Burnout der Gesellschaft Mehr Normalität, bitte!

Rituale vereinfachen das Leben und schaffen Freiräume für das Besondere Foto: Ben Maier

Vor der Corona-Krise und dem Ukraine-Krieg haben viele ihren Alltag öde gefunden. Heute sind wir schlauer: Warum Routine und Langeweile auch ihre guten Seiten haben.

Montag bis Freitag: Aufstehen, zur Arbeit gehen. Am Wochenende ausschlafen, Freunde treffen, ein bisschen feiern, einen Ausflug machen. Manche machen das ihr ganzes Berufsleben lang mehr oder weniger so.

 

Ben Maier ist Mitte zwanzig, als ihn dieser Alltagstrott zu langweilen beginnt. Er arbeitet in verschiedenen Werbeagenturen, reist viel, lebt längere Zeit in Asien. Doch sobald er nach Hamburg zurückkommt, ist das Gefühl wieder da, in den täglichen Routinen gefangen zu sein.

Als der Alltagstrott noch nervte

„Um diese Komfortzone des Alltags zu verlassen, musste ich mir etwas überlegen“, sagt Ben Maier. Der Fotografie-Student startet einen Monat lang ein „Travel Every Day“-Projekt.

Die selbst gesetzte Aufgabe: jeden Tag etwas Neues tun, um mehr Spannung ins Leben zu bringen. Das konnte ein anderer Weg zur Arbeit sein. Ein Club, den er bisher noch nie besucht hatte. Oder er fuhr mit dem Skateboard durchs Parkhaus. Und blickte vom Dach aus auf die Stadt. Immer dabei: seine Kamera, mit der er den Alltag aus anderer Perspektive festgehalten hat.

Langeweile gibt Struktur und Halt

Das war im Jahr 2017. Vor der Coronapandemie. Vor dem Ukraine-Krieg. „Inzwischen habe ich verlässliche Konstanten im Alltag schätzen gelernt“, sagt Ben Maier, der nun 32 Jahre alt ist und in den Niederlanden lebt. Weil er während der Lockdowns gemerkt hat, dass das, was er früher als so langweilig empfand, ihm Struktur und Halt gibt.

Dass man Reisen nur plant, wenn der Job und damit das Geld dafür sicher sind. Dass man erst gar nicht losfährt, wenn man nicht weiß, ob man wieder einreisen darf. „Da habe ich verstanden, dass ich nur dank der Alltagsroutinen aus der Normalität überhaupt ausbrechen kann.“

Der Einkauf als Gradmesser

Dass Alltag manchmal zwar langweilig, häufig aber notwendig und oft sogar sehr hilfreich sein kann. Weil er Sicherheit und Geborgenheit bietet. Ben Maiers Schilderungen fassen ziemlich gut zusammen, wie sich die Deutschen fühlen, seit Corona und der Ukraine-Krieg so vieles durcheinandergewirbelt haben, was bis dahin als selbstverständlich galt. Der jährliche Urlaub auf Mallorca, das immer gleich ablaufende Weihnachtsfest mit der Familie, das Popcorn im Kino, der Biergartenbesuch mit Freunden. Und besonders der Einkauf im Supermarkt.

Es gab Zeiten, da war dieser Einkauf eine ziemlich normale, bisweilen eher langweilige, weil recht monotone Tätigkeit. Dann kamen die leeren Klopapierregale. Mal fehlte Hefe, dann wieder Mehl. Derzeit ist es wieder Mehl – und Speiseöl. Menschen stehen verwirrt, fassungslos, empört, verängstigt vor den leeren Regalen. Köpfe werden geschüttelt: „Das ist doch nicht normal!“ – die einhellige Meinung der Kunden.

Sind 15 verschiedene Klopapier-Sorten normal?

Aber was ist eigentlich dieses „normal“, nach dem sich alle sehnen, seit der erste Corona-Lockdown im März 2020 den Alltagstrott ausgebremst hat? Ist es normal, dass ein Supermarkt immer 15 verschiedene Sorten Klopapier im Angebot hat – in verschiedenen Lagen, Farben und Duftrichtungen?

