Horb/Neckar - Der Busunternehmer Stefan Gressing aus Horb am Neckar engagiert sich in der Flüchtlingsbetreuung und kennt die Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International recht gut. Ein Satz in der Mail von Gerd Hickmann, Abteilungsleiter ÖPNV im Verkehrsministerium von Baden-Württemberg, stößt ihm daher besonders bitter auf: „Innen kommt man sich vor wie in einem Gefangenentransporter. Unglaublich! Nur einmal als Vorwarnung: ich werde mich dafür einsetzten, dass die Busförderung des Landes damit verbunden wird, dass keine Fensterwerbung auf den Bussen sein darf, zumindest nicht auf den Seiten.“ Das Schreiben stammt vom Juni 2021, ist adressiert an den Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmen und rührt von einer Fahrt Hickmanns mit einem Bus von Gressings Firma „Vögele Reisen“. Der Unternehmer hat 30 Busse und etwas mehr Fahrer und fährt für verschiedene Regionalbusgesellschaften quasi als Subunternehmer auf der Alb und im Schwarzwald: „Ich finde die Aussage mit dem Gefangenentransporter befremdlich und fast schon beleidigend“, sagt Gressing. Schließlich handele es sich bei seinen Bussen um moderne und klimatisierte Fahrzeuge.
Man fühle sich wie in einer Höhle, sagt das Ministerium
Mittlerweile ist aus Hickmanns Ankündigung Ernst geworden. Auf eine Anfrage unserer Zeitung weist Ministeriumssprecherin Wenke Böhm darauf hin, dass man den Anteil der Nutzer am ÖPNV deutlich erhöhen wolle. Dabei spielten gute Takt- und Betriebszeiten, die Verlässlichkeit der Anschlüsse, Sicherheit und Ausstattung eine Rolle – aber auch das optische Erscheinungsbild: „Die Beklebung von Fensterbereichen führt auch bei perforierten Lochfolien zu einer starken Beeinträchtigung der Sicht der Fahrgäste aus dem Fahrzeug, insbesondere bei Dunkelheit oder Dämmerung. Dadurch entsteht für die Fahrgäste der Eindruck, wie in einer Höhle ohne Außensicht befördert zu werden“, sagt Böhm. Zu einem qualitätsorientierten ÖPNV passe das nicht. „Vom Land künftig geförderte Fahrzeuge sollen daher den seitlichen Scheibenbereich frei von Werbung halten.“
Leere Blätter im Auftragsbuch
Der Wunsch der Busunternehmer nach Zusatzeinnahmen sei bekannt, als Kompromiss bleibe für sie die Beklebung der übrigen Seitenflächen, des Hecks samt des Rückfensters zulässig. Ein Leser unserer Zeitung, Eberhard W., der landesweit mit dem Bus unterwegs ist, schließt sich der Meinung des Ministeriums an. Er schreibt: „Am schlimmsten war es in Ludwigsburg. Man kann nicht rausschauen. Die Welt liegt wie ein Schleier vor einem. Grässlich.“
Unternehmer Gressing kann das nicht nachvollziehen. Eine solche Fensterwerbung bringe pro Bus 200 bis 250 Euro im Monat ein. Seine Firma ist ein Mischbetrieb, veranstaltet Reisen und ist im Linienbetrieb tätig. „Unsere Branche liegt am Boden, wir müssen nach jedem Euro gucken.“ Dann holt Gressing seine Auftragsbücher, vergleicht das von 2019 mit dem von 2020, dem Corona-Jahr. Das erste ist eng vollgeschrieben mit Fahrten, im zweiten sind weitgehend leere Seiten. Nicht nur der hohe Dieselpreis, auch eine tarifgerechte Bezahlung der Fahrer macht den Unternehmen zu schaffen. Beim Kauf eines neuen Busses – sie sind 250 000 bis 280 000 Euro teuer – kann über die L-Bank eine Förderung des Landes über 40 000 Euro zweckgebunden für den Linienverkehr beantragt werden. Die könnte nun wegfallen. Auf der anderen Seite seien es auch viele Kleinbetriebe auf dem Land, die sich die Werbung auf den Busfenstern gut leisten könnten und beispielsweise dort um Auszubildende werben – im Schülerverkehr sei da eine gute Zielgruppe. „Am Wichtigsten ist mir zu sagen: Wir haben bisher noch keine einzige Beschwerde von Fahrgästen erhalten“, sagt Gressing.
Unternehmen nicht auf Rosen gebettet
Witgar Weber, Geschäftsführer des Verbandes Baden-Württembergischer Omnibusunternehmen, sagt, die Fensterwerbung diene den Unternehmen dazu, „sich über Wasser zu halten.“ Die Branche sei derzeit „nicht auf Rosen gebettet“, da sei die Reklame ein wichtiges Zubrot. Im Prinzip könne das Land natürlich bei der Busförderung als Kriterien „alles hineinschreiben“, selbst, dass die Busse „grün“ sein sollten. „Wir bitten aber die Kirche im Dorf zu lassen“, sagt Weber. Man solle wegen eines Einzelfalls keine generelle Leitlinie machen. Es gehe hier um die Busfinanzierung. „Alle Einnahmen, die nicht vom Fahrgast kommen, die muss ja die öffentliche Hand bezahlen.“