BW von oben – B 29 Das Asphaltband längs durchs Remstal
Die vierspurig ausgebaute B 29 hat das Landschaftsbild zwischen Fellbach und Schwäbisch Gmünd massiv verändert. Ein Vergleich zwischen gestern und heute.
Die vierspurig ausgebaute B 29 hat das Landschaftsbild zwischen Fellbach und Schwäbisch Gmünd massiv verändert. Ein Vergleich zwischen gestern und heute.
Schorndorf - Drei Eingriffe durch die Menschen sind es, die neben der wachsenden Besiedelung das Remstal im vergangenen Jahrhundert entscheidend verändert und das Landschaftsbild dort verändert haben: die Remsbegradigung in den 1930ern, die Flurbereinigung in den 1960ern und -70ern sowie der Bau der neuen Bundesstraße 29 samt deren vierspuriger Ausbau.
Teils zieht sich heute das Asphaltband wie eine Trennlinie längs durch das inzwischen stark von Gewerbegebieten und Wohnbebauung bestimmte Remstal – dort, wo vor gut 50 Jahren noch Weinbau, Äcker und Streuobstwiesen weitestgehend das Landschaftsbild prägten.
Der Luftbildvergleich zeigt beispielhaft für die Ortsumfahrung von Schorndorf, wie die Straße das Landschaftsbild verändert hat:
Einst war die durchs Remstal führende Piste als württembergische Staatsstraße Nummer 36 mit etwa 90 Kilometern Streckenlänge die zweitlängste Staatsstraße des Königreiches Württemberg und führte von Stuttgart über Aalen bis Nördlingen. Der westliche Streckenabschnitt bis Aalen wurde im 18. Jahrhundert fertiggestellt, der östliche Streckenabschnitt zwischen 1815 und 1817. Anno 1932 wurde die Strecke im Zuge der Einführung eines einheitlichen Nummerierungssystems für die Straßen im damaligen Deutschen Reich zur Reichsstraße mit der Nummer 29 umbenannt.
Abschnittsweise wurden ab Anfang der 1930er Jahre neue Trassen für die Straße gebaut. An die Stelle der ursprünglich als direkte Hauptstraßen durch Städte und Gemeinden schneidenden Trassen traten im Bereich bis Schorndorf Umfahrungen an den damaligen Ortsrändern. So entstand beispielsweise die inzwischen wieder zur Landesstraße abgestufte zweispurige Trasse nördlich der Schorndorfer Innenstadt auf der Waiblinger und Welzheimer Straße. Bei Waiblingen war es der noch heute als „alte Bundesstraße“ bezeichnete und schon damals mit der B 14 verbundene Straßenabschnitt vorbei an den Rinnenäckern zum Waiblinger Freibad und – quasi als Übergang der Bundesstraße ins Remstal – in Richtung Endersbach. 1958 folgte im heutigen Ostalbkreis die zweispurige Trasse zwischen Mögglingen und Aalen.
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In älteren Planungen war offenbar sogar bereits damals ein zeitnaher, durchgehend vierstreifiger Ausbau von Stuttgart bis zur Autobahn-Anschlussstelle Aalen/Westhausen an der A 7 angedacht. Ein Streckenabschnitt, der damals unter dem Arbeitstitel A 87 skizziert wurde. Zu Zeiten, als auch noch eine zusätzliche Nord-Süd-Autobahn im Gespräch war, die bei Winterbach das Remstal queren sollte. Die Autobahnpläne sind damals vor allem aus Kostengründen wieder verworfen worden.
Der vierspurige Ausbau startete dann in den 1970er Jahren. Im Dezember 1970 machte der Abschnitt Fellbach – Beinstein den Anfang. Zwei Jahre später folgte der Ausbau bis Großheppach. Bis zum Weiterbau dort dauerte es dann allerdings fast eineinhalb Jahrzehnte. Der vierspurige Lückenschluss bis Urbach erfolgte erst 1986. Zuvor war bereits 1982 die Trasse zwischen Urbach und Lorch sowie 1985 der B-29-Abschnitt bis Schwäbisch Gmünd ausgebaut worden.
Nochmals mehr als zehn weitere Jahre brauchte es, bis nach jahrzehntelangen Planungen, Anliegerprotesten und Debatten mit Naturschützern die neue großräumige Ortsumfahrung in Schorndorfs Norden eingeweiht wurde. Die Eröffnung dieses kostenintensiven und deutlich in die Landschaft eingreifenden Trassenteils mit Sünchen- und Grafenbergtunnel sowie Brückenbauwerk bei Schornbach war im Juli 1997.
Seit November 2013 ermöglicht schließlich – nach gut sieben Jahren Bauzeit – der 2,2 Kilometer lange Gmünder Einhorn-Tunnel die zeitsparende Unterquerung der zuvor massiv vom B-29-Verkehr geplagten Stadt Schwäbisch Gmünd. Und seit 2019 rollt der Verkehr auch vierspurig auf der knapp sieben Kilometer langen Ortsumfahrung Mögglingen, der auch heftige Proteste wegen der innerörtlichen Verkehrsbelastung und ein langwieriges Planungsverfahren vorausgegangen waren. Der im Oktober 2020 begonnene Ausbau des Abschnitts zwischen Essingen und Aalen soll 2024 in Betrieb gehen.
Nach zwei erfolglosen Anläufen 2004 und 2011 haben Anliegerkommunen der B 29 vor zwei Jahren einmal mehr ein durchgehendes Tempolimit von 100 Stundenkilometern auf der Bundesstraße im Remstal im Bereich zwischen Fellbach und Schorndorf gefordert. Verlangt werden außerdem seit Jahren zusätzliche lärmreduzierende Maßnahmen für die viel befahrene Trasse. Vom dauerhaften Krach der Laster und Autos auf der Remstalautobahn am heftigsten geplagt sind dabei die Bewohner der Halbhöhenlagen auf der nördlichen Talseite.
Rund 53 000 Fahrzeuge täglich passierten laut Zählungen schon vor 20 Jahren den Messpunkt in Grunbach. Bei der Eröffnung der vierspurigen Trasse 1986 hatte man damit gerechnet, dass sich das Aufkommen binnen zehn Jahren auf rund 22 000 erhöht. Heute geht man von mehr als 65 000 Fahrzeugen an Spitzentagen aus. Am Teiler B 14/B 29 werden es in Richtung Kapellbergtunnel bis zu gut 90 000, die sich in den Stoßzeiten regelmäßig kilometerweit aufstauen.
Sollte womöglich irgendwann doch noch eine Version des Nordostrings eine attraktive Verbindung in Richtung A 81 schaffen, dann befürchten Kritiker des Straßenausbaus im Remstal, wäre mit der Vollendung des autobahnartigen Ausbaus bis hin zur A 7 eine durchgehende Alternativstrecke zur A 8 geschaffen, die noch weitaus mehr Verkehr auf die Remstalpiste ziehen könnte.