Bundestrainer Markus Gaugisch „Wir wollen diese WM gemeinsam mit den Zuschauern rocken“

Markus Gaugisch gibt den Spielerinnen der deutschen Handball-Nationalmannschaft Anweisungen. Foto: IMAGO/wolf-sportfoto

Markus Gaugisch spricht vor den letzten Tests vor der WM über Heimat, das Motto „Wenn nicht jetzt, wann dann“ und seine Zukunft als Handball-Bundestrainer der Frauen.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

An diesem Donnerstag (19.15 Uhr) geht es in St. Gallen gegen die Schweiz, am Samstag (14.30 Uhr/EWS-Arena) folgt für die deutschen Handballerinnen gegen den gleichen Gegner die WM-Generalprobe. Bundestrainer Markus Gaugisch gibt Einblicke.

 

Herr Gaugisch, WM-Eröffnungsspiel am 26. November gegen Island in Stuttgart, Generalprobe in der EWS-Arena, für einen gebürtigen Göppingen kann es doch nichts Schöneres geben – oder?

Läuft vor diesem Hintergrund richtig gut (lacht). Ich freue mich riesig auf beide Arenen, zumal ich mit der ehemaligen Hohenstaufenhalle schöne Kindheitserinnerungen verbinde.

Welche konkret?

Ich saß als Fan hinter dem Tor mit einem Stock und einem leeren Kanister und habe bei den Frisch-Auf-Bundesligaspielen Jerzy Klempel und Willi Weiß angefeuert. Zwei Jahre durfte ich dann selbst als Spieler dort bei Heimspielen auf der Platte stehen. Diese Halle ist für mich Heimat, und es ist ein Traum, dort nun auch als Bundestrainer dabei zu sein und die Hymne zu singen.

Ihr Sohn Kalle hat vor Kurzem mit der deutschen U-17-Nationalmannschaft den WM-Titel geholt. Hat er Ihnen klargemacht, dass die Latte hoch liegt?

Noch nicht. Aber klar habe ich solche Andeutungen schon mal gehört. Und wenn Kalle das Gefühl hat, er kann so eine Karte mal ziehen, dann zieht er sie auch (lacht). Bisher erinnert er mich nur ab und zu mal daran, dass seine Bilanz gegen Frankreich besser ist als meine.

Wie gefallen Ihnen eigentlich die Höhner?

Wenn nicht jetzt, wann dann . . .

Sie wissen, auf was ich hinaus möchte.

Den Song habe ich 2007 bei der Heim-WM auch mitgeträllert und den Titelgewinn unserer Männer-Nationalmannschaft im eigenen Land als Fan live miterlebt. Jetzt haben wir die Chance, eine Heim-WM zu spielen und den Heimvorteil zu nutzen. Wenn uns die Fans nach vorne peitschen, wird uns das helfen und beflügeln.

Bei der Heim-WM 2017 lähmte es eher, im Achtelfinale kam unter Michael Biegler mit dem 17:21 gegen Dänemark das Aus.

Ich schaue nicht zurück, sondern kann nur die aktuelle Situation beeinflussen. Ich weiß, dass wir diesen Schub durch die Fans brauchen, genauso wie unsere High-End-Leistung auf dem Feld, wenn wir die Top Vier schlagen wollen.

Das Motto „Wenn nicht jetzt, wann dann“ bezieht sich auch auf Ihr über Jahre gewachsenes Team, in dem Schlüsselspielerinnen im besten Handball-Alter sind.

Wir sind gewachsen. Viele Spielerinnen wie Xenia Smits, Alina Grijseels oder Emily Vogel haben Champions-League-Erfahrung auf höchstem Niveau gesammelt. Wir haben uns zusammen für die Olympischen Spiele qualifiziert, da war der Druck auch sehr groß. Mit diesen Situationen sind wir umgegangen, diese Erfahrungen helfen uns. Doch wir haben auch viele junge Spielerinnen im Kader, die Frische und Unbekümmertheit mitbringen. Die Mischung im Kader passt. Jetzt geht es darum, die PS im richtigen Moment auf die Platte zu bringen.

