BW von oben – Böblinger Diezenhalde 9000-Einwohner-Stadtteil anstatt Wiesen und Felder

Der Böblinger Südwesten im Jahr 1968: Die Bebauung ist noch luftig bis nicht vorhanden. Foto:  

Im Vergleich der Luftbilder von 1968 und aktuellen Ansichten lässt sich schnell der enorme Zuwachs an Besiedelung feststellen. Die Ortschaften sind gewachsen – zum Beispiel entstand im Böblinger Südwesten die Diezenhalde.

Böblingen - Auf der Diezenhalde leben heute rund 9000 Menschen. Doch vor 50 Jahren gab es dort nur Wiesen und Äcker. Damit steht der Böblinger Stadtteil exemplarisch für die extreme Entwicklung der hiesigen Ortschaften in den letzten Jahrzehnten. Wo es einst ein Dorf oder nur einen Stadtkern gab, haben sich die Kommunen weit in die Landschaft vorgearbeitet. Industriegebiete und neue Wohnsiedlungen ließen die Kommunen enorm wachsen, der Anteil der grünen Flächen ist massiv geschrumpft.

 

Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Stadtentwicklung boomte. Böblingen hatte 1950 rund 12 500 Einwohner, nur 20 Jahre später waren es dreimal so viele, fast 37 000. Und die Stadt wuchs weiter. Ende der 60er Jahre wurde klar, dass Böblingen noch mehr Wohnraum braucht und in Richtung Südwesten wachsen soll. In einem Ideenwettbewerb ließen die Stadtoberen die urbane Bebauung der Diezenhalde entwickeln. Und ab den 70er Jahren entstanden dort Hunderte von Häusern, 2002 erst wurde das letzte Baugebiet Richtung Tübingen begonnen.

Auf dem Luftbild von 1968 fehlt davon noch jede Spur, der Waldfriedhof (links unten) hat noch viel Abstand zu jeglichen Gebäuden. Und dennoch ist zu sehen, dass Böblingen bereits wächst. Die systematische Neubebauung links und rechts des sich schlängelnden Maurener Wegs fällt gleich ins Auge, auch die Sporthalle (oben rechts) steht bereits. Wer genau hinsieht, kann einige Baustellen erkennen, für das Orplid-Hochhaus (links am Waldrand) und die benachbarten Hochhäuser an der Amsterdamer Straße sind die Fundamente gelegt. Das Foto von 1980 wiederum zeigt einen Zwischenschritt: Damals stand bereits die Bebauung von der Tübinger Straße her, doch die Freiburger Allee endete noch im freien Feld. Am rechten Rand ist bereits das Lise-Meitner-Gymnasium zu sehen, anfangs noch als „Boxberg“ bekannt.

„Diezenhalde“ geht wohl auf eine Person namens Dietrich zurück

Wie im Stadtarchiv zu erfahren ist, taucht der Name „Diezenhalde“ erstaunlicherweise schon 1495 in einem Lagerbuch des Amtes Böblingen auf. Dort ist von einem Acker „uff der Dietzenhalden“ die Rede, dafür musste der Eigentümer jährlich sieben Gulden Abgaben an die Herrschaft Württemberg bezahlen. Wie der ehemalige Stadtarchivar Christoph Florian bereits vor einigen Jahren auf der städtischen Homepage zusammengefasst hat, lässt sich der erste Wortteil „Diezen-“ auf eine Kurzform des Personennamens Dietrich zurückführen. „Es wird wohl der Name eines frühen Besitzers gewesen sein“, beschrieb der Stadtarchivar. Mit „-halde“ wiederum wurden im Schwäbischen früher Hänge bezeichnet. Meist weist der Begriff auf Weinbau hin. „Die Diezenhalde als Weinlage ist heute schwer vorstellbar, doch wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit auch auf weniger begünstigten Lagen Wein angebaut“, erläuterte Florian. Mit dem Dreißigjährigen Krieg sei das aber wieder stark zurückgegangen. Zudem gab es einst womöglich in der Nähe eine Burg. Dazu passen Funde, die auf kriegerische Auseinandersetzungen an der Diezenhalde verweisen. Im Jahr 1849 wurden dort zwei eiserne Wurfpfeile von jeweils knapp fünf Kilogramm Gewicht entdeckt – vielleicht hatten sie etwas mit jener Burg zu tun?

In den 1990er Jahren wurde klar: Es fehlt noch die soziale Infrastruktur

Nachdem sich der Stadtteil in den ersten Jahren rasant vergrößert hatte, wuchs um 1990 die Erkenntnis, dass die Diezenhalde eine bessere soziale Infrastruktur und mehr Angebote brauchte. Das Ökumenische Gemeindezentrum gab den Vorboten und öffnete 1990. Kurz darauf gründete sich der Stadtteil-Arbeitskreis Diezenhalde mit Bürgern und Stadtvertretern und organisierte gleich mal ein Stadtteilfest, das bis heute (nur ausgebremst von Corona) Bestand hat. Zudem gab es Pläne für eine neue Grundschule samt Bücherei, der Arbeitskreis entwickelte parallel das Konzept des „Café Emil“ als Stadtteiltreff. 1997 wurde der gesamte Komplex eröffnet.

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Noch in den 2000er Jahren wuchs die Diezenhalde in Richtung Süden, 2009 wurde das Pflegeheim St. Hildegard eröffnet, 2015 die große Kita am Ricarda-Huch-Weg. Zuletzt standen die Zeichen auf Innenentwicklung, hat sich der Stadtteil doch über die Jahre zu Genüge ausgedehnt. Vor einem Jahr hat die Stadt Böblingen einen Bürgerdialog angeregt, um zur Zukunft der Diezenhalde mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen. Was daraus wird, ist momentan offen – in Luftbildern oder Landkarten wird sich das allerdings nicht mehr niederschlagen.

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