Stadtkind Stuttgart

Burschenschaft Alemannia in Stuttgart "Fechten ist Pflicht"

Von Lea Weinmann 

Jakob Breu ist Mitglied in der Burschenschaft Alemannia Stuttgart. Die Studentenverbindung wird oft mit Vorurteilen konfrontiert. Welche stimmen und welche nicht? Wir wagen einen ehrlichen Blick hinter die Kulissen.

Burschenschaft Alemannia: Halbhöhenlage, Terrasse, Bar, zwischen 100 und 150 Euro Miete. Gratis dazu: Ein Bund fürs Leben.  Foto: Lea Weinmann
Burschenschaft Alemannia: Halbhöhenlage, Terrasse, Bar, zwischen 100 und 150 Euro Miete. Gratis dazu: Ein Bund fürs Leben. Foto: Lea Weinmann

Stuttgart - Das Verbindungshaus der Alemannia Stuttgart steht in exklusiver Halbhöhenlage unterhalb der Uhlandshöhe. Jakob Breu, 30 Jahre, studierter Informatiker, öffnet die Tür. Es ist Verbindungsabend – Jakob trägt die Farben der Alemannia: schwarz-gold-rot. Das Band über der Brust und die amarantrote Tellermütze auf dem Kopf. Sie verrutscht über den gesamten Abend nicht ein einziges Mal.

Die Farben zeigen, wer Mitglied ist und wer nicht. Jakob Breu gehört seit zehn Jahren zur „Alemannia“. Er schätzt die Gemeinschaft: „Ein Freund von mir wohnte hier, deswegen war ich oft zu Besuch. Ich habe mich direkt wohl gefühlt.“ Bald stand fest: Jakob zieht aus seiner Mini-Studentenwohnung, wo er nie Anschluss fand, in eines der zehn Zimmer im Verbindungshaus. Halbhöhenlage, Terrasse, Bar, zwischen 100 und 150 Euro Miete. Gratis dazu: Ein Bund fürs Leben.

Naja, nicht ganz gratis. Sobald man in die Liga der „alten Herren“ aufsteigt, also voll im Berufsleben steht, finanziert man die jüngeren mit. Da geht es um einen mittleren dreistelligen Betrag im Jahr, so Breu. „Aber man weiß ja, wo es hingeht und macht das gern.“ Voll im Berufsleben bedeutet auch: direkt an der Quelle. Wer ein Praktikum in der Firma eines „alten Herren“ möchte, hat ganz gute Chancen.

Insgesamt gibt es in Stuttgart sechs Burschenschaften. Zwei an der Universität Hohenheim, vier in Stuttgart. Studentenverbindungen, zu denen die tradierte Form gehört, gibt es noch mehr. In Hohenheim etwa die Corps Germania, die Landsmannschaft Württembergia, die akademische Verbindung Agronomia, die katholische deutsche Verbindung Carolingia sowie die Wingolf-Verbindung Fraternitas Academica.

Die Tradition verbietet weibliche Mitglieder

Zuallererst steuert Breu ein Bild im Herrensaal der Verbindung an. 150-Jahr-Feier letztes Jahr, alle waren dabei, Stolz in seinen Augen. Der Herrensaal – dunkle Möbel, Fahnen an der Wand, altes Parkett – ist gesäumt mit Bildern aller Mitglieder. Die Datierungen beginnen im 19. Jahrhundert, das aktuellste ist von 2015. „Alemannia“ seit 1866.

Immer andere Menschen, immer das gleiche Bild: Band, Mütze, Schwarz-weiß-Fotografie. Nur Männer. „Dass wir keine Frauen aufnehmen, ist in der Tradition begründet. Als diese Burschenschaft gegründet wurde, gab es nur wenige Studentinnen“, sagt Jakob Breu. Außerdem wären Frauen in einer Verbindung riskant für den Zusammenhalt: „Man wohnt zusammen, das führt zu Beziehungen und Beziehungen brechen auseinander. Das ist für einen Freundschaftsbund tödlich.“ Dass es, auch in Stuttgart, gut funktionierende gemischte Verbindungen gibt, nimmt der Burschenschafter achselzuckend hin: „Schön für die, wenn das bei denen funktioniert. Ich kenne viele gemischte Verbindungen, bei denen das nicht so ist. Wenn man eine Tradition aufgibt, gibt man auch andere auf. Dann wird alles verwaschen.“

