BW von oben – der Stuttgarter Asemwald Die Gräben sind längst zugeschüttet

Die Wohnstadt Asemwald umfasst 1137 Eigentumswohnungen. Foto: Annegret Jacobs

1968 ist vom Asemwald nicht mehr als eine Baugrube zu sehen. Mit einer Kamera nicht festzuhalten sind die Verwerfungen und Gräben, die es in Stuttgart mancherorts um die Wohnstadt gegeben hat. Ein Anwohner und zwei Nachbarn erinnern sich.

Asemwald - Die Debatten um den Asemwald? Hat Reiner Arnold seinerzeit nicht verfolgt. Nicht, weil er politisch uninteressiert gewesen wäre. Aber 1968 – dem Jahr, in dem von Mai an für den vierten und endgültigen Entwurf für die Wohnstadt am Rande der Plieninger Gemarkung nach knapp zehn Jahren Debatte die Bagger rollten – hatte Reiner Arnold anderes im Kopf. Der Industriekaufmann war frisch verheiratet und hatte sich gerade mit seiner Frau in ihrer Mietwohnung in Sonnenberg eingerichtet.

 

1970 geriet das Hochhausensemble mit einem Mal auf seinen Radar, allerdings aus persönlichen Gründen: Seit einem Jahr hatte das Paar da eine Tochter. Und Freunde hatten sich auf eine Warteliste für Eigentumswohnungen im Asemwald eintragen lassen. „Sollen wir uns das nicht mal angucken?“, fragte seine Frau. Also fuhr man raus auf die Großbaustelle. „Ich habe Baugruben gesehen, die durch den ganzen Wald verliefen“, erinnert sich der Mitachziger heute. Bei deren Anblick gestattete er sich innerlich ein „Oh, du mein Gott!“, und kurz fragte er sich, ob ihm beim Blick aus dem elften Stock nicht ständig schwindelig werden würde.

Ansonsten war die Sache jedoch klar: Die junge Familie griff zu und bekam eine der letzten noch freien Wohnungen im Haus 2. Dort leben Reiner Arnold und seine Frau noch heute. „Von da an habe ich mich nur noch Praktisches gefragt, etwa, wo die Steckdosen hinkommen.“ Arnold sagt: „Ich habe mich im Asemwald immer wohl gefühlt.“ Und: „Im Nachhinein habe ich mich dann doch für die Vorgeschichte der Wohnstadt interessiert und vieles nachgelesen.“

Der erste Entwurf sah ein einziges, massives Hochhaus vor

Rolf Lehmann war in den 1960er Jahren politisch in die Asemwald-Debatte involviert. Der ehemalige Stuttgarter Wirtschaftsbürgermeister und spätere Ministerialdirektor im Landesministerium für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung stand 1968 mitten im Stuttgarter Kommunalwahlkampf. Weil Wohnraum eines seiner Schwerpunktthemen war, hatte er sich auch in der „Hannibal-Debatte“ engagiert.

Lehmann begrüßte die Planung, mit dem Asemwald ein neues Stadtviertel in Hochhaus-Form zu errichten. Nicht den ersten Entwurf von 1959, der ein einziges, massives Hochhaus mit einer Länge von 650 Metern vorgesehen hatte. Aber als die weitere Planung eine Aufteilung auf mehrere Häuser vorsah, war der heute 84-Jährige überzeugt. Lehmann stammt aus Birkach, dem Nachbarstadtteil des Asemwalds. Mit kurzen Unterbrechungen hat er dort sein ganzes Leben verbracht. „Nicht nur ich, eine breite Mehrheit in Birkach stand dem Plan vom Bau der Wohnstadt in der Nachbarschaft positiv gegenüber“, erinnert er sich heute „In Birkach hat es Proteste nur gegen Hannibal, also den ersten Entwurf, gegeben.“ Vielmehr habe der Bau so vieler Wohnungen für Aufbruchstimmung im Stadtteil gesorgt. Denn Birkach, so Lehmann, war damals klein, hatte wenig Infrastruktur. Zudem war nach dem Zweiten Weltkrieg der Wohnraum noch knapper als heute. „Endlich werden Wohnungen gebaut, die sich der Normalbürger leisten kann“, so der Tenor in Birkach, zumal der Bauherr die Neue Heimat, eine Gewerkschaftsorganisation war. „Birkach war in seiner Struktur damals gewerkschaftsnah, dort lebten viele Kleinbauern und Arbeiter.“ Ohne den Asemwald, davon ist Lehmann überzeugt, wäre Birkach „arm dran“ gewesen. „Supermarkt, Bankfiliale, kleine Läden und das Restaurant – das gab es in Birkach ja zuvor alles nicht.“