Markus Gaugisch mit der aus dem Remstal stammenden Nationaltorhüterin Sarah Wachter. Foto: IMAGO/wolf-sportfoto

Sie selbst haben die Zeit seit April 2022 bekommen, diese Mannschaft zu entwickeln, obwohl die Ausreißer nach oben ausblieben.

Was wäre die Alternative gewesen? Dass man nach zwei Jahren sagt, der Bundestrainer hat keine Medaille geholt und muss deshalb weg? Eine Entwicklung braucht Zeit, und daher weiß ich nicht, ob das der richtige Weg wäre, alles immer nur an Medaillen festzumachen. Aber leider sind das oft die Gesetze im Sport, mit denen man als Trainer leben muss. Häufig wird in der Öffentlichkeit einzig und allein der Output gesehen und nicht die Realität. Wenn man diese betrachtet, dann sind wir aktuell nicht in der Pole Position.

Sondern welche Nationen?

Norwegen, Dänemark, Frankreich und Schweden. Dieses dominante Quartett hat die vergangenen Turniere nahezu unter sich ausgemacht. In ihren Kadern sehen wir zu 90 Prozent Spielerinnen, die seit Jahren in der Champions League tragende Rollen spielen. Wenn wir diese Teams schlagen wollen, brauchen wir eine kollektive Superleistung, viel Mut und das Heimpublikum. Das ist die Realität.

Ist Ihr Team dazu bereit?

Ja, wir haben uns gut entwickelt und Fortschritte gemacht.

Häufig war man in der Vergangenheit der nervlichen Belastung bei K.-o.-Spielen nicht gewachsen.

Wir hatten Spiele, in denen von Außenstehenden gesagt wurde, das Mentale sei das Problem gewesen. Aber das ist immer die leichteste Erklärung und trifft die Situation nicht auf den Punkt. Es gab bereits einige Knackpunktspiele, die wir gewonnen haben. Schlagen wir zum Beispiel letztes Jahr Slowenien und Montenegro nicht in der Qualifikation vor heimischer Kulisse, dann fahren wir nicht zu den Olympischen Spielen. Wir haben es bisher gegen die Top Vier nicht geschafft, unter Druck die Spiele zu biegen. Und das hat auf diesem Weltklasseniveau vor allem handballerische Gründe.

Die letzte Medaille gab es bei der WM 2007 in Frankreich, die letzte Halbfinalteilnahme bei der EM 2008 in Mazedonien. In der Szene ist häufig von der „letzten Chance“ die Rede, den Frauenhandball durch eine erfolgreiche Heim-WM in den Fokus zu rücken.

Es ist eine neue Chance, weil wir viel investieren. Der Frauensport rückt sich derzeit in den Fokus. Im Fußball ist das schon gelungen. Wir haben jetzt im Handball die Möglichkeit, uns zu präsentieren. Natürlich wollen wir diese Chance ergreifen.

Ex-Bundestrainer Dago Leukefeld veranstaltet bundesweit Handballcamps. Er sagt, aus dem Handballnachwuchs kenne keine den Namen einer Nationalspielerin.

Das ist interessant. Ich bin auch bei Sichtungen dabei. Vor zwei Jahren habe ich gefragt: Welchen Namen kennt ihr denn? Dann kamen vor allem Juri Knorr, Andreas Wolff und Julian Köster als Antworten, obwohl ich nicht nach Männern gefragt habe. Sehr wenige nannten dann Xenia Smits oder Alina Grijseels. Da war ich schon verwundert. Nach den Olympischen Spielen habe ich bei der Sichtung in diesem Jahr das Spiel Bietigheim gegen Dortmund gezeigt. Ich hielt das Video an, stellte wieder die Frage – und zack, da hatten die Mädels alle Namen der Nationalspielerinnen drauf, teilweise auch von nicht deutschen Spielerinnen.

Kapitänin Antje Döll und ihr Team wollen Werbung für den Frauenhandball machen. Foto: IMAGO/wolf-sportfoto

Weil die Spiele bei Olympia im frei empfangbaren Fernsehen kamen?

