Ein Fahrgast bezahlt sein Ticket kontaktlos mit dem Smartphone – für Fahrer und Passagiere wird der Einstieg dadurch schneller und einfacher. Foto: Frank Rodenhausen
Kein Kleingeld, kein Warten, nur ein kurzer Ton: Im VVS startet das bargeldlose Bezahlen im Bus. Was banal klingt, könnte den Alltag verändern – für Fahrgäste, Fahrer und den Takt.
An der Wendeplatte am Ortsausgang von Kleinaspach (Rems-Murr-Kreis), an der Kreisgrenze zwischen Ludwigsburg und Rems-Murr, stehen sie geschniegelt wie zur Parade: zwei nagelneue Busse, bereit für den vom Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) eigens inszenierten Fototermin. Kurz hinter dem Hotel Sonnenhof, wo Schlagersängerin Andrea Berg lebt, soll hier gezeigt werden, wie die Zukunft des Nahverkehrs aussieht – ohne Münzen, ohne Scheine, ohne das Kramen im Geldbeutel.
Das bargeldlose Bezahlen ist in den Bussen der Friedrich Müller Omnibusunternehmen GmbH (FMO) bereits seit rund zwei Wochen möglich. Rund 450 Fahrzeuge, die komplette Flotte des Unternehmens, das in fast allen Verbundlandkreisen unterwegs ist, wurde dafür ausgerüstet. Ein Schritt, der banal wirkt, aber den Alltag vieler Fahrgäste verändern könnte.
Einfaches Bezahlen im Bus: Karte oder Smartphone genügt
Die Idee ist simpel: Karte oder Smartphone ans Terminal halten, ein Piepen, und das Ticket ist bezahlt. Akzeptiert werden Girokarten, gängige Kreditkarten – mit Ausnahme von American Express – sowie Apple Pay und Google Pay. Orangefarbene Aufkleber weisen den Weg, außen an den Türen, innen am Gerät.
Ein Aufkleber am Bus weist darauf hin: Tickets können im VVS jetzt auch bargeldlos per Karte oder Smartphone bezahlt werden. Foto: Frank Rodenhausen
Für Birgit Stoib, die Geschäftsführerin der FMO, liegt der Vorteil auf der Hand: „Der Fahrer kann sich ganz aufs Fahren konzentrieren.“ Denn das bisherige System verlangt Multitasking unter Druck. Kassieren, Wechselgeld zählen, Tickets drucken – und gleichzeitig den Verkehr im Blick behalten. Jede Verzögerung zieht Kreise, jede Minute Verspätung wächst sich aus.
Schneller und sicherer: Bargeldloses Bezahlen im Bus
Auch die Fahrgäste profitieren. Schnellere Bezahlvorgänge bedeuten kürzere Haltezeiten. Busse stehen weniger lange, fahren schneller weiter, bleiben eher im Takt. Ein Versprechen, das im Alltag zählt – besonders in Zeiten, in denen Baustellen, Staus und dichter Verkehr den Fahrplan ohnehin strapazieren.
Hinzu kommt ein Sicherheitsaspekt. Weniger Bargeld im Bus bedeutet weniger Risiko für Überfälle. Birgit Stoib spricht offen darüber: Wenn kaum noch Geld im Umlauf ist, lohnt sich der Zugriff schlicht nicht mehr.
„Wann ist der richtige Zeitpunkt?“ – Bargeldloses Bezahlen im Fokus
Doch der Fortschritt hat eine Kehrseite. Noch ist Bargeldzahlung möglich – ein hybrides System, das Übergänge schafft. Aber die Richtung ist klar. „Am liebsten hätten wir den kompletten Verkauf vom Bus runter“, sagt die Busunternehmerin Stoib. Auch die VVS-Geschäftsführerin Cornelia Christian bestätigt, dass bereits über eine vollständige Umstellung nachgedacht wird – „die Frage ist: wann ist der richtige Zeitpunkt?“.
Denn es gibt weitere Fragen. Was ist mit denjenigen, die kein Smartphone besitzen, keine Karte haben oder sie nicht nutzen wollen? Der VVS betont, dass alle Zugang zum Nahverkehr behalten sollen. Lösungen müssen gefunden werden – bevor der letzte Fahrschein aus dem Bus verschwindet.
Der klassische Ticketverkauf verliert an Bedeutung
Der Umbau kostet. Laut Birgit Stoib rund 7000 Euro pro Gerät, inklusive Installation und Technik. Eine Investition in die Infrastruktur, aber auch in eine Idee von Zukunft: digital, effizient, möglichst reibungslos. Die neuen Systeme sind vernetzt, liefern Daten in Echtzeit, helfen sogar bei der Nachverfolgung von Beschwerden.
Gleichzeitig verändert sich das Nutzerverhalten längst. Etwa 80 Prozent der Fahrten im VVS-Gebiet werden inzwischen über das Deutschland-Ticket abgewickelt. Der klassische Ticketkauf im Bus schrumpft zur Randerscheinung. Was bleibt, sind Gelegenheitsfahrten – und genau hier setzt das neue System an.
„Ein wichtiger Schritt für zukunftsfähigen Nahverkehr“
Der Rems-Murr-Kreis versteht den Wandel als Teil einer größeren Bewegung. „Die Einführung der bargeldlosen Bezahlung ist ein wichtiger Schritt hin zu einem zukunftsfähigen Nahverkehr im Rems-Murr-Kreis“, sagt Daniel Wiedmann, der Amtsleiter für ÖPNV. Ein Satz, der nach Verwaltung klingt – und doch eine klare Richtung vorgibt.
ÖPNV-Amtsleiter Daniel Wiedmann Foto: Frank Rodenhausen
Während auf der Wendeplatte in Kleinaspach die Fotobusse glänzen, drängen sich zwischendurch die „echten“ Fahrzeuge dazwischen. Der Alltag lässt sich nicht inszenieren. Vielleicht ist das die passendste Metapher für diesen Wandel: Zwischen Vision und Wirklichkeit, zwischen digitalem Versprechen und analogem Leben rollt der Bus weiter. Nur das Kleingeld könnte bald Geschichte sein.