Bundeswehr in Jordanien Am Himmel über der Wüste

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Die deutschen Aufklärungs-Tornados, die Bilder von IS-Milizen in Syrien und im Irak schießen, sind gerade erst von der Türkei nach Jordanien verlegt worden. Schon bald aber könnten sie gar nicht mehr gebraucht werden – bleiben will die Bundeswehr in der Region dennoch.

Seit Herbst sind die Beziehungen zu Jordanien noch enger geworden:  Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, hier mit  Generalleutnant Mahmoud Freihat, ist zu Gast Foto: dpa
Seit Herbst sind die Beziehungen zu Jordanien noch enger geworden: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, hier mit Generalleutnant Mahmoud Freihat, ist zu Gast Foto: dpa

Amman - Sie haben drei Billardtische, zwei Dartscheiben und eine üppige DVD-Sammlung an der Bar. Klar, es ist ein Fertigcontainer, aber im Gemeinschaftsraum mit mehreren schwarzen Sitzgarnituren und Großbildfernsehern lässt es sich unter der Fahne mit dem Bundesadler schon eine Weile aushalten. Und die Deutschen haben das beste Essen im Camp. Amerikaner, Belgier und Niederländer – alle kommen sie zu ihnen in die Kantine.

Viele Bundeswehrsoldaten, die hier auf dem Luftwaffenstützpunkt Al-Asrak in Jordanien ihren Dienst verrichten, vermissen trotzdem die Türkei. Auf der Incirlik Air Base, wo die deutschen Tornados samt den zugehörigen Einheiten zuvor stationiert waren, gibt es ein Kino und einen amerikanischen Supermarkt, in dem die Truppe ganz normal einkaufen konnte. „Sogar eine Bowlingbahn haben die“, schwärmt Linus M. aus Köln wehmütig, „und die Türken sind echt supernett gewesen – von den diplomatischen Schwierigkeiten haben wir vor Ort überhaupt nichts mitbekommen.“

Es ist ein unwirtlicher Ort

Irgendwann aber, als die deutschen Parlamentarier ihre Parlamentsarmee nicht mehr besuchen durften, ging es politisch einfach nicht mehr. Im vergangenen Juni beschloss das Bundeskabinett die Verlegung des Einsatzkontingents Counter ­Daesh. Weg aus dem Nato-Partnerland, in dem Präsident Recep Tayyip Erdogan immer willkürlicher agierte, nach Jordanien, das mit dem Antiterrorkrieg und der Flüchtlingskrise für die deutsche Außenpolitik massiv an Bedeutung gewonnen hat und immer großzügiger unterstützt wird. Im Oktober flogen die Kampfjets mit dem „Aufklärungsbehälter“ am Bauch, in dem eine hochauflösende Tageslichtkamera und ein Infrarotapparat für die Nacht stecken, ihre erste Mission. 163 Einsatzflüge später hat sich die oberste Dienstherrin, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), am Wochenende vor Ort ein Bild gemacht – und dem jordanischen Generalleutnant Mahmoud Freihat feierlich einen Satz neuer Fahrzeuge übergeben.

Es ist ein unwirtlicher Ort, an den es die 288 Bundeswehrangehörigen da verschlagen hat. Knapp 100 Kilometer östlich der jordanischen Hauptstadt Amman ist nichts als Geröllwüste, so weit das Auge reicht, durchzogen nur von niedrigem Gestrüpp. Der ewige Wind wirbelt Staub auf. Und die Temperaturen sind mit 16, 17 Grad nur in diesen Wintertagen angenehm. Linus M. erzählt von den ersten Besuchen im Sommer, als begonnen wurde, die deutsche Containerstadt namens Camp Sonic aus dem ausgetrockneten Boden zu stampfen. 45 Grad Celsius herrschten da, für die selbst die Tropenuniform der Truppe nicht wirklich ausgelegt ist.

