Burlesque-Schule in Berlin Erotisches Entblättern

Von Melanie Maier 

Ausziehen ist nicht gleich Ausziehen: Bei der Burlesque geht es um Selbstbewusstsein und Sinnlichkeit. In der deutschen Szene gilt Marlene von Steenvag als Königin des erotischen Entblätterns. Ein Hausbesuch.

Alles eine Sache der Übung: Die Burlesque-Ikone Marlene von Steenvag (vorne) zeigt ihrer Schülerin Jean Rockmore, wie sie sich im Sitzen elegant bewegen kann. Foto: Elena Weiß 10 Bilder
Alles eine Sache der Übung: Die Burlesque-Ikone Marlene von Steenvag (vorne) zeigt ihrer Schülerin Jean Rockmore, wie sie sich im Sitzen elegant bewegen kann. Foto: Elena Weiß

Berlin - „Ladies and Gentlemen: Jean Rockmore!“ Mit laszivem Blick setzt die dunkelhaarige junge Frau einen Fuß vor den anderen. Langsam, ganz langsam, zieht sie ihren linken Handschuh aus. Sie schwenkt den schwarzen Stoff einmal kurz über den Kopf – und lässt ihn fallen. Den Blick zum Publikum gerichtet, beugt sie sich geschmeidig nach unten, rollt ihren Seidenstrumpf Masche für Masche herab. Im Hintergrund läuft „Walkin’ and Strippin’“ von Sonny Lester. Die Saxofon- und Pianoklänge bilden die Bühne dieser kleinen Show. „Teasen“ nennen Burlesque-Künstler das, was Jean Rockmore gerade gekonnt vorführt: den Zuschauer locken, ihn ein wenig necken.

Es ist die Grundlage dessen, was die Burlesque ausmacht. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts entstanden, geht es bei dieser Kunstform nicht darum, sich vor anderen Menschen zu entblößen. Nackte Haut zu zeigen. Jedenfalls nicht allein. „Der Körper“, sagt Marlene von Steenvag, „ist nur die Tinte, mit der wir unsere Persönlichkeit auf der Bühne zeichnen.“ Die Körperform rücke dabei in den Hintergrund, sagt die deutsche Burlesque-Ikone, die in der Szene als Europas Antwort auf die US-amerikanische Tänzerin Dita Von Teese gehandelt wird.

Anders als beim Striptease zeigen bei der Burlesque dünne wie dicke Menschen, Heterosexuelle wie Homosexuelle, Transgender wie Dragqueens, was sich unter ihrer Kleidung verbirgt. Sex und Erotik spielen eine wichtige Rolle, können aber bei entsprechenden kabarettistischen oder artistischen Einlagen schnell zur Nebensache geraten. Welche Elemente wann Priorität haben, bestimmt allein, wer im Rampenlicht steht. „Beim Striptease ist die Person austauschbar“, sagt Marlene von Steenvag. „Bei der Burlesque geht es um den Charakter, der sich auf der Bühne darstellt.“

Eine „Bachelorette of Burlesque“ kann sich selbst vermarkten

Diese konstruierte Persönlichkeit versucht sie gemeinsam mit ihren Schützlingen in der Berlin Burlesque Academy zu erarbeiten. Mit dem 2014 initiierten Programm können sich Interessierte innerhalb einiger Wochen oder Monate zur „Bachelorette of Burlesque“ ausbilden lassen. Dabei lernen sie nicht nur aufreizend zu tanzen und sich währenddessen auszuziehen, sondern auch Shows zu kreieren, sich anschließend zu vermarkten – ein bislang einzigartiges Konzept.

Der Unterricht findet meist im Souterrain des Tapas-Restaurants „Andaluzia“ im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg statt. An diesem Nachmittag übt Jean Rockmore dort in hohen schwarzen Schuhen, schwarzen Hotpants und einem schwarzen Büstenhalter ihren Auftritt. Die 23-Jährige arbeitet als Masseurin, würde aber gerne professionell Burlesque tanzen. In dem kleinen Raum ist es kühl. Von der Decke hängen rote, blaue, orangefarbene Luftballons, dazwischen glitzern silbern drei Discokugeln. Mit einer leichten Drehung setzt sich Jean Rockmore auf den Boden. Mit den Zehenspitzen streift sie die Seidenstrümpfe ab. Das lange Haar fällt ihr über die Schultern. Das Piano frohlockt klimpernd. Ganz wohl fühlt sich die junge Frau in ihrer Rolle allerdings nicht: Nach einigen Minuten lässt sie sich von den Blicken der wenigen Zuschauer – der Burlesque-Lehrerin, der Journalistin und der Fotografin – verunsichern. Sie verkrampft – ihre Bewegungen, ihr Gesichtsausdruck wirken plötzlich gekünstelt.