Gegeneinander fechten ist keine Pflicht

Tradition – das Wort ist Jakob Breu wichtig. Tradition ist das Fechten, das Fechten ist Pflicht. Als schlagende Verbindung ficht die Alemannia mit scharfer Klinge. Manchmal verletzt sich noch einer im Kampf. „Bei uns muss man die Sportart erlernen und eine Prüfung ablegen. Wenn man aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen gegen niemanden in der Mensur antritt, ist das okay. Aber viele bereuen es später, wenn sie es nicht gemacht haben.“ Beim Fechtsport leuchten seine Augen auf, er spricht offener, erklärt im Übungskeller die Technik, will aber nicht dabei fotografiert werden. „Da lacht man mich in der Szene aus, wenn ich in offizieller Montur fechte. Das macht man in Trainingsklamotten.“

Dass dem 30-Jährigen außerhalb der Szene manchmal Skepsis entgegenschlägt, wenn er von seiner Mitgliedschaft erzählt, kann er nachvollziehen: „Die Rituale zahlen schon auf das negative Bild ein.“ Auch er war am Anfang skeptisch. Man denke ja auch, Verbindungsstudenten würden immer nur Alkohol trinken. „Aber ich weiß nicht, ob wir mehr trinken als andere Studenten. Ich habe schnell gemerkt, das sind hier auch nur normale Menschen.“

„Wir sehen uns als Schule der Nation“

Einige dieser Menschen haben sich im Herrensaal versammelt. An diesem Abend sind auch Frauen als Gäste willkommen. Man holt sich ein Bier an der Bar, unterhält sich, wartet auf den heutigen Vortrag. Viele Mützen, viele Bänder. Einer der Studenten stellt den Redner des Abends vor: Karsten Jung, Autor und Religionspädagoge, spricht über „Islamismus an Schulen“. Und was man dagegen tun kann.

Die jungen Studenten organisieren die regelmäßigen Vorträge selbst. Das gehört zu ihrer burschenschaftlichen Ausbildung. „Wir haben einen bildungspolitischen Auftrag“, so Breu. „Unsere Grundwerte sind Freiheit, Ehre, Vaterland. Darauf wollen wir die Jungen ausbilden und erziehen.“ Wie man sich für diese Werte einsetzen soll, gebe die Burschenschaft nicht vor. Die Alemannia Stuttgart sehe sich als „Schule der Nation“, sagt der Informatiker. Die Verbindung soll Möglichkeiten geben, zu reflektieren und über den Tellerrand hinaus zu schauen. Politischer Diskurs über alle Parteigrenzen hinweg.

Kulturell deutsch sein

Karsten Jung hat im Herrensaal mit seinem Vortrag begonnen. Er berichtet von den „islaminduzierten Problemen“ an seiner Schule: Mädchen, die dem Rektor nicht die Hand geben wollen, Schüler, die nicht an einer Klatschübung teilnehmen, weil Musik und Rhythmus nicht halal seien. Dann spricht er von Toleranz und ihren Grenzen. Karsten Jung ist selbst Mitglied in zwei Burschenschaften, in Rostock und Marburg.

Die Alemannia Stuttgart hat knapp 200 Mitglieder. „Die Zeiten mit wenig Nachwuchs sind vorbei“, sagt Jakob Breu. Deutsch muss man sein – nicht laut Pass, „sondern kulturell“: Sprache, Umgangsformen, dass man sich selbst als Deutscher sehe. Auch Sozialkompetenz und Interesse an der Burschenschaft müssen da sein, so Breu. Die Religion sei kein Kriterium. „Es kann auch ein Moslem Mitglied werden.“ Bis jetzt habe aber noch keiner gefragt. Warum, kann sich der Burschenschafter nicht erklären. Wie sieht‘s aus mit Nationalstolz? „Ich liebe Deutschland und ich gestehe jedem zu, dass er das gleiche über sein Land denkt.“ Das sei seine persönliche Meinung. Er zupft am Tischdeckchen herum.

Anspannung im Herrensaal

Im Herrensaal ist man mittlerweile bei der Fragerunde angelangt. Karsten Jung erklärt, dass er Muslime nicht unter Generalverdacht stellen möchte. Dass er nicht denkt, man müsse sie stärker beobachten als andere Schüler. Dann meldet sich Jakob Breu. Bevor er spricht, steht er auf und nimmt die Mütze ab. Wie denn ein Bio-Deutscher in die islamistische Szene finde? Also zum Beispiel jemand ohne jeglichen muslimischen Hintergrund in der Familie?

Erst passiert nichts. Kurz darauf meldet sich eine Frau im mittleren Alter und fragt: „Habe ich das richtig gehört, hast du eben Bio-Deutscher gesagt? Was ist das denn bitte für ein Ausdruck?“ Gemurmel im Herrensaal. Unstimmigkeit. Kurz darauf kritisiert ein anderer die problembasierte Argumentation des Referenten. Der weicht aus. Die Stimmung ist angespannt. Ein Student steht auf und bedankt sich hastig bei Karsten Jung für seinen Vortrag. Genug Diskurs für heute.




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