In 25 Minuten sind die vier hier stationierten Tornados über dem Kampfgebiet

Günstig gelegen ist der Stützpunkt, der im Prinzip aus zwei großflächig umzäunten Start-und-Lande-Bahnen, Hangars und versprengten Gebäudeprovisorien besteht, nur aus militärstrategischer Sicht, was natürlich irgendwie Sinn der Sache ist. Nur 60, vielleicht 70 Kilometer sind es von Al-Asrak zur syrischen Grenze im Norden, fliegen die Soldaten gen Osten, erreichen sie nach 250 Kilometern den Irak. In 25 Minuten sind die vier hier stationierten Tornados über dem Kampfgebiet. Sie fliegen nicht Überschall, weil der Nachbrenner 600 Liter Sprit pro Minute verbraucht statt der 40 im Normalbetrieb. Und da sie stets vom großen Tank-Airbus begleitet werden, kann jede Maschine mehr als fünf Stunden in der Luft bleiben.

Die militärische Routine in Jordanien unterscheidet sich nicht von der in der Türkei. Der Tag beginnt für die Crews, bestehend aus dem Piloten und einem Waffenoffizier, mit mehreren Briefings. Sie erhalten Informationen über das Wetter, ihre Maschinen, die Lage im Kampfgebiet – und natürlich ihre konkreten Aufträge. Übermittelt werden diese vom in Katar beheimateten Lufteinsatzzentrum der internationalen Koalition gegen den Islamischen Staat – oder Daesh, wie er im Arabischen heißt. Meist schon am Vortag ist festgelegt worden, über welche Route die Ziele angesteuert werden, um hochpräzise Luftaufnahmen davon zu liefern. Ist die Kluft angelegt und die Pistole für den Ernstfall eingesteckt, bringen Busse die Mannschaften zu den Jets. Diese werden noch einmal von den Piloten inspiziert, dann geht es los – es zerreißt die Luft beim Start. Zwölf Stunden oder mehr hat ein Tag im Einsatz, nach der Rückkehr folgen eine Nachbereitung und Auswertung.

Die Bilder sind gestochen scharf

Mit Schnappschüssen aus Syrien ist es nicht getan. Die deutsche Luftwaffe erstellt „Aufklärungsprodukte“, wie die Soldaten das nennen, von den Alliierten als deutscher Beitrag der Ministerin zufolge „hochgeschätzt“. Noch während des Einsatzes werden die ersten Fotos an die Operationszentrale im Camp Sonic übertragen, wo einsatzerfahrene Kollegen mit der Auswertung beginnen. Die Bilder sind so gestochen scharf, dass sich zum Beispiel daraus schließen lässt, ob die Tür eines Gebäudes nach innen oder außen aufgeht – enorm wichtig für Spezialkräfte, die es vielleicht später stürmen, weil sich IS-Kämpfer darin verschanzt haben.

Es ist angeblich das erste Mal, dass ausländische Journalisten auf den jordanischen Stützpunkt gelassen werden. Entsprechend nervös sind die deutschen Presseoffiziere, dass jemand verbotenerweise militärisches Gerät fotografiert oder filmt. Vor allem die Predator-Drohnen der US-Armee, die in Zeltgaragen parken, sollen offensichtlich nicht die Runde machen. Zu übersehen ist das gute Dutzend nicht – erst recht, als der Konvoi der Ministerin vor der Überquerung der Startbahn hält, weil eine der ferngesteuerten, mit Raketen bestückten Drohnen gerade landet. Sie liefern zwar rund um die Uhr Livebilder, nehmen es aber – noch – nicht mit der Aufklärungsqualität der Tornado-Truppe auf. Die bekommt weiter ihre Aufträge.

