Bundesweiter Protesttag Apotheker fordern: „Es wird höchste Zeit, dass sich etwas bewegt“

Apotheker wie Christof Mühlschlegel bedienten ihre Kundschaft am Montag im Notdienstmodus, um auf die schwierige finanzielle Situation ihrer Branche hinzuweisen. Foto: Roberto Bulgrin

Überall im Landkreis Esslingen setzten Apotheken ein Zeichen für eine bessere Honorierung. Viele Kunden waren auf den Protesttag vorbereitet und zeigten Verständnis für die Aktion.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Quer durch die Republik setzten Apotheken am Montag ein Zeichen für eine bessere Honorierung, die für viele zur existenziellen Frage geworden ist. Anders als in anderen Bundesländern durften Apotheken in Baden-Württemberg zum Wochenanfang nicht gänzlich geschlossen werden – viele arbeiteten deshalb auch im Kreis Esslingen im Notdienstmodus. Gleichzeitig informierten Pharmazeutinnen und Pharmazeuten mit Warnwesten, Plakaten und Flyern über ihre Situation. Die Kundschaft reagierte fast durchweg mit großem Verständnis auf den Protesttag, zumal die Medikamentenversorgung gewährleistet war. „Viele haben uns bestärkt, auf unsere Situation aufmerksam zu machen und so dafür zu sorgen, dass wir unseren guten Service weiter anbieten können“, erzählt der Esslinger Apotheker Christof Mühlschlegel.

 

Viele seiner Kolleginnen und Kollegen beschreiben ihre finanzielle Situation inzwischen als prekär. „Wir haben seit 13 Jahren keine Erhöhung erhalten“, betont Tassilo Mickeler von der Neuhausener Löwen-Apotheke . „Zugleich sind die Kosten für Personal, Energie, Miete, Bürokratie und so weiter enorm gestiegen. Wir spüren den Druck auf unsere Betriebe extrem.“

Etwa ein Drittel der Apotheken arbeite derzeit defizitär und existiere „nur noch aus unermüdlichem Einsatz der Apotheker, die die Versorgung weiter sicherstellen wollen“. Etwa ein weiteres Drittel arbeitet nach Mickelers Worten „in einem Bereich eines Betriebsergebnisses, dass es die Risiken der Selbstständigkeit und den Arbeitsaufwand inklusive Notdienste und so weiter eigentlich nicht wert ist“.

„Apotheken nicht zum Nulltarif“

So tun sich Apotheker, die in den Ruhestand gehen wollen, nach Mühlschlegels Erfahrungen zunehmend schwer, Nachfolger zu finden: „Bei diesen Verdienstaussichten überlegen sich junge Pharmazeuten, ob sie die Verantwortung einer eigenen Apotheke mit allen wirtschaftlichen Risiken und 50- bis 60-Stunden-Wochen übernehmen wollen.“ Fast ein Dutzend Apotheken haben in den letzten Jahren allein in Esslingen geschlossen. „Wir haben seit 2013 in Deutschland rund 20 Prozent weniger Apotheken“, rechnet Tassilo Mickeler vor. „Das ist der niedrigste Stand seit 1977.“

Mit Plakaten machten Apotheken auf ihre wirtschaftliche Situation aufmerksam. Foto: dpa

Der junge Neuhausener Pharmazeut warnt vor den Folgen: „Sie treffen die Menschen vor Ort. Die ältere Frau auf dem Land, die nicht mal eben in die nächste Stadt fahren kann. Die Familie, die am Abend dringend Medikamente für das Kind braucht und auf den Notdienst angewiesen ist. Den chronisch kranken Patienten mit etlichen Medikamenten, der persönliche Beratung benötigt. Wenn Apotheken verschwinden, verschwinden nicht nur Betriebe. Es verschwinden Sicherheit, Erreichbarkeit, Vertrauen und ein Stück Menschlichkeit im Gesundheitswesen.“

Für Christof Mühlschlegel ist wie für seine Kolleginnen und Kollegen klar: „Es wird höchste Zeit, dass sich etwas bewegt.“ Er rechnet vor, dass Apotheker seit 2013 Kostensteigerungen um 65 Prozent verkraften mussten, während die Apothekenhonorare stagnieren: Das packungsbezogene Honorar liege seit vielen Jahren bei 8,35 Euro. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sehe zwar eine Anhebung auf 9,50 Euro vor – eine verbindliche Umsetzung stehe jedoch aus. „So kann das nicht weitergehen“, betont Mühlschlegel. „Wir wollen eine gute Medikamentenversorgung, doch dafür müssen die Rahmenbedingen stimmen.“

Weil die Bundesregierung mit der in Aussicht gestellten Honorarerhöhung bislang nicht auf Touren gekommen ist, wollten Apothekerinnen und Apotheker bundesweit mit ihrem Protesttag ein Zeichen setzen. Die Beteiligung war groß, die Kundschaft reagierte fast durchweg verständnisvoll. „Ich finde es völlig richtig, dass die Apotheken auf ihre Situation aufmerksam machen“, erklärte Evelyn Weidenhausen, die bei Mühlschlegel in der Esslinger Apotheke am Theater via Notfallschalter bedient wurde. „Eine gute Medikamentenversorgung ist nicht selbstverständlich. Es ist wichtig, dass man die Probleme der Apotheken aufzeigt. Und man wird ja trotzdem versorgt.“ Ein älterer Kunde sah’s ähnlich: „Ich wollte nur mal schauen. Das ist ganz richtig, dass Ihr der Politik die Meinung sagt. Meine Medikamente hole ich morgen ab.“

Verständnisvolle Kundschaft

Apotheken spielen eine wichtige Rolle, fühlen sich jedoch von der Politik nicht genügend wertgeschätzt. Foto: dpa

Tassilo Mickeler machte ähnliche Erfahrungen: „Viele wussten vom Protesttag – deshalb ist es heute etwas ruhiger. Und die, die kommen, sind froh, dass sie über die Notdienstklappe trotzdem bedient werden.“ Ähnliche Erfahrungen machte Monica Ovelgönne, Filialleiterin der Denkendorfer Rathaus-Apotheke: „Die Kunden sind alle sehr verständnisvoll und ermuntern uns sogar, auf die Situation der Apotheken aufmerksam zu machen – schließlich setzen wir uns nicht nur für uns, sondern auch für alle, die eine gute Medikamentenversorgung brauchen, ein.“

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