Bundestagswahl Umsteiger und Neueinsteiger in die Politik

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Die Piratenpartei und die Alternative für Deutschland (AfD) sind erstmals in beiden Stuttgarter Wahlkreisen bei der Bundestagswahl präsent.

In Stuttgart buhlen erstmals Piraten und die Alternative für Deutschland mit Direktkandidaten im die Stimmen der Wähler. Foto: dpa
In Stuttgart buhlen erstmals Piraten und die Alternative für Deutschland mit Direktkandidaten im die Stimmen der Wähler. Foto: dpa

Stuttgart - Es ist noch nicht so lange her, dass sie im politischen Geschehen der Republik eine Rolle spielen: die Piraten und die Alternative für Deutschland (AfD). Bei dieser Bundestagswahl haben beide Parteien die Chance, zwar keine sehr großen, aber doch nennenswerte Stimmenanteile zu gewinnen. Wir stellen ihre Stuttgarter Kandidaten vor: die einen Umsteiger im politisch Geschäft (AfD), die anderen Neueinsteiger (Piraten).

Wahlkreis I: Für die Piratenpartei tritt in Stuttgarts Süden Christian Thomae an. Der 31 Jahre alte Urban Designer hatte sich schon lange für Politik interessiert, aktiv geworden ist er aber erst mit seinem Eintritt in die Piratenpartei. Der Anlass, sagt der selbstständige Web-Unternehmer, sei die „zunehmende Aushebelung des Rechtsstaates durch eine Law-and-order-Politik“ nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York gewesen. Forderungen nach Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchungen von Privatrechnern haben Christian Thomae so sehr mit Sorge erfüllt, dass er sich 2006 für die neu gegründete Piratenpartei zu interessieren begann. 2009 trat er dieser bei, angesichts der Debatte über Netzsperren „mit dem vorgeschobenen Grund, die Kinderpornografie eindämmen zu wollen“, sagt der Kandidat. Edward Snowden, der die NSA-Überwachung öffentlich gemacht hat, ist für Christian Thomae ein „Demokratie-Helfer“. Den Piraten, die derzeit in Stuttgart 260 – zeitweise waren es aber schon 350 – Mitglieder haben, hat Snowden in diesem Wahlkampf kräftig Wind in die Segel geblasen. Thomae: „Jetzt muss man niemanden mehr von unseren Anliegen überzeugen.“

Eberhard Brett kann auf einen langen politischen Werdegang zurückblicken. 37 Jahre lang war er Mitglied der CDU, hat für die Union auch immer wieder Wahlkampf gemacht. „Vor etwa drei Jahren hat die CDU angefangen, sich von mir zu entfernen – nicht ich von ihr“, sagt der 58 Jahre alte Anwalt für Wirtschaftsrecht. Und dann zählt er auf: Aufhebung der Wehrpflicht, Atomausstieg, Energiewende – „da kam eins zum anderen“. Den Ausschlag hat für Eberhard Brett aber der Euro-Rettungsschirm gegeben. „Das können wir alles doch gar nicht mehr bezahlen“, begründet der 58-Jährige seinen Übertritt zur Alternative für Deutschland (AfD), die in Stuttgart gegenwärtig 150 Mitglieder hat.

Was den Juristen, der für die Einführung des Euro gewesen ist, am meisten stört: „Wir haften jetzt für die Schulden anderer.“ Dies aber verstoße gegen die Verträge von Maastricht. „Ich bin nicht gegen den Euro, aber ich will zurück zu diesen Verträgen“, fordert Eberhard Brett. Dies hätte für Brett die Folge, dass Griechenland und Zypern aus dem Euro aussteigen müssten.

Wahlkreis II: Jürgen Martin ist 57, entsprechend lange verfolgt er das politische Geschehen in Deutschland, früh beeindruckt hat ihn die Ostpolitik von Willy Brandt. Doch erst beim Auftreten der Piraten hat er das Gefühl gehabt: „das lohnt sich, da mitzumachen.“ Bürgerrechte, Freiheit, der Schutz der Privatsphäre sind für den promovierten Biologen, der heute als Pharmaberater arbeitet, hohe Güter. Und die sieht er durch eine „wachsende staatliche Überwachungspolitik“ bedroht.

„Den Höhepunkt dieser anlasslosen Totalüberwachung haben wir jetzt erreicht“, sagt Martin vor dem Hintergrund der NSA-Affäre. Aber es ist auch die Verkehrspolitik, für die sich der Kandidat der Piraten interessiert. So findet der 57-Jährige, statt dass man die Bürger durch Tempo 40, Blitzanlagen, künstliche Parkraumverknappung oder eine Citymaut „tyrannisiert“, sollte der Umstieg auf den öffentlichen Verkehr im großen Stil durch einen umlagefinanzierten und deshalb kosten- und fahrscheinlosen ÖPNV gefördert werden.

Stattliche 26 Jahre sind es gewesen, die Ronald Geiger bei der FDP gewesen ist, zuletzt ist ein Verhältnis zu den Freien Demokraten von Entfremdung geprägt gewesen. Schließlich ist der Regionalrat öffentlichkeitswirksam aus seiner angestammten Partei ausgetreten, nachdem er sich schon beim Mitgliederentscheid gegen den Rettungsschirm stark engagiert hatte. „Die Politik der FDP in der Euro- und Bankenrettung ist ein Bruch aller liberalen Prinzipien“, hat der Diplomkaufmann, der als Versicherungsmakler arbeitet, seiner Ex-Partei im März dieses Jahres zum Abschied geschrieben und sich der AfD zugewandt. „Diese permanenten Rechtsbrüche, dass wir für die Schulden anderer eintreten“, gehen Geiger gegen den Strich. Und auch „dieses zentralistische Europa, durch das immer mehr Entscheidungen nach Brüssel verlagert werden.“ Ronald Geiger bevorzugt dezentrale Strukturen, wie man sie etwa aus der Schweiz kennt. Der 44-Jährige ist überzeugt: „Was da bei der Eurorettung geschieht, wird prägend sein für die kommenden 20 Jahre und mehr noch als die deutsche Einheit.“

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