Busverkehr im Landkreis Esslingen Gefährdet Tempo 30 den Busfahrplan?

Voll in Fahrt: Landrat Marcel Musolf, Thomas Hachenberger von der VVS, Grünen-Landtagsabgeordneter Andreas Schwarz, erste Landesbeamtin Marion Leuze-Mohr, Transdev-Chef Jens-Ulrich Beck, Kirchheims Oberbürgermeister Pascal Bader, Cornelia Christian von der VVS und der Nürtinger Oberbürgermeister Johannes Fridrich. Foto: Ines Rudel

Debatten wegen des Stadttickets, unattraktive Busbahnhöfe, Tempo 30 als Gefahr für den Fahrplan, Personalmangel: Über die Herausforderungen des öffentlichen Nahverkehrs im Kreis wurde während einer Busfahrt mit lokaler Prominenz diskutiert.

Ein Podest gibt es nicht für den neuen Esslinger Landrat. Auf dem Pressefoto sollten die Größenunterschiede der Abgebildeten aber nicht zu groß sein – darum stellt sich Marcel Musolf auf den Bürgersteig. „Einmal im Leben bin ich fast so groß wie du“, scherzt der neue Kreischef mit Blick auf den hoch gewachsenen Landtagsabgeordneten Andreas Schwarz (Grüne) neben ihm. Doch um die Größe von Politikern ging es nicht: Bei der Bustour mit Prominenten von Nürtingen über Kirchheim nach Bissingen und zurück sollten Herausforderungen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) dargestellt werden.

 

Pünktlich fährt der Bus am Nürtinger Busbahnhof ab. Das mag vorrangig daran liegen, dass er nicht im regulären Fahrplan verkehrt, sondern extra für die Tour gechartert wurde. Keine Wartezeiten – das sorgt für gute Laune und gute Gespräche an Bord.

Ein Problem, das wird während der Tour deutlich, haben die Oberbürgermeister von Kirchheim und Nürtingen nicht. Anders als Kommunalpolitiker in Esslingen müssen sie ihren erbosten Einwohnern nicht erklären, warum das Stadtticket gestrichen wurde. In beiden Städten gibt es diesen für Fahrgäste kostengünstigen Service noch. 2020 sei das Stadtticket in Kirchheim eingeführt worden, erklärt OB Pascal Bader. Für drei Euro könnten die Passagiere den ganzen Tag ohne weitere Ausgaben im Stadtgebiet unterwegs sein. Die Nutzerzahlen würden ständig steigen. Die Kosten beziffert er mit etwa 100 000 Euro im Jahr. Die Summe sei im Haushalt wieder eingestellt worden.

Stadtticket in Nürtingen auf dem Prüfstand

In Nürtingen steht das 2021 eingeführte Stadtticket dagegen auf dem Prüfstand, sagt der Verwaltungschef Johannes Fridrich: Ein „Monitoring“ finde statt. Es werde gerade untersucht, ob das Deutschlandticket vor allem auch mit Blick auf dessen Preiserhöhung das Stadtticket ersetzen und dadurch die etwa 100 000 Euro Kosten pro Jahr eingespart werden könnten. Ideal sei das Stadtticket für Menschen, die nicht so oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren würden.

Nicht ideal, das gibt das Stadtoberhaupt unumwunden zu, ist dagegen der Nürtinger Omnibusbahnhof, an dem die Bustour gestartet ist: „Es ist kein Wohlfühlort.“ Ob er ein Brennpunkt sei wie der Esslinger Bahnhofsvorplatzes, könne er nicht sagen. In der subjektiven Ansicht mancher Bürger gelte der Platz als bedrohlich und als Drogenumschlagplatz, doch die Polizeistatistiken und die Anzahl der erfassten Straftaten bestätigten diese Ansicht objektiv nicht. Die teilweise auch von jungen Menschen geforderten Überwachungskameras dürften dort nicht angebracht werden, weil die Kriminalstatistik diese Maßnahme nicht hergebe. Doch für Sicherheit könne ja auch beispielsweise ein belebter Kiosk sorgen.

