Bundeswehr Die Frau mit zwei Sternen

Zwei goldene Generalsterne zieren ihre Schultern: Nicole Schilling, hier bei einem Truppenbesuch in Litauen im Januar. Foto: Bundeswehr

Zweisterne-General Nicole Schilling ist die ranghöchste Frau in der Bundeswehr. Es brauche mehr weibliche Vorbilder, sagt sie. Sie selbst wollte nie eines sein. Inzwischen weiß sie: Ihr bleibt nichts anderes übrig.

Berlin: Tobias Heimbach (toh)

Es war eine einfache Wahl, vor der Nicole Schilling ganz am Anfang ihrer Karriere stand: das Musikkorps oder der Sanitätsdienst. Es waren die zwei einzigen Laufbahnen, die Frauen bei der Bundeswehr damals offenstanden. „Ich bin völlig unmusikalisch“, sagt Schilling. Also Sanitätsdienst.

 

Als sie 1993 in die Bundeswehr eintrat, kamen auf eine Soldatin 450 männliche Kameraden. Der Frauenanteil lag bei rund 0,22 Prozent. Seitdem ist viel passiert. Heute stehen Soldatinnen alle Laufbahnen in der Bundeswehr offen, auf acht männliche Soldaten kommt eine Frau. Und doch: Schilling ist eine Exotin geblieben. Sie habe nie ein Vorbild sein wollen, sagt sie. Geworden ist sie es trotzdem. 24 000 Soldatinnen dienen in der Bundeswehr, Generalstabsarzt Nicole Schilling ist die ranghöchste von ihnen. Sie ist ein „Zwei-Sterner“, wie das im Truppenjargon heißt. Davon gibt es nicht viele in der Truppe. Gemeint sind die zwei goldenen Generalsterne, die von den Schulterklappen ihrer blauen Uniform funkeln. Vieles spricht dafür, dass Schillings Karriere ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Zumal das aktuell wichtigste Thema der Bundeswehr auch in ihren Händen liegt: das Personal. Sie soll mit dafür sorgen, dass der Truppe nicht die Leute ausgehen.

Allein unter Männern

Das Problem, das Schilling lösen soll, war noch nicht absehbar, als sie sich selbst für die Bundeswehr entschied. Es war eine Zeit, in der die Streitkräfte kaum mehr notwendig schienen. Der Kalte Krieg war gewonnen, die Wiedervereinigung erreicht. Man hoffte auf den ewigen Frieden. Schilling ging trotzdem zur Bundeswehr. „Ich wollte meinem Land dienen“, erzählt sie. Schon ihr Vater war Offizier bei der Luftwaffe. Das habe sie geprägt. Das Militär gehörte schon immer zu ihrem Leben.

Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie als Truppenärztin, ging in Auslandseinsätze nach Afghanistan und auf den Balkan, stieg immer weiter auf. Zu Beginn sei ihr gar nicht aufgefallen, dass sie in einer männerdominierten Organisation arbeite, behauptet sie. Bei der Sanität sei der Frauenanteil eben schon immer hoch gewesen.

Es dauerte einige Jahre, aber irgendwann fiel Schilling auf, dass sie immer häufiger die einzige Frau im Raum war. Das ist bis heute so. „Willkommen meine Herren“, so werden noch immer viele Veranstaltungen in der Bundeswehr eröffnet. Ist Schilling dabei, ist es oft das erste Mal, dass die Redner anders ansetzen müssen. Für viele Männer sei es ungewohnt gewesen mit einer Frau zusammenzuarbeiten, sagt Schilling, auch für die Vorgesetzten. „Manche haben mich in Watte gepackt, andere auf Händen getragen, ein paar sind mir einfach aus dem Weg gegangen.“ Auch in ihrem Generalstabslehrgang von 2007 war sie die einzige Frau. Bei 105 Teilnehmern.

Als hochrangige Offizierin absolvierte sie auch die obligatorischen Stationen im Bundesverteidigungsministerium. Dort beschäftigte sie sich ab 2014 mit der Frage, wie man die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiver macht. Das Thema beschäftigt Schilling bis heute. Dass die Truppe nicht genügend Panzer, Hubschrauber und Schiffe hat, ist bekannt. Aber noch größer sind die Herausforderungen beim Personal.

Bis 2031 sollen die Streitkräfte von aktuell 181 000 auf 203 000 Soldaten anwachsen. Doch derzeit sinkt die Zahl, während das Durchschnittsalter steigt und die Bewerberzahlen stagnieren. Schilling soll dafür sorgen, dass sich das ändert. Aktuell ist sie Vize- Präsidentin des Bundesamts für Personalmanagement. Wie wichtig das Thema ist, hat man im Ministerium erkannt. Heute ist klar: Mehr Soldaten zu rekrutieren, wird nicht reichen. Es braucht auch mehr Soldatinnen.