Lesen Sie aus unserem Angebot: „Wir leben praktisch auf dem Land“

In der Wohnstadt gibt es Läden, eine Bankfiliale und ein Restaurant

Für das Gespräch ist Lehmann mit dem Bus aus Birkach in den Asemwald gefahren. Gerne, wie er betont. Er hätte es sich zeitlebens gut vorstellen können, mit seiner Frau in den Asemwald zu ziehen. „Sie können hier alles kaufen, was Sie brauchen. Unabhängig vom Alter. Der Asemwald wurde gut geplant.“ Dass es nicht zum Umzug kam, ist ein anderes Thema. In jedem Fall: Mit seiner Überlegung ist Lehmann nicht allein. „Ha, grüß Gott!“, ruft er freundlich zwei Passanten von der Parkbank aus zu, auf der er an diesem sonnigen Wintertag vor der Einkaufspassage Platz genommen hat. „Hier haben Sie ein Beispiel für Birkacher, die in den Asemwald gezogen sind“, sagt er und geht auf die Passanten zu. „Gell, Sie send z’friede hier?!“

Lesen Sie aus unserem Angebot: Was Corona für die Wohnstadt bedeutet

In Schönberg gab es zunächst Gegenwind gegen die Hochhäuser

Und im benachbarten Schönberg? War die Zustimmung zur Wohnstadt während der Planungsphase – freundlich formuliert – sehr viel verhaltener. Diesen Eindruck bekommt man zumindest beim Blättern durch die Lokalausgaben der 1960er Jahre. 1964 hatte der Bürgerverein Stuttgart-Schönberg gar das Innenministerium und das Regierungspräsidium gebeten, die Asemwald-Planungen zu unterbinden. Begründung: Die Hochhäuser würden dem Stadtteil am Hang des Ramsbachtals die Frischluftzufuhr wegnehmen. Hinter vorgehaltener Hand wurde geraunt, mancher Häuslebesitzer im Schönberg fürchte um seinen Blick auf die Alb.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Dem Himmel so nah im Hochhaus-Dorf

Helma Hardenberg, bis 2016 13 Jahre lang Vorsitzendende des Schönberg-Vereins, kann zu einer möglichen Gegnerschaft während der 1960er Jahre nicht viel sagen. „Ich bin mit meiner Familie erst 1977 hierhin gezogen.“ Aber vom Fenster im Obergeschoss ihres Hauses am Hang genoss und genießt sie freie Sicht – sowohl auf die Alb als auch auf den Asemwald. Hardenberg hält nichts davon, alte Querelen aufzuwärmen. Wenn sie an den Asemwald denke, könne sie sich nicht vorstellen, wie es für die Schönberger heute ohne die Wohnstadt aussähe. Die Kirche und ein Briefkasten, so sagt sie lakonisch, sei das Einzige, was in Schönberg an Infrastruktur geblieben sei. „Ohne den Asemwald mit seinen Lebensmittelgeschäften, der SB-Bankfiliale, dem Frisör wären wir hier abgehängt.“

Der Asemwald ist mit den Nachbarstadtteilen verwoben

Auch das soziale Leben sei vielfältig zwischen beiden Stadtteilen verwoben. Hardenberg muss nicht lange überlegen, um ein herausragendes Beispiel für dieses übergreifende Zusammenleben zu nennen: ihren Schulhort. Den hatte Hardenberg, lange Jahre Rektorin der Grundschule Birkach, noch in den 1990er Jahren als einen der ersten in ganz Baden-Württemberg auf die Beine gestellt. Zu Beginn habe sie selbst die Schüler betreut und bekocht – nach dem offiziellen Schulschluss. „Und dann standen eines Tages zwei Schülermütter aus dem Asemwald bei mir und fragten, ob sie nicht helfen könnten“, berichtet Helma Hardenberg. Nach und nach kamen immer mehr Helfer auch aus Schönberg und Birkach dazu. „Aber es waren diese Mütter aus dem Asemwald, die den Anfang gemacht haben.“

Weitere Themen