„Fordere die Aufmerksamkeit ein, lass dich bewundern“

„Lass’ dir Zeit!“, ruft Marlene von Steenvag. Mit überschlagenen Beinen sitzt sie nahe der Tür auf einem Barhocker. Ihre Füße wippen im Takt, hin und wieder schreibt sie etwas in ihr Notizbuch. „Das Wichtigste ist, dass du erst einmal deinen Charakter auf der Bühne etablierst, damit die Leute wissen: Wer steht mir da überhaupt gegenüber?“, erklärt die 35-Jährige, als die Musik verstummt. „Fordere die Aufmerksamkeit ein, lass’ dich bewundern.“

In ihrer eigenen Vorstellung steht Jean Rockmore bereits auf der großen Bühne. Sie sieht sich selbst als elegante Diva. Ihre Show soll in den 1920er Jahren spielen. Sich all das auszumalen, ist Teil der Übung. Bis die Nachwuchskünstlerin tatsächlich auf der Bühne steht, wird es aber noch ein Weilchen dauern. „Sie zeigt erst wenig von ihrer Persönlichkeit“, sagt Marlene von Steenvag. „Daran arbeiten wir gerade.“

Mit ihrer Academy möchte die „Königin der Burlesque“ (ZDF) ihren Schülerinnen den steinigen Weg ersparen, den sie selbst gehen musste. Etliche Umwege führten Marlene von Steenvag zu ihrer Profession. In Freiburg hatte sie angefangen, Literaturwissenschaften zu studieren – und schnell festgestellt, dass sie etwas anderes mit ihrem Leben anfangen möchte. 2007 wechselte sie an die East 15 Acting School in London. Um ihr Studium zu finanzieren, stellte sie sich in einem französischen Restaurant auf die Bühne, sang Chansons der 1930er Jahre. Berthold Brecht und Kurt Weill. Um das Ganze ein wenig aufregender zu gestalten, zog sie sich im Laufe der Show um. „Das kam wesentlich besser an als das Singen“, erinnert sich die großgewachsene Blondine und zwinkert. „Nach und nach wurde das Umziehen zum Ausziehen.“

Im Oktober findet das erste Stuttgarter Burlesque-Festival statt

Als sie vor sieben Jahren nach Deutschland zurückkehrte, war Burlesque jedoch ein noch relativ unbekanntes Genre. „Es gab gerade einmal vier oder fünf Künstler“, sagt Marlene von Steenvag. „Ich musste immer reisen, wenn ich irgendwo auftreten wollte.“ Aus der Not heraus beschloss sie, sich ihre eigene Bühne aufzubauen. 2012 organisierte sie das erste Burlesque-Festival in Berlin. „Es war von Anfang an ein Erfolg: Das Festival war schon beim ersten Mal komplett ausverkauft.“ In der noch jungen Szene wuchs Marlene von Steenvag zu einer festen Größe. Nachdem sie in ihrer Anfangszeit mit zwei Physikern in einer WG wohnte („es war ein bisschen wie in der Serie ‚The Big Bang Theory’“), sich das Geld für den Stoff ihrer aufwendigen Kostüme mühsam ersparen musste, verdient sie heute oft mehrere Tausend Euro – mit einer Show. Angebote hat sie viele. Am 8. Oktober etwa wird sie beim ersten Stuttgarter Burlesque-Festival zu sehen sein, das vom 7. bis zum 9. Oktober im neuen Friedrichsbau-Varieté stattfinden soll. Im Frühjahr 2017 wird sie beim ersten Burlesque-Festival Hamburgs auftreten.

Bei diesem könnte auch Jean Rockmores Vision zur Realität werden. Für den letzten Durchgang an diesem Tag legt sie einen ­lilafarbenen Federkragen um, verschnürt ihr Korsett hinter dem Rücken. Als die ­ersten Töne von „Walkin’ and Strippin’“ erklingen, posiert sie zunächst verhalten. „Mehr Hüfte!“, ruft Marlene von Steenvag von ihrem Barhocker. „Und jetzt die Boa! Lass’ dir Zeit! Genieß’ das!“

Nach und nach gewinnt die junge Frau an Sicherheit, fühlt sich im Mittelpunkt zunehmend wohler. Die Handschuhe, die Pumps, die Strümpfe, das Korsett fallen zu Boden. Es gleicht einer ­Offenbarung: Mit jedem Stück Stoff, den Jean Rockmore verliert, mit jedem Körperteil, den sie ihren Zuschauern offenbart, verleiht sie dem Wesen der Burlesque mehr Ausdruck. Ihre Bewegungen, ihr Spiel mit dem Publikum zeigen: Es geht ums Aus­ziehen. Und dann auch wieder nicht. Es geht darum, Spaß zu haben, den eigenen Körper – mit seinen Macken, mit seinen Eigen­arten – zu genießen. Die eigene Persönlichkeit zu zelebrieren. Sinnlich und selbstbewusst. Und sich dafür von anderen feiern zu lassen. „Ladies and Gentlemen: Jean Rockmore!“

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