Der Gottessstaat des IS existiert nicht mehr

Der hoch aufgeschossene Dominique G. steht vor einem Kampfjet, der gerade nicht im Einsatz ist. Auf der Heckflosse prangt ein schwarzer Panther, das Maskottchen der von ihm geleiteten Fliegerstaffel aus Schleswig. Er berichtet von den Schwierigkeiten, die sich aus der veränderten militärischen Lage ergeben. „Das Kalifat ist physisch zerschlagen“, hat zuvor Oberst Stephan Breidenbach berichtet, der Kontingentführer. Der barbarische Gottesstaat des IS, dessen Herrschaftsgebiet vor nicht allzu langer Zeit bis vor die Tore Bagdads reichte, existiert nicht mehr. Anfang Dezember erklärte der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi den Sieg, zwei Tage später tat es ihm der russische Präsident Wladimir Putin gleich, dessen Truppen das Regime in Syrien unterstützten. Nun jedenfalls, da der IS kein Land mehr sein Eigen nennen kann, müssen die Tornados Dominique G. zufolge viel seltener als bisher aufklären, worum es sich bei diesem und jenem Gebäude handelt. Stattdessen gilt es herauszufinden, wohin sich die vertriebenen Terrormilizen zurückgezogen haben, zurzeit anscheinend vorzugsweise in die Wüste, getarnt als Beduinen. „Das ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, sagt der Fliegerstaffel-Major. „Je mehr die in den Untergrund gehen, desto schwerer wird es – und letztlich sind unsere Aufklärungs-Tornados dann irgendwann das falsche Mittel.“

Das wirft Fragen nach der Zukunft der Mission auf, die nach den Anschlägen von Paris Ende 2015 auf Bitten der Franzosen begann. Kaum in Jordanien und schon wieder weg? „Was sollen die Tornados denn noch aufklären, wenn die militärische Struktur des IS zerschlagen ist?“, fragt Hans-Peter Bartels, der Wehrbeauftragte des Bundestags. „Im Laufe des Jahres könnte der Einsatz beendet werden, der für die Luftbetankung vielleicht auch später.“

Es wird weiter gekämpft

Klar ist schon jetzt, dass bei der im Fe­bruar anstehenden Mandatsverlängerung im Bundestag die zulässige Höchstzahl von 1200 Soldaten reduziert wird. Die Regierungsparteien denken aber schon an den Abzug der Tornados. „In einem weiteren Schritt“, heißt es im Sondierungspapier von Union und SPD für eine mögliche neue Koalition, will sie das Mandat „zur nachhaltigen Bekämpfung des IS-Terrors insbesondere durch ,capacity building‘ weiterentwickeln“. Der neudeutsche Begriff steht eher für die Aus- und Weiterbildung einheimischer Soldaten als für eigene Einsätze in der Kampfzone. Von der Leyen macht klar, dass sich Deutschland auch künftig nicht heraushalten kann und „die Aufgabe der langfristigen Stabilisierung der Region weitergehen wird“. Einen sofortigen Abzug lehnt sie ab, da „immer wieder Kämpfe aufflackern“.

Für Linus M., der vor dem Gemeinschaftscontainer eine Zigarette raucht, ist das eine Untertreibung. Wenn der Luftbetankungsoffizier 7000 Meter über Syrien oder dem Irak mit 72 Tonnen Kerosin an Bord seine Runden dreht und auf Kampfjet-Kundschaft wartet, sieht er durch das Fenster etwas anderes: „In der Nacht gibt es unter mir immer ein richtiges Feuerwerk.“ Speziell entlang des Euphrat, der durch Syrien und den Irak fließt, gebe es noch zahlreiche Rückzugsnester – weshalb dort in diesen Tagen ihr Haupteinsatzgebiet ist. „Man bewegt sich mit dem Flugzeug weiterhin in Kriegsgebiet“, meint auch Major G., „es ist zwar ruhiger geworden, aber in der Luft ist immer noch sehr viel los.“ Was ja auch im Umkehrschluss auf die Aktivitäten am Boden schließen lässt.

Mancher deutsche Soldat fühlt sich dieser Tage in Al-Asrak nicht weniger im Krieg als vor einem Jahr in Incirlik. Und auch nicht sicherer, im Gegenteil. „Das Gelände ist weitläufig, das kann doch gar nicht vollständig geschützt werden“, sorgt sich Linus M. Und auch das Vertrauen in die Jordanier muss noch wachsen. Erst in der vergangenen Woche habe eine Logistikfirma eine Plastikpistole ins Camp geschmuggelt, um zu sehen, wie die Deutschen reagieren. Mülleimer würden gelegentlich nach auswertbaren Informationen durchsucht. Der 32-Jährige sehnt sich nach Incirlik zurück. Oder besser nach Hause. In zwei Wochen geht es für ihn zurück.