BW von oben – Bad Cannstatt Der Traum vom schönen Wilhelmsplatz

Der Wilhelmsplatz soll in den kommenden Jahren städtebaulich aufgewertet und verkehrstechnisch verbessert werden. Foto: /Uli Nagel

Der Verkehrsknoten erhielt vor allem in den 70er Jahren sein heutiges Gesicht. Doch nicht nur städtebaulich ist er keine Augenweide, verkehrlich herrscht das Chaos.

Bad Cannstatt - Der Wilhelmsplatz ist heute ein komplexer und mit Ampeln übersäter Verkehrsknoten, der täglich von rund 20 000 Fahrzeugen überquert wird. Sechs Stadtbahnen und etliche Buslinien bringen zudem Tag für Tag gut 70  000 SSB-Kunden. Ob sich an der hoffnungslos überlasteten Situation in absehbarer Zeit etwas ändern lässt? Kaum vorstellbar, eine Untertunnelung wurde in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert – scheiterte jedoch immer an den astronomischen Baukosten. Städtebaulich ist an der „Betonwüste“ schon eher etwas zu korrigieren. Die Stadt hat jedenfalls angekündigt, am Wilhelmsplatz Geld für eine neue Bebauung in die Hand nehmen zu wollen.

 

Um 1830 entstanden, 1850 den Namen erhalten

Entstanden ist der Wilhelmsplatz um 1830. Nach dem Abbruch der Stadtmauer wurden die Bad- und die Wilhelmstraße angelegt. Mit dem Bau der ersten württembergischen Eisenbahn von Cannstatt nach Untertürkheim und des Bahnhofs kamen die Bahnhof- und die Seelbergstraße hinzu. Aus dem Aufeinandertreffen dieser Straßen entwickelte sich der Wilhelmsplatz, der 1850 seinen Namen erhielt.

In den folgenden Jahrzehnten entstanden rund um den Platz jede Menge prachtvolle Gebäude. Unter anderem ließ Albert Veiel dort die erste Hautklinik Deutschlands errichten und Dr. Ebner die erste orthopädische Heilanstalt. Nach Fertigstellung der König-Karls-Brücke 1893 existierte nun eine Straßenverbindung von Stuttgart über den Wilhelmsplatz nach Fellbach. Der wirtschaftliche Aufschwung und die rasant wachsende Anzahl der Automobile ließen das Verkehrsaufkommen stark ansteigen. So erhielt 1899 der Wilhelmsplatz und anschließend auch die Marktstraße einen Pflasterbelag. Als dann auch die erste Straßenbahn von der König-Karls-Brücke zur Taubenheimstraße fuhr, war aus Sicherheitsgründen eine Beleuchtung des Platzes unumgänglich.

Mit dem Zweiten Weltkrieg begann die Zeit der Bunker

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs begann auch die Zeit der Bunker in Bad Cannstatt. Zunächst entstand der Spitzbunker im ehemaligen Garten der Familie Marx zwischen Waiblinger und Seelbergstraße. Und wo heute die Volksbank Stuttgart ihre Kunden bedient, stand der 1940 erstellte Hochbunker. 1968 kaufte die Cannstatter Volksbank den Bunker und ließ ihn für einen Neubau sprengen. Vier Jahre später musste der Spitzbunker weichen, an seiner Stelle war das Wilhelmscenter geplant.

Zahlreiche Interimsbauten – die lange Zeit erhalten bleiben

Nach den Zerstörungen durch den Krieg war auch am Wilhelmsplatz Wiederaufbau angesagt. Als Erstes entstanden zwischen Bahnhof- und Eisenbahnstraße sogenannte Ladenbauten – ebenerdige Verkaufsräume mit einem bunt gemischten Angebot. Diese Flachbauten waren als Interimslösung geplant – doch leider bewahrheitete sich der Spruch, dass nichts beständiger ist als ein Provisorium. 20 Jahre lang wurde im Stuttgarter Gemeinderat um eine Neubebauung gerungen – nur fehlte das Geld.

Mitte der 60er Jahre begann die Umgestaltung. Die neue Verkehrsführung der B 14 entstand, die Haltestelle für Busse wurde angelegt, die Fußgängerunterführung gebuddelt und Straßenbahnschienen neu verlegt. Ab 1976 entstanden das Wilhelmscenter und der Kaufhof-Komplex, eines der umstrittensten Bauvorhaben in den 70er Jahren. Der Neubau der Cannstatter Volksbank war ein Jahr später fertig. Während Kritiker damals die Neubauten rund um den Wilhelmsplatz als triste Betonkästen titulierten, lobte die Fachwelt die Gebäude als „städtebauliche Akzente“. Ein Attribut, über das sich heute trefflich streiten lässt.

Kritik am Martin-Mayer-Steg

Unstrittig ist dagegen die damals schon aufkeimende Kritik am Martin-Mayer-Steg, der in den 80er Jahren errichtet worden ist. Er ist zwar eine sichere Verbindung für Passanten über einen viel befahrenen Verkehrsknoten, er machte jedoch das städtebauliche Tohuwabohu perfekt. Das viel zu massive Beton-Bauwerk erdrückt den Platz in diesem Bereich. Da hat es auch nichts gebracht, dass der Wilhelmsplatz ab 2002 erneut im großen Stil umgestaltet wurde. Ein Thema, das zuvor ein jahrelanger Dauergast im Bezirksbeirat Bad Cannstatt war. Über kein Vorhaben in Stuttgarts größtem Stadtbezirk wurde so viel geschrieben und so oft diskutiert. Stadtplaner zerbrachen sich die Köpfe, Kommunalpolitiker stritten und Architekturstudenten schrieben ihre Diplomarbeit über ihn.

Der Umbau ab 2002 hat den Platz etwas aufgeräumt, die Busse von der Mittellage an die Seite verlegt und eine neue Stadtbahnhaltestelle ermöglicht. Schön sieht jedoch irgendwie anders aus, zumal seit fast 20 Jahren auf dem Platz auch noch ein mit den Jahren immer hässlicher werdender Brunnen thront. Und verkehrstechnisch? Vor allem im Berufsverkehr platzt der Bereich aus allen Nähten. Spätestens seit dem Kaufhof-Aus wallen die Forderungen für einen neu geordneten, schöneren Wilhelmsplatz wieder auf. Doch allein die schwierigen Eigentumsverhältnisse – das rund 4000 Quadratmeter große Kaufhof-Areal hat drei Besitzer – scheint einen zügigen, konzeptionellen Neuanfang an dieser städtebaulich so wichtigen Stelle unwahrscheinlich zu machen. Zumal die Stadt keinen Quadratmeter Fläche dort besitzt und nicht viel „zu melden“ hat.

Bahnhofsquartier neu gestalten

Auf der anderen Seite des Wilhelmsplatzes ist die Stadt sehr viel weiter. Das Parkhaus in der Eisenbahnstraße samt dem daneben liegenden Komplex soll 2025 gekauft und zusammen mit den dahinter liegenden Flächen neu überplant und bebaut werden. Und verkehrstechnisch? Da ruhen die Hoffnung für mehr „Spielraum“ auf dem Rosensteintunnel und in der Folge auf einem neuen Verkehrsstrukturplan. Mit einem muss sich Bad Cannstatt dagegen abfinden: Der Brunnen, den viele Cannstatter als der „Welt größte Waschtrommel“ titulieren. Den zu entsorgen ist fast genauso unmöglich, wie den Platz zu untertunneln.

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