„Normalität hat etwas mit Normen zu tun“, sagt Tilmann Betsch, Professor für Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Erfurt. Normen sind Handlungsanweisungen, die von der Gesellschaft ausgedacht und anerkannt sind. „Der Normalzustand ist deshalb nicht etwas Gottgegebenes. Normalität wird von den Menschen konstruiert“, sagt Tilmann Betsch.

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Aufs Klopapier übertragen bedeutet das: Ein Kunde erlebt beim Einkaufen, dass 15 verschiedene Sorten in den Regalen liegen. Und zwar nicht als einmalige Aktion, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg, jedes Mal, wenn er in den Laden geht.

Irgendwann stellt sich eine Erwartungshaltung ein: Immer wenn ich Klopapier kaufe, habe ich diese Auswahl. Dann ist das wohl normal. Weil die Normalität aber von den Menschen konstruiert wird, ist sie nicht etwa in Stein gemeißelt. „Der Normalzustand kann und muss sich ändern, weil sich die Welt ja ständig ändert“, sagt Betsch.

In manchen Lebensbereichen können wir damit gut umgehen. Bei Bekleidung zum Beispiel. Vor 100 Jahren war es normal, mit Knickerbockern aus dem Haus zu gehen. Heute trägt man Jeans. Und die sind mal enger, mal weiter. Modetrends sind vergänglich. Die meisten machen sie mit, ohne groß darüber nachzudenken. Hose ist Hose.

Routine spart Zeit

In anderen Lebensbereichen aber fällt es deutlich schwerer, Veränderungen der Normalität zu akzeptieren. Etwa beim Lebensmitteleinkauf. „Diese Tätigkeit unterliegt starken Routinen. Sie sparen viel Zeit und kognitive Kapazitäten“, sagt Tilmann Betsch.

Wer immer zu der Klopapiersorte in der blau-weißen Verpackung greift, muss nicht jedes Mal neu entscheiden, welches Produkt den besten Preis hat, die angenehmste Qualität bietet oder den größten Beitrag zum Umweltschutz leistet.

Routinen und Normalität mögen manchmal langweilig sein. Aber sie schaffen eben auch Freiräume. Geht der Einkauf schnell, kann man danach in Ruhe ein Abendessen kochen.

Die neue Normalität

Fehlen dagegen Dinge, die normalerweise im Einkaufswagen landen, müssen neue Entscheidungen getroffen werden. Das dauert. „Die eingeübte und erprobte Routine funktioniert nicht mehr, um das Ziel zu erreichen“, sagt Psychologe Tilmann Betsch. Dann ist es an der Zeit, sich von der bisherigen Routine zu verabschieden. Und damit auch von einem Stück Normalität.

Denn das, was vor der Pandemie und vor dem Ukraine-Krieg noch als normal galt, ist inzwischen etwas anderes. Die Normalität von vor drei Jahren, nach der sich so viele sehnen, gibt es gar nicht mehr. Sie hat sich gewandelt. Das merkt man am pleitegegangenen Lieblingsrestaurant genauso wie an den Benzinpreisen. Darüber darf man verwirrt, empört, traurig, hilflos oder fassungslos sein.

Am Ende hilft nur akzeptieren. Und das Wissen, dass wir Menschen ziemlich gut darin sind, in neuen Situationen sehr schnell neue Routinen zu entwickeln, die den Alltag wieder leichter machen. Wir tragen ganz selbstverständlich und inzwischen sogar freiwillig Masken. Was im Frühjahr 2020 noch sehr exotisch war, ist im Frühjahr 2022 einfach normal. Vertraut. Fast schon ein bisschen langweilig. Mal sehen, was als Nächstes kommt.

Info

Ben Maier
Ben Maiers Fotografien finden sich auch auf Instagram: https://www.instagram.com/_ben_ma/

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