BW von oben: Der Bodensee Wettlauf um jeden Quadratmeter
Die Bodenseeregion ist Obstanbaugebiet und Touristenmagnet, aber auch einer der erfolgreichsten Wirtschaftsstandorte. Wie lange kann das noch gut gehen?
Die Bodenseeregion ist Obstanbaugebiet und Touristenmagnet, aber auch einer der erfolgreichsten Wirtschaftsstandorte. Wie lange kann das noch gut gehen?
Es ist Mittag, und Martin Baur muss mit seinem kleinen Traktor zurück zum Hof. Der Behälter mit dem Pflanzenschutzmittel ist leer. „So viel wie nötig und so wenig wie möglich“, lautet seine Devise. „Integrierter Pflanzenschutz“ nennt sich diese Kombination aus chemischen, biologischen und physikalischen Maßnahmen. Sparsam muss Baur sowieso sein. Denn wenige Meter neben seinen Obstbäumen beginnt schon das Wohngebiet. In den Gärten könnten Kinder spielen. Da birgt jeder Einsatz von Spritzmitteln Konfliktpotenzial.
Es ist wenig Platz für Baurs Obstplantagen, und es wird immer enger. Ein altes Schwarz-Weiß-Foto zeigt den Hof zu Zeiten des Urgroßvaters im Jahr 1932: ein kleines Wohngebäude unter einem Dach mit einem großen Viehstall, wie es am Bodensee üblich ist. Davor steht ein Baum, drum herum sind Wiesen und Felder. Meistershofen hieß der Flecken, zu dem noch drei weitere verstreut liegende Höfe gehörten. „Unserer war der kleinste“, sagt Baur. Und wohl nur deshalb gebe es ihn heute überhaupt noch. Für die anderen wäre kein Platz gewesen.
Immer näher ist die Stadt Friedrichshafen seither herangerückt und hat den Ort irgendwann verschluckt. Nicht einmal ein eigenes Ortsschild steht heute noch an der Ausfallstraße in Richtung Oberteuringen, die am Hof vorbeiführt. „Ich bin ein Stadtbauer“, sagt Baur, der für die CDU im Friedrichshafener Gemeinderat sitzt. Seine Frau führt den Hofladen. Auf dem Nachbargrundstück steht eine Tankstelle. Dort gibt es Benzin. Die Baurs haben eine Zapfsäule für frischen Apfelsaft aufgestellt.
Friedrichshafen ist keine Stadt mit langer Tradition. 1811 wird sie auf Beschluss von Friedrich I. durch einen Zusammenschluss der nach den Napoleonischen Kriegen weitgehend verwüsteten alten Reichsstadt Buchhorn und der Gemeinde Hofen gegründet. In Lindau urlaubt der bayerische König, auf der Mainau bei Konstanz der badische Großherzog. Der württembergische König hat keine Insel abgekriegt, aber auch ihn gelüstet es nach Sommerfrische. Das Schloss Friedrichshafen wird zur Residenz während der warmen Jahreszeit. 1850 wird die Stadt über die Südbahn an die Landeshauptstadt angeschlossen. Sie ermöglicht der königlichen Familie eine bequemere Anreise, sie ist aber auch Ausgangspunkt der atemberaubenden industriellen Entwicklung, welche die Stadt und die Region bald nehmen.
Der 2. Juli 1900 ist so etwas wie der zweite Gründungstag der Stadt. In der Manzeller Bucht erleben die Friedrichshafener den ersten Aufstieg eines Luftschiffs. Es ist der Beginn des Industriezeitalters am Nordufer des Bodensees. Über drei Rüstungskonjunkturen – erst für zwei Weltkriege, dann im Kalten Krieg – entwickelt sich aus dem Luftschiffbau ein europäisches Zentrum der Metallindustrie mit Weltmarktführern wie ZF, Aerospace-Dornier und MTU (heute Rolls-Royce). Und es entsteht das absurde Bild von riesigen Industriehallen in privilegiertester Lage, die sich im Halbkreis um die kleine Innenstadt legen – Arbeitsplätze mit Seesicht.
