Busfahrer-Streik in Reutlingen und Tübingen Die Atmosphäre ist entspannt

In der Tübinger Mühlstraße verkehrten gestern weniger Busse als sonst. Foto: dpa
In der Tübinger Mühlstraße verkehrten gestern weniger Busse als sonst. Foto: dpa

Beim zweiten Streik der Busfahrer, diesmal vor allem in Reutlingen und Tübingen, halten sich alle an den zuvor vereinbarten Notfahrplan. Auch die Fahrgäste sind informiert.

Landespolitik: Michael Petersen (mip)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Tübingen - Wütende Fahrgäste, Busfahrer, die Busse von Kollegen blockieren und ein aufgebrachter Oberbürgermeister – Szenen wie am ersten Streiktag in Tübingen vor gut vier Wochen blieben am Mittwoch weitgehend aus. Im Gegenteil: „Die Fahrgäste waren gut informiert“, sagt ein Sprecher der Stadtwerke Tübingen, die den Tübus-Verkehr organisieren und inzwischen zum großen Teil mit eigenen Bussen bestreiten. Nach den von allen Seiten als sehr unbefriedigend verlaufenen ersten Streikerfahrungen vom Januar hatten die Stadtwerke Anfang Februar mit der Gewerkschaft Verdi eine Notdienstvereinbarung getroffen, die bei dem Warnstreik am Mittwoch zum ersten Mal griff. Der Stadtwerkesprecher stuft diesen Notfahrplan als „Grundversorgung“ ein, die für alle Streiktage gelten soll. Die Kündigungsfrist beträgt seinen Angaben zufolge drei Tage. Das könnte von Bedeutung sein, falls es nicht beim Warnstreik bleibt.

Laut Notfahrplan können Fahrgäste die Kliniken auf dem Schnarrenberg anfahren, im Berufsverkehr zwischen 5 und 7Uhr sowie 16 und 17.30 Uhr fahren die Nachtbuslinien einmal am Tag durchs Stadtgebiet einschließlich der Teilorte. Schüler kommen dank einzelner Fahrten zum Schulkomplex auf Waldhäuser Ost. Zumindest wenn sie dies wollen. Manche von ihnen steckten frohgemut Flugblätter zum Streik in den Schulranzen – und machten sich auf den Heimweg. Ob die Schulen das als Entschuldigung akzeptierten, ist nicht bekannt.

Fahrgäste zeigen offenbar Verständnis

„Die Fahrgäste zeigen Verständnis für unsere Forderungen“, sagte einer der streikenden Busfahrer. Ihm geht es um Besitzstandswahrung. „Heute ist Ende des Monats Ebbe auf dem Konto, auf die hohe Kante kann ich nichts mehr legen“, sagt er nach zwanzig Jahren hinter dem Steuer eines Busses. Er hofft auf „vernünftige Verhandlungen“, wobei es zunächst um den Manteltarifvertrag geht, aber inzwischen hat die Gewerkschaft auch den Lohntarifvertrag gekündigt. Da geht es um die hundertprozentige Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Nach einem komplizierten Berechnungsschlüssel erhalten Busfahrer etwas weniger Geld, wenn sie krank gewesen sind. Zwar werden die von der EU vorgeschriebenen Schulungen wie Fahrschulkurse zum Spritsparen von vielen Unternehmern bezahlt, die Fahrer müssen dafür aber ihre Freizeit einbringen. Berufseinsteiger erhalten 26 statt 30 Urlaubstage, doch das fordert die Gewerkschaft für alle.

Vor dem weitgehend leeren Tübinger Omnibusbahnhof erfuhren die streikenden Busfahrer gestern über Megafon von Verdi-Vertreter Bernd Köster, dass sie um halb zwölf zur Urabstimmung gehen sollen. „Und danach gibt es etwas zu vespern unten bei Ali“, verkündete Köster und wies auf das Lokal in der Fußgängerunterführung beim Bahnhof. Köster weiß um die Problematik dieses Streiks: „Wir treffen die Bevölkerung, aber das wollen wir eigentlich gar nicht.“ Wenn bei einem Autohersteller die Bänder wegen eines Streiks stillstehen, wird das Unternehmen getroffen, im öffentlichen Nahverkehr zunächst die Bevölkerung. „Und wir wollen auch keine kleinen Kinder an der Haltestelle stehen lassen“, sagt Köster.

„Harte Zeiten“ für das Busgewerbe

Im Auftrag der Stadtwerke fahren in Tübingen die Unternehmen Kocher und Schnaidt. Von deren Fahrern gehören nur wenige der Gewerkschaft an. „Bei uns streikt keiner“, sagt Schnaidt-Chef Rainer Klink. Wegen der Notdienstvereinbarung waren gestern dennoch nur wenige seiner Busse im Einsatz. „Keiner unserer Fahrer soll wegen des Warnstreiks weniger verdienen“, sagt Klink. In der Sache hofft er, dass die Arbeitgeber hart bleiben. Er verweist auf schwierige Zeiten im Busgewerbe. Insolvente Betriebe würden trotz interessanter Konzessionen nicht von anderen Unternehmen übernommen. Europaweite Ausschreibungen setzten private Unternehmer immer mehr unter Druck. Und Klink verweist auf die Dieselpreise. Die seien seit 2009 pro Bus und Tag um 75 auf rund 250 Euro gestiegen und tragen zu 30 Prozent zu den Kosten bei.

Wie es um die Geduld und das Verständnis der Fahrgäste bestellt ist, wenn der Streik andauert, wird sich zeigen. Nach dem Januarstreiktag hatte Tübingens OB Boris Palmer Verdi heftig kritisiert: Es gehe nicht an, dass Ärzte, Patienten in blockierten Bussen feststeckten, oder dass Pflegepersonal für Operationen nicht zur Verfügung stehe. So weit kam es zumindest am Mittwoch nicht.

Unsere Empfehlung für Sie