Das 80 Hektar große Flugfeld, das zu einem Drittel auf Sindelfinger, zu zwei Dritteln auf Böblinger Gemarkung liegt, hat eine spannende Geschichte. Wo heute Wohnhäuser, Firmengebäude, Hotels, Restaurants, Supermärkte und Gebäude voller teurer Fahrzeuge stehen, wurde früher geflogen.
Nach dem Krieg übernahmen Amerikaner das Gelände
Im Jahr 1915 wird in Böblingen auf einem eigentlich viel zu sumpfigen Gelände ein Flugplatz eröffnet. Anfangs wird dieser vor allem für militärische Zwecke genutzt, im April 1925 landet dann der erste Linienflieger am württembergischen Landesflughafen Stuttgart-Böblingen. Von nun an gibt es täglich acht Verbindungen – etwa nach Zürich, Berlin oder München. Zwar kann es sich damals kaum jemand leisten zu fliegen, ein Anziehungspunkt ist der Flugplatz dennoch. Bei der ersten Landung des Luftschiffs Graf Zeppelin im November 1929 schauen 100 000 Menschen zu.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geht das Gelände in die Hände der Amerikaner und wird militärischer Fliegerhorst. 1992 ziehen die Amerikaner wieder ab, und das Areal wird zur Konversionsfläche.
Die Böblinger Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger erinnert sich noch daran, wie Mitte der 90er darüber diskutiert wurde, das Flugfeld zum Beispiel als Sondermüllverbrennungsanlage zu nutzen: „Es gab viele Begehrlichkeiten.“ Bei mehreren Bürgerbeteiligungsverfahren, Verhandlungen und Studien kommt schließlich heraus, dass das Areal eine „hochwertige Mischnutzung“ bekommen solle. Doch kein Investor will das Gelände übernehmen.
190 Millionen Euro an öffentlichen Investitionen
Im Sommer 2001 springen die Städte Böblingen und Sindelfingen ein, sie gründen einen gemeinsamen Zweckverband. Seitdem ist dort ein völlig eigener Stadtteil entstanden. Bis zum Jahr 2025 sollen auf dem Flugfeld 4000 Menschen wohnen und 7000 Arbeitsplätze entstanden sein. Und bis heute wurden allein an öffentlichen Investitionen – Grunderwerb, Infrastrukturausbau, Grün- und Freianlagen, Bauleitplanung – 190 Millionen Euro ausgegeben. Hinzu kommen die Privatinvestitionen der Käufer.
Dass auf dem Flugfeld einst geflogen wurde, sieht man heute vor allem am und im V8-Hotel, einem der außergewöhnlichsten Hotels in der Region Stuttgart. Denn wo seit 2009 Menschen übernachten und sich zu Tagungen treffen, war früher das Empfangsgebäude des Flughafens, inklusive Zoll, Gepäckabfertigung und Tower. „An der Hülle hat man nichts verändert“, sagt Simeon Schad, der Geschäftsführer des Hotels. Auch der Boden ist an vielen Stellen noch derselbe, wie er einst im Flughafen war. Und das Übernachten ist genau genommen auch nichts ganz Neues, denn früher gehörten zum Flughafen auch „Fremdenzimmer“.
Der Flughafentower dient heute als Luxussuite
Der einstige Flughafentower dient heute als vierstöckige, 120 Quadratmeter große „Mercedes-Suite“ inklusive Privatsauna. Eine Übernachtung kostet 655 Euro. Dafür bekommt man von der Dachterrasse der Suite aus immer noch den perfekten Überblick – wenn auch ohne Flugzeuge.
Simeon Schad weiß noch, wie er Mitte der 2000er Jahre mit Gummistiefeln auf der Baustelle stand. „Es hat viel Vorstellungskraft gekostet, sich hier ein Hotel auszumalen“, sagt er. „Das Gebäude war in einem miserablen Zustand.“ Es regnete rein – von ganz oben bis nach ganz unten. Weil Schad selbst in einem denkmalgeschützten Haus wohnt, habe er das Potenzial des ehemaligen Flughafens aber erkannt und an den Standort auf dem Flugfeld geglaubt, sagt er. Und heute seien die hohen Decken und die Bauhaus-Architektur etwas Besonderes für ein Hotel.
Flugfeld wurde im II. Weltkrieg stark bombardiert
Doch bevor die Bauarbeiten auf dem Flugfeld überhaupt beginnen können, muss es zunächst von alten Kampfmitteln befreit werden. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Areal heftig bombardiert. Rund 800 000 Kubikmeter Erde werden dafür im Jahr 2005 bewegt, 11 000 Tonnen zur Entsorgung abgefahren, viele Blindgänger entschärft. „Das war teuer. Es musste ein komplettes Areal abgetragen werden“, sagt Dietmar Weber, der Leiter des Böblinger Amts für Stadtentwicklung und Städtebau.
