Stuttgart - Proben, Besprechungen, Sitzungen und wieder Proben, von keiner Mittags- oder Atempause unterbrochen: das Pensum von Burkhard Kosminski, der in zehn Tagen seine Intendanz am Stuttgarter Schauspiel eröffnet, ist auch an diesem Fußballfreitag gewaltig. Anders als mit einer ungeheuren Kraftanstrengung könnte er das stolze Auftaktprogramm seines Hauses nicht stemmen. Acht Premieren innerhalb eines Monats, zwei davon unter seiner Regie – und so kommt der bienenfleißige Theatermann jetzt direkt aus dem Nord, wo er seit Wochen die Familientragödie „Vögel“ probt, um alsbald einer anderen Tragödie beizuwohnen: 0:3 gegen Eintracht Frankfurt, die dritte Klatsche unter dem Trainer Markus Weinzierl nach einem Spiel, das der 57-jährige Kosminski mit einem ihm schon von Berufs wegen geläufigen Fachbegriff belegt. „Ein Trauerspiel“, sagt der VfB-Fan nach dem Abpfiff im Stadion und schüttelt ratlos den Kopf.
Dass der Abend dieses langen Theatertages knüppelhart enden wird, weiß er jetzt freilich noch nicht. Er ahnt es nur, als wir ihn in der mit Fans vollbesetzten S-Bahn um einen Tipp fragen. „Der Optimist in mir sagt: Wir gewinnen 2:1. Der Realist in mir sieht die Sache eher schwarz“, unkt der Mann mit den zwei Seelen in der Brust, dessen nüchterner Realismus sich aus einer über Jahrzehnte erworbenen Kennerschaft speist. Seit seiner Jugend verfolgt Kosminski die Bundesliga, wenn möglich live im Stadion: „An allen meinen Theaterorten bin ich zu den Spielen gegangen, ob in Dortmund, Hamburg, Berlin oder München“ – und zu Beginn der laufenden Saison auch schon in Stuttgart, als es gegen die Bayern ebenfalls eine 0:3 Niederlage setzte. Er habe damals einen völlig ideenlosen VfB gesehen, was ihn für das Match gegen Frankfurter nicht zuversichtlich stimme. Einerseits.
Das Leiden des Fans
Andererseits – und jetzt spricht der Optimist im Bühnenchef – hoffe er bei den Rotweißen wie alle Fans auf die Wende: Der VfB ist sein Herzensverein, was nicht zuletzt an frühen Prägungen liegt. Noch bevor der in Schwenningen geborene, in Pfullingen aufgewachsene Kosminski in Stuttgart von Claus Peymann künstlerisch sozialisiert wurde, imponierte ihm fußballerisch der nicht minder legendäre Jürgen Sundermann als VfB-Trainer. „Mein erstes Spiel habe ich mit meinem Patenonkel im damaligen Neckarstadion gesehen. Der VfB lag gegen 1860 München mit 0:1 hinten, aber mein Onkel – Pfarrer in Wolfschlugen – stieß eine Prophezeiung aus: Wenn die Mannschaft aus der Kabine zurück kommt, schießt sie ruckzuck Tore.“ Und weil es unter Sundermann just so geschah, habe er geglaubt, sein geistlicher Onkel habe einen direkten Draht zum Fußballgott.
Am Freitagabend ist freilich keine Hilfe von oben zu erwarten. Nach elf Minuten rappelt es zum ersten Mal im Kasten des VfB. Kosminski hat es kommen sehen. Schlechtes Umschaltspiel, fehlender Sechser, langsame Spieler und eine total verunsicherte Mannschaft, die dem schnellen, harten, zielstrebigen Angriffsspiel der Frankfurter nichts entgegenzusetzen hat – immer wieder analysiert er das Trauerspiel auf dem Platz, ein kundiger Kommentator, den man in die Sky-Kabine setzen könnte, würde nicht regelmäßig das Leiden des Fans aus ihm herausbrechen. Kosminski fasst sich entsetzt an den Kopf, grummelt nur noch „Mannmannmann“ beim 0:2 und verliert beim 0:3 kurz vorm Abpfiff ganz die Sprache. Einmal aber, als es der Fußballgott gut mit den Rotweißen zu meinen scheint, schnellt der Fußballtheaterfan mit dem Clubschal doch von seinem Platz auf, reißt die Hände in die Höhe und schreit ein befreiendes „Ja, jaa, jaaa“ in den Himmel über Cannstatt. Allein, der Treffer zählt nicht, Aogo im Abseits, Jubelfehlalarm von Kopf bis Fuß beim VfB Kosminski.
