Kreis Esslingen - Erst morgens um 6 Uhr „nach dem Aufwachen“ hatte Sebastian Schäfer die Gewissheit, dass er als Abgeordneter von Bündnis 90/Grüne für den Wahlkreis Esslingen in den Bundestag gewählt worden ist. „Es war eine Zitterpartie“, sagt der 42-Jährige, denn zeitweise sei es nicht sicher gewesen, ob er den Sprung über die Landesliste der Grünen schaffen würde. Da stand er auf Platz 17. Dennoch habe er angesichts des guten Ergebnisses der Grünen damit gerechnet, dass es klappt, „obwohl es zwischendurch dann doch knapp wurde.“ Bereits kurz nach Mitternacht hat er seinem CDU-Kollegen Markus Grübel auf Twitter für den fairen Wahlkampf gedankt: „Und ab morgen arbeiten wir hoffentlich gut zusammen, um für Esslingen und die Region eine gute Zukunft zu schaffen“, postete er zu später Stunde in dem sozialen Netzwerk.
Über seinen Wahlerfolg freut er sich. Er steigerte das Ergebnis im Wahlkreis Esslingen um 3,6 Prozent und bekam 18,2 Prozent der Zweitstimmen. Bereits am Montagvormittag brach Schäfer nach Berlin auf, denn am Abend standen schon erste Sitzungen für die neu gewählten Parlamentarier auf dem Plan. Eine Premiere für Schäfer. Die erste Sitzung der neu gewählten Bundestagsfraktion ist am Dienstag, 28. September. Der promovierte Staatswissenschaftler freut sich darauf, an den Koalitionsverhandlungen mitwirken zu dürfen. Da hat er viel Erfahrung.
Schon 2017 hatte ihn der damalige Bundesvorsitzende und Spitzenkandidat Cem Özdemir gebeten, im Bundestagswahlkampf und bei den Jamaika-Sondierungsgesprächen zur Bildung einer Bundesregierung sein Büro zu leiten. Als Berater war der Finanzpolitik-Experte im Frühjahr bei den Koalitionsgesprächen der grün-schwarzen Landesregierung in Baden-Württemberg dabei. „Vor allem nehme ich in Demut die Verantwortung wahr, meinen Wahlkreis Esslingen in Berlin zu vertreten“, sagt Schäfer. Obwohl er seit 2017 für die baden-württembergische Landesregierung arbeitet, hat der Vater zweier Kinder den „Familien-Lebensmittelpunkt“ in der Bundeshauptstadt.
Die vielen Briefwähler haben es spannend gemacht
Doch warum kamen die endgültigen Wahlergebnisse für den Landkreis Esslingen sowie für viele Wahlkreise in ganz Baden-Württemberg so spät? Im Wahlkreis Esslingen waren die Ergebnisse der Gemeinde Altbach als erste um kurz nach 20 Uhr veröffentlicht. In Esslingen waren die Stimmen erst nach 22 Uhr ausgezählt, die Veröffentlichung erfolgte noch später.
Die Landkreisverwaltung und befragte Kommunen nennen den hohen Briefwahlanteil als einen Faktor. Kreisweit betrug er etwa 52 Prozent – bei der Bundestagswahl 2017 waren es noch 29 Prozent, wie die Pressesprecherin des Landratsamtes, Andrea Wangner, auf Anfrage sagt. Was dabei so zeitaufwendig ist? Um die Briefwahlstimmen auszählen zu können, müssen zwei Umschläge geöffnet werden. Der äußere, in dem auch die Wahlbescheinigung steckt, kann schon nachmittags geöffnet werden. Der kleine blaue, in dem sich der Stimmzettel befindet, wird aber geschlossen in die Wahlurne gesteckt bis zum Wahlende um 18 Uhr. Ihn zu öffnen kostet Zeit. „Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass oft Briefwahlbezirke als letzte die Ergebnisse durchgeben“, sagt Roland Karpentier, der Pressesprecher der Stadt Esslingen, der selbst in einem Briefwahlbezirk Wahlvorsteher war.
Altbach war 20 Minuten früher fertig
Viele Städte und Gemeinden haben in Erwartung des höheren Briefwahlaufkommens die Anzahl der Briefwahlbezirke erhöht. Man habe allerdings feststellen können, dass in der ein oder anderen Kommunen die Personalausstattung dünn war, sagt Wangner. Hinzu kommt, dass die Auszählung von Erst- und Zweitstimme bei der Bundestagswahl aufwendiger ist als bei anderen Abstimmungen, bei denen pro Stimmzettel nur ein Kreuz gesetzt wird. „Insofern ist die Herausforderung für die Wahlhelfer größer“, sagt Karpentier. Da könne es passieren, dass mehrfach ausgezählt werden müsse.
In Altbach hat man sich, es trotz erhöhten Aufkommens bei einem Briefwahlbezirk zu belassen, sagt Hauptamtsleiter Thomas Lutz, der dort selbst Teil des Wahlvorstandes war. Für das Helferteam, das diesmal fünf Leute mehr umfasste als in den drei Urnenwahlbezirken, galt es 1600 Stimmen auszuzählen. Der Anteil der Briefwahlstimmen betrug 42 Prozent. Dennoch stand das Altbacher Ergebnis in diesem Jahr sogar 20 Minuten früher fest, als bei der Bundestagswahl 2017. „Es hängt davon ab, wie man das Ganze organisiert“, sagt Lutz.
Lesen Sie aus unserem Angebot: So hat ihre Gemeinde gewählt.