dürften innerparteiliche Querelen rund um Wellenreuther, dem manche Parteifreunde „ein Verlierer-Image“ anheften möchten. Inwieweit da der Wunsch nach Veränderung der Vater des Gedankens ist, wird letztlich erst am Wahlabend feststehen.

Sehr früh in den Wahlkampf gestartet ist der gerade einmal 31 Jahre alte Karlsruher SPD-Kreisvorsitzende Parsa Marvi. Der Kandidat mit iranischen Wurzeln, der als Kleinkind nach Deutschland kam, ist am eifrigsten beim Klinken putzen. Schon mehr als 10 000 Haushalte habe er inzwischen besucht, sagt er. Weitere 5000 sollen noch folgen. Er hat viel aufzuholen beim Bekanntheitsgrad. Zumindest Marvis Konterfei ist bereits seit Juni auf Plakaten im Stadtbild präsent, er verspricht vor allem eines: „Einen neuen Politikstil“. Diesen, und auch die Hausbesuche, scheint er bei Mentrup abgeguckt zu haben.

Die Kandidatin der Grünen ist auf Landes- und Bundesebene bekannt, Sylvia Kotting-Uhl. war zeitweilig sogar Landesvorsitzende der Öko-Partei. Eine „Erststimmenkampagne“ für die SPD – wie im Stuttgarter Süden umgekehrt für die Grünen – gebe es nicht. „Wie wollen wir unseren Wählern erklären, dass die Grünen nach der OB-Wahl schon wieder einen SPD-Kandidaten wählen sollen? sagt Kotting-Uhl. Doch der Schulterschluss mit Marvi ist unverkennbar. Viele Wahlkampfauftritte bestreiten beide gemeinsam.

Rot und Grün arbeiten zusammen

Der CDU-Platzhirsch Ingo Wellenreuther hatte schon die Niederlage bei der OB-Wahl dem grün-roten Wahlbündnis zuschieben wollen. Die Anspannung bei ihm hält an, denn jetzt sagt er: „Die Mitbewerberin der Grünen hat öffentlich versichert, dass es in Karlsruhe keine Verabredungen zwischen Rot und Grün zum Erststimmenwahlkampf gibt“. Die früheren CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel und Günther Oettinger werben für ihn.

Im Januar noch hatte Wellenreuther verlauten lassen, dass jene 35,5 Prozent, die er im Dezember erreicht hatte, auch zum neuerlichen Gewinn des Direktmandates für den Bundestag ausreichen würden: doch daran zweifeln inzwischen manche. Aus dem Lager von Marvi – den lokale Medien als „den mit Abstand fleißigsten Kandidaten“ bezeichnen – wird kolportiert, dass einst treue Wähler des früheren CDU-OB Heinz Fenrich lieber den politisch unerfahrenen SPD-Kandidaten wählen würden, nur weil sie Wellenreuther „verhindern wollten“. Die Grüne Kotting-Uhl warf Wellenreuther, der die Bevölkerung offenbar weiterhin polarisiert, kürzlich vor, ständig „übermäßig zu taktieren“. Doch auch sie glaubt, noch nie sei eine Bundestagswahl so schwer einzuschätzen gewesen. Womöglich geht der seit elf Jahren amtierende CDU-Abgeordnete, der seit 2010 auch KSC-Präsident ist, am Ende doch wieder als lachender Dritter vom Feld.

In Freiburg kann es spannend werden

Spannend werden kann es auch in Südbaden. Im Wahlkreis Freiburg kämpfen gleich drei aussichtsreiche Kandidaten um das Direktmandat. Das hält seit 1998 der Sozialdemokrat Gernot Erler. Der jetzt 69-jährige stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion hatte es vor 15 Jahren der CDU-Bundestagsabgeordneten Sigrun Löwisch mit 5,8 Prozentpunkten Vorsprung abgenommen. Es war seit 1949 das erste Mal, dass die CDU den Wahlkreis 281 verlor. Der profilierte Außenpolitikers war Staatsminister des Auswärtigen in der Großen Koalition von 2005 bis 2009.

Die Freiburger CDU hat sich seit der Niederlage nicht wieder berappelt, allerdings schmolz der Vorsprung Erlers - von 16 Prozent im Jahre 2002 auf nur noch 4,2 Prozent bei der Wahl 2009. Statt 42,3 Prozent Erststimmen verbuchte der linke SPD-Mann nur noch 33 Prozent. Der damalige CDU-Kandidat Daniel Sander blieb mit 28,8 Prozent um 13,5 Prozent hinter dem 1998er Ergebnis.

Gefahr droht Erler von den Grünen, deren Kandidatin Kerstin Andreae (45) hat sich auf 21,8 Prozent vorgearbeitet. Bislang galt zunächst offiziell, dann nur noch unter der Hand, dass die grüne Realo-Politikerin dem roten Platzhirsch bei den Erststimmen den Vortritt lasse. Diesmal hat die ehrgeizige wirtschaftspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, die aus Schramberg im Schwarzwald stammt, aber mittlerweile in Berlin wohnt und zu stets sorgfältig inszenierten Auftritten nach Freiburg einfliegt, erklärt, sie wolle beide Stimmen. „Kerstin direkt“ heißt folgerichtig ihre allerdings wenig prominent besetzte Wählerinitiative. Erlers Stärke liegt dagegen in der lokalen Verankerung.

Der CDU-Kandidat stammt aus altem Adel

Sollte die Grüne dem Roten dennoch etwa fünf Prozent der Erststimmen abnehmen und der CDU-Kandidat Matern Marschall von Bieberstein das Ergebnis der Wahl von 2009 halten, zöge der als lachender Dritte an beiden vorbei. Diese Aussicht nährt die Hoffnung bei der flügellahmen CDU, die in der Grünen-Hochburg Freiburg zuweilen resignative Anflüge zeigt. Zur OB-Wahl im Jahre 2010 traute sich kein CDU-Kandidat in den Ring, über ein paar ausgesuchte Repräsentanten signalisierte die Partei, dass sie den Amtsinhaber Dieter Salomon (Grüne) unterstützen würde. Bei der Landtagswahl 2011 gewannen die Grünen beide Freiburger Wahlkreise, auch den tief in den Schwarzwald hineinreichenden Wahlkreis II. Dabei führt die CDU bei den Zweitstimmen im Bundestagswahlkreis mit 27,1 Prozent vor den Grünen (22,8) und der SPD (21,0).

Als neuen Kandidaten hob die CDU den 51-jährigen Spross aus dem Breisgauer Adel der Biebersteins auf den Schild. Konservative Werte wolle er hochhalten, hat der Leiter eines Audiobuchverlags kundgetan. Von einem „grünen Lifestyle“ halte er nichts. Ob das beim ökosozialen Greencity-Bürgertum ankommt, läuft auf ein interessantes Experiment hinaus. Über ihre Landeslisten werden Erler und Andreae auf jeden Fall in den Bundestag einziehen, von Marschall nicht, weil die CDU landesweit die allermeisten Direktmandate erringen und die Liste gar nicht zu Zuge kommen wird. Doch ein Direktmandat ist mit besonderem Prestige verbunden, einig sind sich alle darin: „Dieses Mal wird es eng.“