Am bundesweiten Vorlesetag rückt der Verein Leseohren das Vorlesen in den Mittelpunkt – dieses Mal im Straßenbahnmuseum in Bad Cannstatt. Für eine Stunde haben fünf SSB-Mitarbeiter Büro und Führerhaus verlassen und den Kindern Geschichten mitgebracht.

Ob auf dem Sofa, im Kindergarten oder bei der Gute-Nacht-Geschichte am Bett: Vorlesen findet oft in vertrauter Umgebung statt. Doch am Freitagvormittag erlebte eine Kitagruppe aus Stuttgart eine Lesestunde an einem ungewöhnlichen Ort: im Straßenbahnmuseum in Bad Cannstatt.

 

Die Leseohren haben für den bundesweiten Vorlesetag mit der Stuttgarter Straßenbahn AG zusammengearbeitet. Fünf Mitarbeiter der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB), von Stadtbahnfahrer bis Personalvorstand, haben ihren Arbeitsalltag gegen eine Lesestunde in den historischen Straßenbahnen getauscht. Normalerweise bringen sie täglich mehr als 600.000 Fahrgäste in Stuttgart ans Ziel oder kämpfen sich durch einen vollen Terminkalender. Heute nehmen sie selbst im Fahrgastraum Platz und lesen vor.

Nach einem kurzen Kennenlernen bekommt jede der fünf Vorlesenden eine Gruppe Kinder zugeteilt. Dann geht es los: Anette Schwarz, Arbeitsdirektorin der SSB, greift in die Bücherkiste und findet „Killis erstes Abenteuer“. Ein Buch über Wiesel Killi, der im Killesbergpark aufwächst und in seiner Freizeit am liebsten mit der Killesbergbahn fährt. „Ich glaube, jedes Kind, das in Stuttgart aufgewachsen ist, hat ein Foto von sich vor der Killesbergbahn“, erzählt sie lachend. Das Buch ist eine gute Wahl, die Kinder lauschen gespannt ihren Worten über die Abenteuer des kleinen Tiers.

Begeisterung fürs Lesen wecken

Die Vorleseaktion richtete sich nicht nur an Kinder, für die Bücher bereits ein fester Bestandteil ihres Alltags sind, sondern auch an Kinder, die bisher eher weniger Berührungspunkte mit Literatur hatten. „Natürlich möchten wir mit dem Vorlesen für mehr Begeisterung für Bücher sorgen, aber auch für mehr Bildungsgerechtigkeit“, sagt Frederike Wiechmann, die Projektkoordinatorin der Leseohren. Lesen sei zentral für ein Kind, um den eigenen Bildungsweg selbstbestimmt gehen zu können.

Mit unterschiedlichen Stimmen, fast wie aus einem Hörbuch, erzählen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der lustigen Welt der „Henriette Bimmelbahn“ und anderen Geschichten. Nach einigen Minuten lässt die Aufmerksamkeit der Kinder etwas nach, verständlich bei all den Eindrücken im Museum. Die echte Straßenbahn ist doch interessanter als die im Buch. Das gehört dazu, sagt Frederike Wiechmann aus Erfahrung. „Auch wenn das Lesen mal in den Hintergrund rückt, ist das nicht schlimm. Wir wollen die Kinder ans Lesen heranführen, aber mit Spaß und nicht mit Zwang.“

Bundesweiter Vorlesetag seit 2004

Die Stuttgarter Leseohren sind eine gemeinsame Initiative der Stadtbücherei, der Breuninger Stiftung, des Jugendamts und des Staatlichen Schulamts. Mit inzwischen gut 500 ehrenamtlichen Vorleserinnen und Vorlesern sind die Leseohren die größte Vorleseinitiative Deutschlands. Der Bundesweite Vorlesetag findet seit 2004 jährlich am dritten Freitag im November statt.