Ja, dadurch haben die Nachwuchsspielerinnen den Frauenhandball besser kennengelernt. Das Nationalteam fand durch die TV-Präsenz in der Öffentlichkeit statt, das hat sehr geholfen. Ich fand es krass, wie sich das entwickelt hat.

Die Heim-WM kommt aber zunächst nicht im frei empfangbaren TV.

Das ist sehr schade, es würde uns helfen, wenn es anders wäre. Das bleibt auch das Ziel.

So aber ist der Handball nur an den Spielorten in Stuttgart, Trier und Dortmund präsent. In Regionen, in denen ohnehin Frauenhandball-Leuchttürme stehen.

Keine Frage, es wäre toll, wenn wir es flächendeckend hinbekommen würden, dass mehr Leute mit dem Frauenhandball in Kontakt kommen. Vor allem auch diejenigen, die nicht in der Handball-Bubble drinstecken.

Im Fußball verhandelt der DFB-Präsident zum Fernsehvertrag der Männer den der Frauen gleich mit.

Die TV-Verträge der kommenden Welt- und Europameisterschaften umfassen bei ARD und ZDF, Pro Sieben und Sat 1 sowie Dyn auch die Übertragung der Frauen-Turniere. Es soll ja in Zukunft auch im Handball besser werden, es wäre super, wenn auch wir im frei empfangbaren TV kommen würden.

Erreicht Ihr Team das WM-Viertelfinale am 9. Dezember in Dortmund, wird es live im ZDF gezeigt.

Unser Hauptfokus ist: Wir müssen unsere sportlichen Hausaufgaben in der Vor- und Hauptrunde erledigen. Wenn alles gut läuft, könnten wir im Viertelfinale vor 12 000 Zuschauern in der Westfalenhalle auf voraussichtlich Norwegen oder Schweden treffen. Das ist unser Ziel. Und in diesem Viertelfinale wollen wir unsere absolute Bestleistung zeigen. Nur dann kann aus dem Ziel ein Traum werden. Und der Traum ist natürlich, dass wir ins Halbfinale in Rotterdam einziehen.

Was wünschen Sie sich für die Heim-WM?

Ich wünsche mir, dass wir das uns rausholen, was wir in uns drin haben. Und dass wir diese WM gemeinsam mit den Zuschauern rocken.

Damit Sie über Ihr Vertragsende im April 2026 Bundestrainer bleiben?

Das interessiert mich derzeit nicht. Der volle Fokus liegt auf dem, was vor uns steht, und das ist die Heim-WM. Jetzt geht es nur um Handball. Alles, was danach kommt, werden wir sehen. Ich mache mir keine Sorgen, sondern freue mich einfach auf die WM.

 

Zur Person

Karriere
Markus Gaugisch wurde am 20. April 1974 in Göppingen geboren. Er feierte als Spieler 1993 die Deutsche A-Jugend-Meisterschaft mit dem TSV Heiningen. Später spielte er für den VfL Pfullingen und den TV Neuhausen/Erms. Er trainierte in der Bundesliga den TV Neuhausen/Erms und den HBW Balingen-Weilstetten, 2020 wurde er Chefcoach der Bundesliga-Handballerinnen der SG BBM Bietigheim (danach HB Ludwigsburg). Ab Mitte April 2022 trainierte er zusätzlich die deutsche Frauen-Nationalmannschaft. Ab Juli 2023 nur noch das Nationalteam. Er hat einen Vertrag bis 2026.

Persönliches
Markus Gaugisch ist verheiratet mit Silke. Das Paar hat die Kinder Ida (20), sie spielt bei der HSG Stuttgart/Metzingen in der Regionalliga, und Kalle (17), er spielt in der Jugend des HBW Balingen-Weilstetten und holte mit der deutschen U-17-Nationalmannschaft 2025 den WM-Titel in Marokko. Gaugisch war in Dußlingen Lehrer am Karl-von-Frisch-Gymnasium (Sport und Deutsch). Die Familie wohnt in Nehren. (jüf)

Weitere Themen