Im Sanitätsdienst liegt der Frauenanteil bei 45 Prozent. Doch außerhalb findet man weniger als 10 Prozent Frauen in der Bundeswehr. In den Armeen Frankreichs, Norwegens oder der USA sind es deutlich mehr. Zudem gilt für die Bundeswehr: Je höher der Dienstgrad, desto geringer der Frauenanteil.

Liest man den Bericht der Wehrbeauftragten, so ist die Truppe oft noch immer kein guter Ort für Frauen. Soldatinnen beschweren sich, dass sie nicht genug gefördert und als Vorgesetzte nicht akzeptiert werden. Bei sexuellem Fehlverhalten verzeichnet der Bericht einen „erneuten Anstieg gegenüber den bereits erhöhten Zahlen der Vorjahre“. Die Opfer sind meist Frauen. Wie lautet Schillings Rezept, damit die Truppe für Soldatinnen attraktiver wird? „Wir wollen Frauen in der Bundeswehr sichtbarer machen“, sagt sie. Andere Frauen sollten sehen: „Okay, wenn die da sind, kann ich mich als Frau dort auch wohlfühlen.“

Das Problem ist aber: Schilling selbst hat gar keine Lust, besonders sichtbar zu sein. Schon gar nicht als Vorbild für andere Frauen. „So ein Sendungsbewusstsein, dass ich jetzt ein Role-Model sein will, das hatte ich nie.“ Viele Soldatinnen äußern sich ähnlich. Man kann das verstehen in einer Organisation, in der das Individuum hinter Dienstgrad und Aufgabe zurücktreten muss. Wer sich in den Vordergrund drängt, macht sich angreifbar. Doch als Frau in einer männerdominierten Umgebung fällt man immer auf – im Guten wie im Schlechten.

Mutter und Offizier

Und auch Schilling wurde klar, dass sich nur etwas ändert, wenn sie damit anfängt. Zu Bundeswehr-Tagungen an Wochenenden habe sie bewusst ihre Familie mitgenommen, erzählt sie. „Im Frühstücksraum des Hotels saßen alle in Uniform und meine damals noch sehr kleinen Kinder haben dann halt durch den Raum gekräht, sich mit Nutella vollgeschmiert und den Orangensaft umgeworfen.“ Sie sah in diesen Momenten bestimmt nicht aus, wie man sich einen klassischen Offizier vorstellt. „Ich wollte den jungen Frauen auch zeigen: Man kann das so machen, man muss sich nicht verstecken“, sagt Schilling dazu. Sie ist niemand, der im Gespräch seine Autorität spielen lässt. Sie ist nahbar, manchmal nachdenklich, hinterfragt sich selbst. Sie erfüllt nicht das Klischee eines zackigen Generals. Aber das sagt womöglich weniger über Schilling aus als über die Vorstellungen, die in der Gesellschaft und auch in der Truppe noch tief verankert sind. Und die sich ändern müssen, wenn die Bundeswehr es ernst mit den Frauen meint.

Warum hat Schilling ihren Weg in der Bundeswehr gemacht, es als eine der wenigen nach oben geschafft? Ihre Erklärung: „Ich hatte das Glück, dass ich Vorgesetzte hatte, die sich sehr für mich eingesetzt haben oder die mich haben machen lassen.“ Sie sei nie ausgebremst worden. „Ich hatte nicht von Anfang an den Plan, General zu werden, und habe meine Karriere nicht danach ausgerichtet. Klar ist auch: Es gab auch andere, die das Potenzial gehabt hätten.“ Wenn sie erzählt, dann klingt es, als verberge sich hinter ihrer Spitzenkarriere nur eine Aneinanderreihung von Zufällen. Das mag persönliche Bescheidenheit sein. Und doch: Viele männliche Generäle würden ihre Geschichten wohl anders erzählen.

Mit 49 Jahren ist Schilling jung für eine Frau General, wie es bei der Bundeswehr heißt. Für einen Zweisterner ist sie sehr jung. Demnächst wird sie als stellvertretende Abteilungsleiterin für Personal ins Bundesverteidigungsministerium versetzt. Das ist ein Schritt „auf die strategische Ebene“, wie sie selbst sagt. Bewährt sie sich auch dort, könnte sie Geschichte schreiben: als erste Frau mit drei Sternen auf der Schulter.

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