Später haben die Städteplaner damit zu kämpfen, dass die baulichen Möglichkeiten von Beginn an begrenzt sind. Denn auf der einen Seite des Flugfelds verlaufen Schienen, auf der anderen Seite ist die Autobahn. Und es erweist sich als nicht immer einfach, dass Verwaltungsmitarbeiter von zwei Städten mitreden wollen. Doch die Baubürgermeisterin Kraayvanger sagt heute, dass schon das Erkennen des Potenzials im Flugfeld und das gemeinsame Entwickeln von Ideen die Städte Böblingen und Sindelfingen einander nähergebracht habe. Freilich auch der Fakt, dass man unfassbar viel Geld in die Hand genommen habe und ein gewaltiges Risiko eingegangen sei – „das hat die Städte gebunden und verbunden“.
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Stadtplaner überrascht über Geschwindigkeit
Als erstes Unternehmen auf dem Flugfeld eröffnet 2008 das Sensapolis, eine Art Indoorspielplatz für Familien. Ein Jahr später folgt die Motorworld und als Teil davon das V8-Hotel. Wer schöne Autos mag, war vermutlich längst schon mal dort: In dem teilverglasten Gebäude werden Oldtimer und Luxus-Sportwägen zur Schau gestellt, manche davon auch vermietet. Bereits im ersten Jahr nach der Eröffnung werden mehr als eine halbe Million Besucher in der Motorworld gezählt. „Papa, ich bin im Himmel“, würde so manch junger Autofan rufen, wenn er die Fahrzeuge sieht, meint Simeon Schad.
Ebenfalls im Jahr 2009 ziehen die ersten Bewohner in die Neubauten auf dem Flugfeld ein, 2010 eröffnet eine Kita sowie eine Schule. Im Nachhinein sind selbst Stadtplaner überrascht, in welch kurzer Zeit aus dem Flugfeld ein Stadtteil wurde. „Das hätte ich so nicht erwartet. Bei der Diezenhalde (ein Böblinger Stadtteil, der Ende des vergangenen Jahrhunderts entstanden ist) hat das 30 Jahre gedauert“, sagt Stadtplaner Weber.
Heute feiern auf dem Flugfeld gerne Jugendliche
Wer heute in eine Wohnung aufs Flugfeld ziehen will, muss dafür meist viel bezahlen – wenn er überhaupt an eine Wohnung kommt. Das war nicht immer so. Es dauerte, bis all die Neubauten verkauft und vermietet waren – vor allem nach der Finanzkrise 2008. Dietmar Weber formuliert es so: „Das Flugfeld hat sein Level gesteigert.“ Heute gebe es „Wohnungen für Reiche, aber auch für nicht so Reiche“, meint die Baubürgermeisterin Kraayvanger. Generell sei der Altersdurchschnitt der „Flugfeldler“ deutlich niedriger als anderswo in Böblingen und Sindelfingen. „Dort wohnen nicht nur Gesettelte“.
Inzwischen dient das Flugfeld mitunter auch als Ort für Partys. Einerseits finden dort Großveranstaltungen statt wie das Farbenfestival Holi oder diesen August das „Mallorca Total“ mit Schlagerstars wie Mickie Krause. Andererseits feiern Jugendliche auf dem Flugfeld gerne auch privat. Wenn es halbwegs warm ist, treffen sich rund um den Langen See Hunderte junge Menschen, bringen ihre Musikboxen und jede Menge Flaschen mit. „Letztlich waren die Jugendlichen Pioniere. Sie haben als Erste die Attraktivität des Flugfelds entdeckt, die Abendsonne und die Sitzgelegenheiten auf den Treppenstufen am Langen See“, sagt Dietmar Weber. Das Flugfeld werde auch sportlich genutzt: Jogger, die früher durch die Innenstadt liefen, drehen heute ihre Runden um den See.
2025 soll das Flugfeld-Klinikum eröffnen
Übrigens: dass der Lange See die Lage der ehemalige Start- und Landepiste des Flughafens nachzeichnet, ist ein falsches Gerücht. „Es gab damals keine Start- und Landepiste, das war einfach eine große, grüne Wiese“, sagt Peter Conzelmann, der Leiter des Böblinger Kulturamts. „Der Lange See sollte eine Reminiszenz sein.“
Das Großprojekt für die kommenden Jahre auf dem Flugfeld ist das neue Klinikum. In drei Jahren soll auf 50 000 Quadratmeter Fläche das gemeinsame Krankenhaus für Böblingen und Sindelfingen mit 700 Betten seinen Betrieb aufnehmen. Kosten soll das Ganze 573 Millionen Euro.
Langweilig wird es auf dem Flugfeld wohl nicht so schnell. Als Frage bleibt: Wird es auch noch etwas schöner?
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