Bis zum Zweiten Weltkrieg beschränkt sich das Wachstum auf Friedrichshafen, dann erfasst es das gesamte Nordufer. Die Bevölkerung verdoppelt sich seit dem Krieg, noch stärker nehmen die Siedlungsflächen zu. Der Platz am See reicht für die Industrie längst nicht mehr aus. Wenige Jahrzehnte später wird die zweite Reihe bebaut. Orte wie Markdorf oder Salem werden Gewerbestandorte. Doch damit ist es nicht getan. Es geht in die dritte Reihe, bis ins Deggenhausertal und in den Kreis Sigmaringen hinein. Weil das Wachstum nur mit zusätzlichen Arbeitskräften bewältigt werden kann, steigt auch die Nachfrage nach Wohnraum. Auf der Suche nach einem grünen Idyll wird immer weiter ins Hinterland ausgewichen.
Im Jahr 1968, in dem Baur geboren wird, hat diese Entwicklung schon längst eingesetzt. Schon in den 20er und 30er Jahren entsteht auf der anderen Seite der Rotach – noch mit ordentlichem Abstand zum Bauernhaus – eine Siedlung für Industriearbeiter der Zeppelin-Werke. Dennoch sind auf dem Luftbild von 1968 noch weite landwirtschaftliche Flächen zu erkennen. In seiner Schulzeit kann sich Baur als Landkind fühlen. In Richtung Westen ist viel freies Feld. In der Ferne sieht er den Kirchturm des Nachbardorfs Jettenhausen, das heute ebenfalls stadtgeografisch zur Kernstadt zählt.
In den folgenden Jahren wird der Wettlauf um jeden Quadratmeter, der Zusammenprall unterschiedlichster Interessengruppen und das Aufeinandertreffen sich widersprechender, teilweise sogar ausschließender Funktionen auf engstem Raum immer mehr zu dem herausstechenden Charaktermerkmal der Bodenseeregion. Millionen von Touristen schwärmen von sanften, grünen Hügeln und schneebedeckten Bergen, die sich im türkisgrünen Bodenseewasser spiegeln. Doch der Bodensee ist auch Trinkwasserspeicher für mehr als zwei Millionen Menschen und die viel geliebte Traumlandschaft ein wichtiges Anbaugebiet mit landwirtschaftlichen Sonderkulturen wie Wein, Hopfen und Obst. Bei Tafeläpfeln ist man nach dem Alten Land bei Hamburg das zweitgrößte Anbaugebiet in Deutschland.
„All dies prägt das Image der Bodenseeregion“, sagt Roland Scherer, Wissenschaftlicher Leiter des Netzwerks Denkraum Bodensee und Professor an der Hochschule St. Gallen. „Keiner nimmt den Bodensee als Industrieregion wahr.“ Doch was viele nicht wissen: Die Industrie trägt mit Abstand am meisten zur Wertschöpfung in dieser an landschaftlichen Reizen so reich gesegneten Region bei. „Ihr Anteil liegt bei 60 Prozent, der Tourismus hat bloß zehn Prozent“, sagt Scherer. Und: Mehr als zehn Prozent der Beschäftigten sind in Hochtechnologiebranchen tätig. „Dieser Anteil ist doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt“, sagt Scherer.
Die Region Bodensee-Oberschwaben gehört deutschlandweit zu den erfolgreichsten Regionen mit Spitzenplätzen in allen Rankings. Überall geht es aufwärts, seit Jahrzehnten: mehr Einwohner, mehr Arbeitsplätze in mehr Unternehmen, mehr Wohlstand, mehr Touristen und mehr Verkehr.
