Martin Klumpp hat am Montag im Neuen Schloss das Bundesverdienstkreuz erhalten. Bis heute arbeitet der frühere Prälat und Stuttgart-21-Gegner für das Hospiz in Stuttgart – und appelliert an alle Demokraten, wachsam zu sein.

Stuttgart - Es ist eine bemerkenswerte Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet einer der bedeutendsten evangelischen Theologen der württembergischen Landeskirche sich selbst „von Geburt an ambivalente Erfahrungen mit dem Kreuz“ attestiert. Doch tatsächlich erzählte der frühere Stuttgarter Prälat Martin Klumpp, Jahrgang 1940, am Montag davon, wie seine Mutter das Mutterkreuz, welches Adolf Hitler an besonders kinderreiche Familien verlieh, den Nazischergen zurückschickte, nebst einem Zettel, auf den sie notierte: „Ich habe meine Kinder nicht für den Führer geboren.“ Sie selbst sei nie stolz auf ihren Mut gewesen, sagte Martin Klumpp. Er aber sei schon „etwas stolz auf sie“.

Ohne Zweifel hat der ebenso streit- wie ehrbare Theologe viel von diesem Mut geerbt. Anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Martin Klumpp würdigte der Vize-Ministerpräsident Nils Schmid (SPD) den Geistlichen jedenfalls als einen Mann, „der zwar mit leiser Stimme, aber stets klar für die Dinge eingetreten ist, die ihm eine Herzensangelegenheit waren“. Ganz persönlich erinnere er sich an zwei Begegnungen mit Klumpp, einmal bei einer Visitation in Nürtingen, als der junge Genosse Schmid fragte, ob nicht Staat und Religion voneinander getrennt gehörten: „Da haben Sie mir gesagt, was für ein Schatz unser Staatskirchenrecht ist, weil es auch anderen Religionen viele Freiheiten bietet.“ Bei der zweiten Begegnung sei diese Aussage mit Leben erfüllt worden: „Meine Frau und ich gehören zu den ersten Paaren, bei denen die neue Trauordnung für gemischtreligiöse Ehen angewendet wurde.“

Engagierter Mitgründer des Hospizes in Stuttgart

Tatsächlich zieht sich seine liberale Grundhaltung wie ein roter Faden durch Leben und Wirken Martin Klumpps – sei es in jungen Jahren, als er sich für die Schaffung eines Jugendhauses in Sindelfingen einsetzte, sei es als Mitbegründer der Vesperkirche, als Vordenker, der den Hospitalhof zum Zentrum für evangelische Erwachsenenbildung ausgebaut hat, oder als der Mann, der sich bis heute mit Herz, Geist und Verstand für die Hospizbewegung engagiert. „So haben Sie nicht nur viele Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet, sondern auch einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass sich die Menschen mit Themen auseinander setzen, die zum Leben gehören, aber oft ausgeblendet werden“, sagte Nils Schmid vor zahlreichen prominenten Gästen im Neuen Schloss, darunter Landesbischof Frank Otfried July und das Ehepaar Leibinger.

Seine Überzeugungen nimmt Klumpp unter anderem aus persönlichen Erfahrungen aus dem Dritten Reich. Zwei Impulse habe er daraus abgeleitet: „Jeder, der denken, schreiben, lesen kann, muss wachsam sein und sich engagieren. Und ich halte es nur schwer aus, wenn der Staat in stimmungsvollen Riten, Reden oder Massenveranstaltungen weihevoll verklärt wird.“

S-21-Gegner mit gutem Kontakt zu den Befürwortern

Und doch ist auch der 74-jährige Theologe ein Mann, der nicht nur in kleinen Gruppen – bis heute arbeitet er regelmäßig mit Trauernden – überzeugt, sondern auch Massen für sich und seine Sache begeistern kann. Als überzeugter Gegner von Stuttgart 21 hat er auf manchen Montagsdemos gesprochen – und trotzdem nie den guten Kontakt zu den Befürwortern verloren. Wie sonst könnte er nach wie vor als Kurator in der Stiftung des früheren Trumpf-Chefs Berthold Leibinger wirken? „Wenn sich etwas durchzieht in dem, was ich beruflich und ehrenamtlich tat, dann ist es der Versuch, nicht nur über Not zu klagen, sondern nach Formen und Inhalten konstruktiv zu suchen, wie wir möglichst viele Menschen motivieren und beteiligen, dass sie an irgendeiner Stelle ausprobieren, wo und wie sie anderen Menschen helfen können“, sagt Martin Klumpp. Dies gebe „dem Leben Sinn und Inhalt“.