Der Religionspädagoge und frühere Pfarrer ist unter anderem Mitbegründer der KZ-Gedenkstätteninitiative Leonberg.

Leonberg - Das ist schon lange fällig gewesen. Eberhard Röhm ist am Dienstag bei einem Festakt im Rathaus das von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vergebene Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen worden. Überreicht wurde es von Oberbürgermeister Martin Georg Cohn, der die großen Leistungen des Geehrten für Leonberg und die deutsche Geschichtsschreibung würdigte: „Erinnerung darf nicht verloren gehen.“

 

„Eigentlich sind mir als jemand, dessen Kindheit und Jugend vom Krieg geprägt sind, Kreuze als Auszeichnung ein Gräuel“, sagt Eberhard Röhm. „Als Jugendliche haben wir uns damals geschworen, nie wieder Uniformen und Auszeichnungen zu tragen, sondern Menschen zu sein.“ Aber jetzt könne er sich trotzdem freuen, denn er sei immer ein Teamarbeiter gewesen und so stehe die Auszeichnung für das Wirken vieler. „Ich bin nur einer unter vielen, der dabei war bei dem, was erreicht wurde“, sagte Röhm.

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Zwei große Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Wirken und das Leben des Religionspädagogen und Pfarrers a. D. Eberhard Röhm: Die Rolle der Kirche im Nationalsozialismus und die Erforschung des christlich-jüdischen Verhältnisses. Seine gesamte Zeit des Ruhestands seit 1993 hat Röhm mit der Aufarbeitung des Geschehens um das Konzentrationslagers in Leonberg verbracht. Schon lange vor der Gründung der KZ-Gedenkstätteninitiative befasste er sich mit diesem Thema und wies sowohl als Stadtrat als auch als Privatperson ständig auf die Relevanz der Sache hin.

Am 13. März 1999 konnte dann gemeinsam mit Gleichgesinnten die KZ-Gedenkstätteninitiative gegründet werden, deren Vorsitz er 2011 aus gesundheitlichen Gründen abgab. Aber noch heute ist er wichtiger Motor, wenn es darum geht, Ideen umzusetzen. Durch ihn ist der Verein zu einer anerkannten Institution in Leonberg und darüber hinaus geworden. Als Mitglied im Verbund der Gedenkstätten des ehemaligen KZ-Komplexes Natzweiler wurde der Verein 2018 dann mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet. Eberhard Röhm hat zudem viele der Kontakte zu überlebenden Häftlingen geknüpft, die weit verstreut über den Erdball leben.

Eberhard Röhm hat vier Kinder

Er hat unzählige Bücher und Broschüren selbst verfasst oder herausgegeben – wie die Biografie des ehemaligen Häftlings Ernst Bornstein, die am 31. Januar 2018 im Leonberger Haus der Begegnung in Anwesenheit der Familienangehörigen vorgestellt wurde. Röhm ist ein gefragter Vortragsredner und hat für seine Verdienste in der Religionswissenschaft 2003 den Ehrendoktor der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln verliehen bekommen.

Aufgewachsen in Stuttgart-Zuffenhausen mit fünf Geschwistern, hat Eberhard Röhm in der evangelischen Jugendarbeit mit gearbeitet. Nach dem Abitur 1948 folgte zwischen 1949 und 1954 das Studium der Theologie in Tübingen. Als Vikar begann er in der Württembergischen Landeskirche in Ebersbach. Mit Ehefrau Dorothee, die 2015 verstorben ist, hat Eberhard Röhm vier Kindern großgezogen. Ab dem Schuljahr 1960/1961 wurde Röhm Religionslehrer am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Leonberg. Hier unterstützte er junge Männer, die vorhatten, den Kriegsdienst zu verweigern. Er war einer der ersten in der Stadt, die sich dafür engagierten. Zu dieser Zeit mussten sich alle, die sich auf das Grundrecht bezogen, einem Prüfungsverfahren der Wehrkreisverwaltung unterziehen.

21 Jahre war er Chefredakteur

Im 1972 erfolgte die Berufung zum Dozenten an das Pädagogisch-Theologische Zentrum der Württembergischen Landeskirche. Das ist eine Einrichtung, der zum einen die religionspädagogische Ausbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer übertragen ist und die zum anderen für die Aus- und speziell die Weiterbildung von Religionslehrern aller Schularten und Schulstufen zu sorgen hat.

Schwerpunkte waren die inhaltliche Reformierung der gymnasialen Oberstufe in Baden-Württemberg durch Lehrerfortbildungen sowie die von ihm initiierte und geprägte Schulbuchreihe „Oberstufe Religion“. Er war 21 Jahre lang Chefredakteur der religionspädagogischen Fachzeitschrift „Entwurf“.

Eigentlich hätte es die Auszeichnung schon zum 90. geben sollen

Für bundesweite Anerkennung hat 1981 die Ausstellung „Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ zusammen mit Jörg Thierfelder gesorgt. Diese Gesamtdarstellung in Bildern und Texten der Geschichte der evangelischen Kirche im „Dritten Reich“ liegt auch als Buch vor.

Eigentlich war angedacht, das Röhm das Verdienstkreuz bereits 2018 zu seinem 90. Geburtstag erhält, verriet Marei Drassdo, die amtierende Vorsitzenden der KZ-Gedenkstätteninitiative. In dem Jahr ist Eberhard Röhm dann die Bürgermedaille der Stadt Leonberg verliehen worden.

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Was das Bundesverdienstkreuz anbelangt, habe man die Mühlen der Bürokratie unterschätzt. Auch die Jubiläumsfeier anlässlich von 20 Jahre KZ-Gedenkstätteninitiative war ins Auge gefasst worden – dann kam Corona dazwischen. „Jetzt können wir Eberhard Röhm endlich Dank für sein unermüdliches Graben nach der Wahrheit sagen“, meinte Marei Drassdo.