Bundesweit einmaliges Modell Marbach beschließt Umzugsprämie für Senioren

Von Karin Götz und Julian Illi 

Die Stadt Marbach zahlt künftig Senioren, die ihre Wohnung aufgeben und Platz machen für junge Familien, 2500 Euro. Die neue Prämie soll von März an gelten – doch schon jetzt gibt es Zweifel am Nutzen.

Lukrativer Umzug: Ältere Menschen, die ihre Wohnung verlassen, bekommen von der Stadt Marbach künftig Geld. Foto:  
Lukrativer Umzug: Ältere Menschen, die ihre Wohnung verlassen, bekommen von der Stadt Marbach künftig Geld. Foto:  

Marbach - Die Stadt Marbach bietet vom 1. März an eine Umzugsprämie für Senioren an, die ihre Wohnung verlassen und Platz machen für Familien. Der Gemeinderat stimmte am Donnerstag entsprechenden Richtlinien mit großer Mehrheit zu. Drei Räte der Freien Wähler und ein SPD-Politiker enthielten sich.

Das Angebot für Menschen über 60 Jahren, eine einmalige Prämie in Höhe von 2500 Euro zu erhalten, wenn sie ihre Wohnung einer Familie aus der Stadt überlassen, ist beinahe einmalig in der Republik. „In Deutschland hat keine Stadt solche Richtlinien“, sagte der Hauptamtsleiter Thomas Storkenmaier. Tatsächlich gibt es keine weitere Kommune, die ein identisches Modell anbiete, bestätigen sowohl der Städte- wie auch der Gemeindetag im Land. Die Wohnbau Lörrach, die zu mehr als 80 Prozent von der Stadt getragen wird, lobt aber eine vergleichbare Prämie aus.

In Lörrach gibt es eine ähnliche Prämie

Dort können Menschen, die in eine kleinere Wohnung aus dem Bestand des Unternehmens ziehen, ebenfalls bis zu 2500 Euro bekommen. Man zahle die Prämie, wenn „die neue Wohnung um mindestens ein Zimmer oder 15 Quadratmeter kleiner ist als die alte“, heißt es. Der große Unterschied: Eine Altersgrenze gibt es hier nicht.

In Marbach legt das Rathaus großen Wert darauf, dass die neue Prämie nicht dazu da sei, ältere Menschen aus ihren Wohnungen zu drängen. Es sei ein freiwilliges Angebot, sagt Storkenmaier. Wie oft es genutzt werde, bleibe abzuwarten. „Die Leute werden sicher nicht Schlange stehen.“ Die Prämie solle dazu beitragen, die Situation auf dem Wohnungsmarkt zu verbessern.

Laut dem Statistischen Landesamt gibt es in der 16 000-Einwohner-Stadt rund 7600 Wohnungen – und damit rund 600 zu wenig, wie der Bürgermeister Jan Trost (parteilos) schätzt.

Senioren sollen nicht verdrängt werden

Der Mieterbund ist skeptisch, ob das Modell ein Erfolg wird. Das Problem seien die im Vergleich zu aktuellen Preisen deutlich geringeren Bestandsmieten, sagte der Landesvorsitzende Rolf Gaßmann gegenüber der Deutschen Presseagentur. „Man zahlt auch in einer kleineren Wohnung in der Regel mehr als vorher.“

Die Idee für die Umzugsprämie hatte die Gruppe Puls im Marbacher Gemeinderat. Er habe den Haushaltsantrag vor einem Jahr formuliert, sagte Hendrik Lüdke. „Nicht im Traum hätte ich gedacht, welche Aufmerksamkeit das erhalten würde“ sagt er. Sogar das Fernsehen berichtete. Das Gremium wolle keinerlei Druck auf Senioren ausüben, betonte auch der Initiator.

Ein im Entwurf der Verwaltung aufgeführter Passus stört ihn jedoch. Denn die Verwaltung hatte vorgeschlagen, dass es keine Prämie gibt, wenn die Senioren aus ihrer Wohnung in ein Pflegeheim umziehen. Diese Ausschlussregelung mache keinen Sinn und sei sogar kontraproduktiv, monierte Lüdke. Seinem Antrag, den Absatz deshalb zu streichen, folgte denn auch das gesamte Gremium.

Basis
Ein Senior oder ein Paar mit einem Mindestalter von 60 Jahren kann die Prämie bekommen.

Familie
Wohnungsberechtigt ist eine Familie mit mindestens einem Kind, die seit wenigstens zwei Jahren in Marbach wohnt und mindestens eine Drei-Zimmer-Wohnung mit einer Fläche von 70 Quadratmetern bezieht. Auch Alleinerziehende mit mindestens einem Kind oder ein Paar, bei dem eine Schwangerschaft nachgewiesen wird, ist berechtigt.

Umzug
Gefördert wird, wenn die Senioren in eine kleinere Wohnung umziehen und die bisherige innerhalb von sechs Monaten vermietet oder verkauft wird. Die neue Wohnung muss mindestens 30 Prozent kleiner sein als die bisherige, sofern diese größer als 100 Quadratmeter ist. Sollte die bisherige Wohnung kleiner sein, reicht es, wenn die neue mindestens 20 Prozent kleiner ist.




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