BW von oben – Barockstadt Ludwigsburg Als der Marktplatz noch ein Parkplatz war
Was wäre die Barockstadt Ludwigsburg ohne ihren Marktplatz? Bis er so aussah, wie er es heute tut, war es ein langer Weg.
Was wäre die Barockstadt Ludwigsburg ohne ihren Marktplatz? Bis er so aussah, wie er es heute tut, war es ein langer Weg.
Ludwigsburg - Einhundertacht Meter lang, 78 Meter breit, vier Ausgänge, das höchste Gebäude ist die 44 Meter hohe evangelische Stadtkirche: der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss nannte den Ludwigsburger Marktplatz einst den „stolzesten Platz Württembergs“. Heute, gut 97 Jahre später, dient das Zentrum Ludwigsburg wieder als gelungenes Beispiel barocker Architektur. Wenn mehrmals in der Woche Marktstände aufgebaut werden, Cafés und Restaurants zum Verweilen einladen und Kinder rund um den Brunnen Fange spielen, dann ist der Marktplatz das, was er sein soll: ein Treffpunkt für die Bürger der Stadt. Auch wenn die sich an brütend heißen Hochsommertagen vielleicht ab und an etwas mehr Schatten wünschen.
Ende der 60er-Jahre sah das noch ganz anders aus. Zu wenig Schatten war damals kein Thema, denn wenn der Ort etwas gewiss nicht war, dann gemütlich. Überall dort, wo sich Fußgänger heute frei bewegen können, standen damals Blechkisten. Mittendurch, floss der Verkehr, von der Wilhelmstraße rechts am Marktplatzbrunnen vorbei bis zum Kaffeeberg – und in die Gegenrichtung auch. Im Miteinander von Fußgänger und Autofahrer zogen die Unmotorisierten den Kürzeren. In den vergangenen 53 Jahren hat sich also viel getan.
Über den Platz wurde in dieser Zeit – und auch schon davor – viel gestritten. Mal ging es um neue Geschäfte, mal um Möblierung, mal um den Brunnen, der – so hatte es der Gemeinderat 1954 beschlossen – nach 230 Jahren von der Mitte auf den Platz vor der Stadtkirche versetzt werden sollte. Zum Streitobjekt war der Brunnen mit der Statue des Herzogs Eberhard Ludwig obenauf auch geworden, weil er zwischen all den Autos kein richtiger Blickfang mehr war. Hintergründig ging es also weniger um den Brunnen als um den Verkehr. Denn einigen war das Wahrzeichen auch ein „Verkehrshindernis“ und sollte deshalb fort. Am Ende kam es, dank Einwohnerprotesten und Bedenken der Verwaltung, doch nicht so. Das Beispiel zeigt: Einige kämpften bereits Mitte des vergangenen Jahrhundert mit Vehemenz für die Rechte von Autofahrern. Zumindest daran hat sich nichts geändert.
Wann genau die ersten Autofahrer den Marktplatz in Beschlag nahmen, ist schwer zu rekonstruieren. Bis weit nach dem zweiten Weltkrieg – von Bombentrümmern war Ludwigsburg größtenteils verschont geblieben – hatten auf dem Platz Kastanien und Linden gestanden. Als die wichen, kamen die Autos – geparkt wurde kreuz und quer. Besonders an Markttagen war das Chaos perfekt.
Um etwas Ordnung zu schaffen, wurden 1962 – in dem Jahr wurde auch der Arsenalplatz zum Parkplatz – Markierungen auf den Boden gemalt. Weil’s zentrumsnaher kaum ging, war es über Jahrzehnte Gang und Gebe seine Blechkutsche – hatte man einen geschickten Platz gefunden – einfach stehen zu lassen. Anfang 1970 hielt deshalb die Parkscheibe Einzug. Der erste Schritt zu einem „blechfreien Marktplatz“, wenn man so will. Zwei Stunden stehen, dann wieder gehen, hieß es fortan. Etwas zahlen mussten Autofahrer – heute kaum mehr vorstellbar – immer noch nicht. Die Obere und Unter Marktstraße wurden erst im September 1978 mit Schranken versehen, die ersten zehn Minuten waren weiterhin kostenlos, anschließend kostete eine Stunde 50 Pfennig. Der Platz war zuvor über Monate aufwendig umgebaut worden. Der Rand gehörte nun den Fußgängern, die von großen Quadern vor Autos geschützt waren. Die Zahl der Parkplätze wurde auf 102 halbiert.
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Was heute bei Händler und Gastronomen für Aufschreie sorgen würde, war ihnen damals willkommen. Denn: Hauptsache die Dauerparker waren weg. Der CDU passte das nicht, die Poller ringsum hätten den Platz zu einem „Irrgarten“ gemacht, Marktbesucher und Autofahrer seien gleichermaßen gefährdet. Die Lösung war – für die CDU, die heute viel dafür tut, dass es Autofahrer weiterhin komfortabel haben, – überraschend: der Marktplatz sollte autofrei werden.
Bis es soweit war, ging aber noch einige Zeit ins Land: im Februar 1991 wurde der „Renommierplatz“ schließlich zur Fußgängerzone, auch wenn die Stadt dies zunächst sehr lax handhabte. Autofahrer steuerten weiterhin zielstrebig Richtung Marktplatz und parkten notfalls auch mal zwischen Baumaschinen. Seit Sommer 1992 erstrahlt der Marktplatz in seinem heutigen Antlitz mit den typischen Granitplatten. Angelehnt war der Entwurf an die zu Beginn des 18. Jahrhunderts entwickelten, aber nie ganz ausgeführten Pläne von Hofbaumeister Donato Giuseppe Frisoni. Der Platz, der seit 1983 unter Denkmalschutz steht, kommt nun seit gut 30 Jahren ohne Autos daher. Und vermisst hat sie bislang dort wohl niemand.
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