Wer da den Kürzeren zieht, wenn es hart auf hart kommt, ist klar. Das ist schon lange so. Zu Beginn der 1980er Jahre will die Stadt die Messe erweitern. Martin Baurs Vater erfährt es aus der Zeitung. Er muss eine schwerwiegende Entscheidung treffen. Wenige Jahre zuvor hat er seinen Stall ausgebaut, doch jetzt fällt eine große Pachtwiese weg. Sie hat bis dahin das Milchvieh ernährt. Ein halbes Jahr lang diskutieren die Eltern, dann fügen sie sich in das Unvermeidliche. „Plötzlich gab es bei uns keine Tiere mehr“, erinnert sich Martin Baur.
Die rasante Entwicklung lässt sich an den Einwohnerzahlen festmachen. Friedrichshafen, nach Konstanz die zweitgrößte Stadt am See, wächst in 50 Jahren von 49 000 auf mehr als 60 000 Einwohner an. Der Nachbarort Markdorf, der einst hinter der Grenze nach Baden lag, verdoppelt sich sogar von 7000 im Jahr 1968 auf jetzt 15 000. Und auch in den kommenden Jahren rechnet das Statistische Landesamt mit einem starken Wachstum. 32 000 Menschen sollen demnach bis zum Jahr 2035 zusätzlich in die Region Bodensee-Oberschwaben ziehen. Allein dafür braucht es 15 000 neue Wohneinheiten, wurde errechnet. Weitere 16 000 sind notwendig, weil die Menschen ohnehin immer mehr Platz beanspruchen. Daraus ergibt sich ein Flächenbedarf von 1000 Hektar.
Auch bei den Industrie- und Gewerbeflächen sieht der neue Regionalplan, der im vergangenen Jahr verabschiedet wurde, einen Zuwachs vor. Als man den künftigen Bedarf ermittelte, kamen die beauftragten Institute für den Bodenseekreis auf 200 bis 600 Hektar – es wäre die Fortschreibung der bisherigen rasanten Entwicklung gewesen. Nur 160 Hektar stehen jetzt im Regionalplan.
Wolfgang Heine, Direktor des Regionalverbandes, hält das für eine gute Lösung. Beim Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche liege die Region Bodensee-Oberschwaben gerade mal bei 11,7 Prozent. Das sei der niedrigste Wert in Baden-Württemberg. „Mit anderen Worten: Von einem ungezügelten Flächenfraß kann hier keine Rede sein.“ Nirgendwo sei „dieser Vorwurf so unangebracht wie in unserer Region“.
Wahr ist allerdings auch: Der gute Wert rührt von den ländlichen Kreisen Ravensburg und Sigmaringen her, die dem Regionalverband ebenfalls angehören. Betrachtet man allein den Bodenseekreis, so erreicht der Anteil 15,1 Prozent – nur die Landkreise rund um die Großstädte und bezeichnenderweise der Kreis Konstanz liegen höher.
Tatsächlich nehmen Konflikte seit Jahren zu. Immer mehr Menschen ahnen, dass die Region an ihre Grenzen stößt. Schon als Dornier sein Werksgelände bei Immenstaad vergrößern möchte, regen sich Proteste. In den 1980er und 1990er Jahren kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Naturschützern. Die Ausweisung eines Logistikzentrums durch die Firma MTU in Salem scheitert sogar an einem Bürgerentscheid.
Martin Baur hat sein Fässchen wieder gefüllt. Über eine kleine Brücke fährt er auf Wirtschaftswegen zurück zu seinen Obstbäumen. „Wenn das nicht Überschwemmungsgebiet der Rotach wäre, gäbe es diesen Grünzug gar nicht mehr“, sagt er. Gerade hat er wieder 5000 Quadratmeter Pachtland verloren. Die Stadt will neben einen Sportplatz eine Traglufthalle stellen. „Damit hatte ich nicht gerechnet“, sagt Baur. Ein Kollege habe neulich eine Petition gestartet und 3000 Unterschriften gesammelt, um den Neubau einer Schule auf einer von ihm bewirtschafteten Streuobstwiese zu verhindern. Er selbst würde so etwas eher nicht tun. „Wenn der Grundstückseigentümer die Wiese hergibt, dann ist das eben so“, findet er. „Wir werden weiterhin Flächenverbrauch haben. Das ist der Anspruch unserer Bevölkerung.“