Der Umwelt zuliebe fahren nur wenige Chefs in Stuttgart mit der S-Bahn zur Arbeit. Viele halten an Auto samt Chauffeur fest.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Dass die Linke die CDU lobt, kommt ziemlich selten vor – im Stuttgarter Regionalparlament ist aber genau dies vor Kurzem passiert: Regionaldirektorin Jeannette Wopperer (CDU) erhielt den Beifall der linken Regionalräte für ihren Entschluss, aus ökologischen Gründen ganz auf ihren Dienstwagen zu verzichten. Als der Leasingvertrag für die Mercedes E-Klasse auslief, hat Wopperer kein neues Auto mehr angeschafft – seither fährt sie auch zu Terminen in den Schwäbischen Wald mit der S-Bahn, mit dem Bus, und wenn es gar nicht mehr anders geht, die letzten Kilometer mit dem Taxi.

Da der Regionalverband für die S-Bahn im Großraum Stuttgart zuständig ist, hält Wopperer diesen Schritt für eine Frage der Glaubwürdigkeit: „Wer den öffentlichen Nahverkehr predigt, muss ihn auch selbst leben“, sagt sie. Auch sonst will der Verband ein Vorbild sein: Die Mitarbeiter können den Wagen einer Carsharing-Firma nutzen; und es sollen Pedelecs angeschafft werden, die man wie ein Fahrrad mit in die S-Bahn nehmen kann.

Tatsächlich vollzieht sich in mancher Chefetage allmählich ein Sinneswandel; sehr langsam zwar, aber immerhin. So hat die rot-grüne Landesregierung eine Verwaltungsvorschrift erlassen, die zum Jahresanfang in Kraft tritt: Danach sollen alle Landeseinrichtungen ihre Dienstwagen allmählich austauschen – Ziel ist es, im Flottendurchschnitt höchstens einen CO2-Ausstoß von 130 Gramm pro Kilometer zu haben. Regierungspräsident Johannes Schmalzl (FDP) kommt dem bereits sehr nahe: sein Audi A 6 liegt bei 133 g/km.

Die Panzerung stört die Ökobilanz

Allerdings macht die Realität den ökologischen Bemühungen manchmal einen Strich durch die Rechnung. So hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) den Mercedes S 600 seines Vorgängers Stefan Mappus zwar schnell abgeschafft – der Wagen schluckte 14 Liter und blies 340 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer in die Luft. Doch das neue Auto, ein Mercedes S-Klasse 250, bringt es immer noch auf 280 g/km. „Das hat vor allem mit der starken Panzerung des Fahrzeugs zu tun“, sagt Kretschmanns Sprecherin Judith Hufnagel. Jüngst hat der Regierungschef aber erklärt, Abstriche beim Sicherheitsaufwand zu machen und künftig in einem ungepanzerten Fahrzeug unterwegs zu sein.

Auch Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat im neuen Amt so seine Müh und Not: Denn der passionierte Bahnfahrer nutzt heute häufiger das Auto als früher. „Wenn der Minister an einem Tag drei Termine in unterschiedlichen Ecken des Landes hat, ist das mit der Bahn kaum noch zu bewältigen“, erklärt sein Sprecher Hartmut Trümner.

Die Bundesregierung hat mittlerweile ebenfalls das Ziel ausgegeben, den Kohlendioxidausstoß in der Autoflotte zu senken. Jürgen Resch, der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), führt dies nicht zuletzt auf seine Bemühungen zurück. Denn seit einiger Zeit stellt die DUH eine Liste mit den Dienstwagen der Bundes- und Landesminister ins Netz .

Ökologisch bedenkliche Anreize

Vor allem aber wettert die DUH insgesamt gegen die heutige Praxis der Firmenflotten. Denn erstens würden diese Fahrzeuge steuerlich massiv begünstigt, egal ob es sich um ein großes Autos mit hohem Verbrauch und hohem Schadstoffausstoß handelt oder um ein Hybrid- oder Elektroauto. Eine solche Förderung bezeichnet Resch als „ökologisch skandalös“. Nicht zuletzt deshalb würden die großen Autos vorwiegend als Dienstwagen zugelassen – beim Audi A 8 zum Beispiel liegt der Anteil der gewerblichen Halter bei 92,7 Prozent.

Zweitens aber, so die DUH, steige die Zahl der Dienstwagen enorm, weil viele Firmen die Mitarbeiter motivieren wollen, indem sie ihnen ein Fahrzeug überlassen. Mittlerweile erhalten 57 Prozent aller neu zugelassenen Autos eine gewerbliche Anmeldung. Dass dabei die Benzinkosten auch für alle privaten Fahrten vom Betrieb übernommen werden, halten Umweltschützer für problematisch. Denn es werde der ökologisch bedenkliche Anreiz gesetzt, möglichst viel mit dem Auto zu fahren.

Beim VVS gibt es keine Firmenautos mehr

Insofern können viele nicht mit dem Finger auf die großen Autos der Bosse zeigen. Und insofern ist es auch noch zu früh, von einer Trendwende zu sprechen. Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) beispielsweise lässt sich weiter in einer Mercedes S-Klasse 350 chauffieren, immerhin aber in der Bluetec-Variante. In der Innenstadt gehe der OB aber zu fast allen Terminen zu Fuß, betont sein Sprecher Sven Matis. Selbst in den Verkehrsbetrieben ist das Firmenauto zum Teil noch nicht aus der Mode. Den drei Vorständen der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) steht je eine E-Klasse zur Verfügung; zudem gibt es zwei Mitarbeiter, die auch als Fahrer für die Vorstände eingesetzt werden.

Ganz anders sieht es beim Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) aus. Schon seit neun Jahren stehen dort keine Firmenautos mehr in der Garage: Die Geschäftsführer Horst Stammler und Thomas Hachenberger nutzen „zu 99 Prozent“ Bus und Bahn. Den 80 VVS-Mitarbeitern stehen daneben in der Tiefgarage zwei Carsharing-Autos zur Verfügung, die sie aber vorwiegend dann benutzen, wenn sie Kisten zu transportieren haben.

Als Geschäftsführer zweiter Klasse fühlt sich Horst Stammler dennoch nicht, auch wenn er manchmal bei einem wichtigen Termin aus der S-Bahn spurten muss, während ein hochrangiger Regionalpolitiker dem (privaten) Jaguar entsteigt. Thomas Hachenberger macht sich längst sogar einen Spaß aus dem autofreien Dasein, das für viele Chefs, mit denen er zu tun hat, noch ungewohnt ist. Wenn man ihm bei einem Empfang eine kostenfreie Ausfahrtkarte für die Tiefgarage geben will, sagt er gelassen: „Ich brauche keine, ich bin mit Fahrer da.“ Dann nicken alle ehrerbietig, und Hachenberger fügt hinzu: „Es ist ein großer gelber Kastenwagen – er hält alle 20 Minuten hier um die Ecke.“