Elias Kußmaul sitzt im Besprechungsraum der Redaktion, die Hände locker ineinander verschränkt, das Abitur hat er noch vor sich – aber einen Bundessieg in Mathematik bereits in der Tasche. Er spricht ruhig und antwortet bedacht. Wenn er aber über Mathematik redet, leuchten seine Augen. Dann fallen Sätze wie „unfassbar ästhetisch“ und „elegant“ – Worte, die man eher im Feuilleton vermuten würde als in einer Unterhaltung über Mathematik.
Der 17-Jährige aus Böblingen wirkt nicht wie jemand, der zu den acht besten Nachwuchsmathematikern gekürt wurde. Kein Triumph, kein Pathos. Eher ein junger Mann, der sich freut, dass er knobeln darf. Elias Kußmaul besucht die 12. Klasse des Albert-Einstein-Gymnasiums in Böblingen und macht dieses Jahr Abitur. Dass er einmal zu den größten Mathe-Talenten Deutschlands zählen würde, klingt für ihn selbst wenig spektakulär. „Ich war schon immer gut in Mathe“, sagt er schlicht.
Elias' Weg: Vom Schüler zum Frühstudent der Mathematik
Früh stellte er fest, dass ihn nicht nur richtige Ergebnisse, sondern vor allem die Wege dorthin faszinieren. Die siebte Klasse übersprang er, den Stoff arbeitete er eigenständig nach. Schon als Mittelstufenschüler besuchte er Seminare an der Uni Stuttgart. Dort stieß er auf Videos zu komplexen Zahlen – ein Schlüsselmoment. „Das fand ich faszinierend“, sagt der 17-Jährige. Inzwischen absolviert er ein Frühstudium in Mathematik.
Vor rund einem Jahr entdeckte er die Topologie für sich, ein Teilgebiet der Mathematik, das sich mit Eigenschaften von Räumen beschäftigt. Besonders die algebraische Topologie hat es dem Schüler angetan. „Sehr abstrakt, aber sehr elegant“, sagt Elias. Wenn er davon spricht, vergisst man schnell, dass hier ein 17-Jähriger sitzt, der nebenbei noch für das Abitur lernt.
Was ihn an Mathematik begeistert, hat mit Schulbuchaufgaben nur bedingt zu tun. „Mathe in der Schule ist ganz anders“, sagt er. Dort gebe es klare Formeln und vorgegebene Lösungswege. „Dieses kreative und eigenständige Denken ist da nicht so gefragt.“ Genau das reizt ihn aber. „Man läuft die ganze Zeit gegen die Wand – und plötzlich hat man einen Lichtblick“, schwärmt er. Dieser Moment, wenn sich eine Lösung nach langem Grübeln plötzlich öffnet, sei „Wahnsinn“.
Elias Kußmaul triumphiert beim Bundeswettbewerb Mathematik
Dieser Lichtblick hat ihn nun bis zum Bundessieg geführt. Rund 1400 Jugendliche nahmen 2025 am Bundeswettbewerb Mathematik teil. Acht von ihnen setzten sich in der letzten Runde durch – darunter Elias Kußmaul. In mehreren Wettbewerbsrunden mussten anspruchsvolle Aufgaben gelöst werden, ehe es in die entscheidende Phase ging: einem einstündigen Fachgespräch mit erfahrenen Mathematikern. Anfangs sei er etwas aufgeregt gewesen, die Nervosität habe sich aber schnell gelegt, als er zum Thema Topologie befragt wurde. „Es hat Spaß gemacht“, sagt er. „Ich hatte insgesamt ein gutes Gefühl, aber mir war bewusst, dass die anderen Teilnehmer alle ebenfalls außergewöhnlich stark in Mathe sind.“
Mit dem Bundessieg ist die Aufnahme in die Studienstiftung des deutschen Volkes verbunden. Zudem darf Elias im Sommer mehrere Wochen am Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn gemeinsam mit renommierten Wissenschaftlern forschen. Für ihn ist das ein besonderer Anreiz – und ein Vorgeschmack auf das, was kommen könnte.
Elias Kußmaul plant Zukunft in München oder Bonn
Wo er einmal studieren wird, weiß er noch nicht genau. München reizt ihn, auch weil sein 19-jähriger Bruder dort Informatik studiert. Bonn ist ebenfalls eine Option. Langfristig kann er sich eine Laufbahn in der Forschung vorstellen, vielleicht als Mathematikprofessor. „Woran ich dann forsche, lasse ich auf mich zukommen.“
Neben Mathematik interessiert sich der 17-Jährige noch für Physik, Informatik und Technik. Mit seinem Bruder spricht er über Flugzeuge und Raketen, und liest Fachbücher – meist auf Englisch, auch wenn ihn das Schulfach wenig begeistert. Früher war Elias im Schwimmverein. Heute verbringt er seine Freizeit nicht nur mit seinen Freunden, sondern auch mit mathematischen Problemen – allerdings nicht nach Plan. „Ich zwinge mich nicht“, sagt er. „Mal mache ich eine Woche nichts, dann packt es mich wieder.“
Im Besprechungsraum der Redaktion wirkt Elias am Ende des Gesprächs genauso ruhig wie zu Beginn. Kein Pathos, keine großen Gesten. Nur die leise Begeisterung für ein Fach, das viele etwas abschreckt. „Mathe ist unfassbar ästhetisch“, sagt der 17-Jährige noch einmal. Und für einen Moment scheint es, als sei diese Eleganz nicht nur eine Eigenschaft von Zahlen und Räumen – sondern auch von seinem eigenen Weg.