Der Präsident im Tigermodus
Die Bilanz des erst vor vier Wochen engagierten Trainers ist katastrophal. 0:11 in drei Partien, weshalb sich Markus Weinzierl nach dieser neuen Schlappe wie eine Beckett-Figur fühlen dürfte. „Scheitern. Wieder scheitern. Besser scheitern“, heißt es beim irischen Nobelpreisträger, wobei vom Scheitern in der besseren Variante in den zurückliegenden neunzig Minuten nichts zu sehen war. In der Ehrenloge, dem Allerheiligsten des Fußballtempels, in das der Schauspiel-Intendant als Mann des öffentlichen Lebens geladen worden ist, macht sich Ratlosigkeit breit. Die Granden des Vereins sind betrübt und wortkarg – und der Präsident Wolfgang Dietrich, der schon während der lausigen Vorstellung seiner Truppe die Hände im Gesicht vergraben hat, tigert in diesem als exklusives Restaurant ausgestatteten Rückzugsraum schweigend hin und her: ein tragischer Held, unter Hochspannung nervös vor sich hinbrütend und ein exzellentes Studienobjekt für den Theatermann Kosminski.
Was tun? Wie mit Dauerniederlagen umgehen? „Jedes Ensemble – und nichts anderes ist eine Fußballmannschaft – rasselt gemeinsam in den Schlamassel. Deshalb muss es auch gemeinsam wieder rauskommen“, sagt Kosminski. Den überhasteten Aktionismus, den der VfB in der Vergangenheit gezeigt hat, hält er für falsch und rät wie im Theaterbetrieb auch zur Gelassenheit. Und dann sieht er noch eine schicksalhafte Parallele zwischen Ball und Bühne, zwischen Trainer und Regisseur, deren beider Spiel missraten kann, obwohl sie im Vorfeld alles richtig gemacht haben: „Richtig trainiert und geprobt, richtig aufgestellt und besetzt, richtig strategisch und dramaturgisch gedacht – und dann kommt der heikle Moment des Loslassens, wenn die Vorstellung beginnt und man als Verantwortlicher nur noch hoffen kann, dass sich die Dinge fügen.“
Hitzlsperger, der Lieblingskritiker
Für Weinzierl fügt sich beim Spiel gegen die Eintracht nichts. Für Kosminski, den talentierten Netzwerker, wenigstens etwas. Als alles vorbei ist, spricht er in der Ehrenloge noch jenen VfB-Funktionär an, der selbst in der Stunde der Demütigung eine große Freundlichkeit und Souveränität ausstrahlt: Thomas Hitzlsperger, Nachwuchschef des VfB, den er für gemeinsame Jugend- und Veranstaltungsprojekte gewinnen will. Hitzlsperger schätzt er über die Maßen, auch in dessen Rolle als ARD-Experte, der seine Kritik an Spielern und Trainern immer sehr zugewandt, sehr konstruktiv und nie zerstörerisch äußere. Und obwohl sich der Schauspiel-Intendant jetzt eine weitere Bühnensport-Analogie verkneift, ahnt man, dass er sich diesen Kritikertypus auch fürs Theater wünscht: sanfte Hitzlspergereien statt schroffer Verrisse.
Der Fußballabend endet, wie er begonnen hat: Burkhard Kosminski mit anderen Fans in der Bahn auf dem Weg in die Stadt. Nur der Optimist fährt nicht mehr mit. Er hat seine Hoffnung auf dem Platz begraben.