Kein Wohlfühlort

Umbaumaßnahmen sind geplant: „Der Platz ist noch nicht Zukunft, aber doch bald Vergangenheit.“ Wohl ab Herbst 2026 werde der Zentrale Omnibusbahnhof in Nürtingen in voraussichtlich zweijähriger Bauzeit ein neues Gesicht erhalten – moderner, digitaler, ansprechender. Zur genauen Gestaltung würden gerade Beratungen auch unter Bürgerbeteiligung abgehalten. Daher sei es auch unmöglich etwas zu den Kosten zu sagen: „Jede Zahl, die ich nennen würde, wäre verkehrt“, sagt Fridrich.

Als verkehrt sehen auch manche Verkehrsteilnehmer Tempo 30-Zonen in den Innenstädten an, die etwa die Busfahrpläne wegen des langsameren Vorwärtskommens durcheinanderbringen. Pascal Bader ist dafür, sagt er während der Bustour. Mit Blick auf die Lärmbelastung und die Gesundheit der Anwohner von Straßen, so der Kirchheimer OB, sei ein solches Tempolimit alternativlos: „Für den ÖPNV ist es nicht so geschickt. Aber dann müssen die Fahrpläne eben angepasst werden.“ Die Meinungen darüber seien geteilt, kontert dagegen Johannes Fridrich: Straßenanwohner seien dafür. Doch wenn Menschen von A nach B kommen wollten, seien sie eher dagegen.

Andreas Schwarz outete sich als „Tempo-30-Fan“. Durch eine solche Geschwindigkeitsbegrenzung könne auch das Wohnen an Durchgangsstraßen attraktiv gemacht werden, sagt der Grünen-Politiker. Sollten dadurch die Busfahrpläne durcheinanderkommen, müsse die Taktung verbessert werden. Busse müssten dann eben regelmäßiger und öfter fahren. Denn 60 Prozent der ÖPNV-Kosten seien Personalausgaben. Darum sei es nicht wünschenswert, wenn die Busse auf Fahrten warten müssten.

Fahrer fehlen

Stehen könnten die Busse aber auch aus Personalmangel. Bis ins Jahr 2030 fehlen 80 000 Fahrerinnen und Fahrer, rechnet Thomas Hachenberger von der VVS-Geschäftsführung vor. Er und seine Kollegen setzen deshalb auf Quereinsteiger und die Rekrutierung von Mitarbeitenden aus insolventen Unternehmen. Der extra gecharterte Bus aber hat noch einen Fahrer, der das Fahrzeug pünktlich zurück zum Nürtinger Busbahnhof chauffiert.

Wasserstoff und Finanzierung des ÖPNV

Wasserstoff
 Nach Angaben von Edgar Maihöfer, Sachgebietsleitung Nahverkehr und Infrastrukturplanung im Landratsamt Esslingen, seien mit Wasserstoff betriebene Busse ein Thema. Es müsse aber auch die Versorgung gewährleistet sein. Darum werde angestrebt, neben der Tankstelle am Flughafen eine weitere in Esslingen zu platzieren. Die erste Landesbeamtin Marion Leuze-Mohr im Kreis Esslingen führte an, dass laufende Ausschreibungen bisher offen gehalten und nicht ausdrücklich an die Hersteller von Wasserstoff-Fahrzeugen gerichtet seien.

Nahverkehr
 Die große Baustelle beim ÖPNV ist nach Ansicht des Landtagsabgeordneten Andreas Schwarz (Die Grünen) die Finanzierung. Die Bahn habe angekündigt, die Trassenpreise pro gefahrenem Kilometer zu erhöhen. Darum sei der Bund nun in der Pflicht, die Finanzierungsmittel an die Länder für den regionalisierten Schienenverkehr zu erhöhen.  

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