BW von oben – Mercedes-Benz-Arena Ach, wie schön war’s im Neckarstadion
Seit den 1960er Jahren hat sich in der Mercedes-Benz-Arena in Bad Cannstatt einiges verändert. Ein damaliger VfB-Profi erzählt, wie nah die Fans den Spielern früher noch kamen.
Seit den 1960er Jahren hat sich in der Mercedes-Benz-Arena in Bad Cannstatt einiges verändert. Ein damaliger VfB-Profi erzählt, wie nah die Fans den Spielern früher noch kamen.
Stuttgart - Samstagnachmittag, kurz vor Anpfiff im Stadion auf dem Cannstatter Wasen. Die Profis des VfB Stuttgart und die Gäste machen sich in Sichtweite voneinander vor dem Stadioneingang warm. Zwischen ihnen hindurch pilgern die Fans zur Haupttribüne. Wer einen Spieler kennt, bleibt stehen und grüßt: „Ach, Menne, kickst du heute auch?“, ruft jemand. So erzählt Manfred „Menne“ Weidmann von seinen ersten Jahren als VfB-Profi, Ende der sechziger Jahre. „Ab und zu fragte auch jemand, ob man ihm noch eine Freikarte zuschieben könnte“, sagt Weidmann schmunzelnd, der 1967 sein erstes von mehr als 230 Bundesligaspielen für den VfB bestritt.
Das Verhältnis zu den Fans sei insgesamt „familiärer“ gewesen, meint Weidmann heute. Doch auch sonst waren die Zeiten gehörig anders, im Stadion wie beim VfB Stuttgart. Vergleicht man Luftbilder von 1968 und heute, wird auf den ersten Blick klar: Die Mercedes-Benz-Arena, die ab 1949 Neckarstadion und von 1993 bis 2008 Gottlieb-Daimler-Stadion hieß, hat sich nicht nur namentlich stark verändert.
Die bewegte Geschichte zeigt sich schon an Äußerlichkeiten wie der Tatsache, dass damals nur die Haupttribüne überdacht war – ein Dach für die Gegengerade folgte erst zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974. Rasenheizung? Fehlanzeige. „Wenn es geschneit hat, mussten wir eben auf dem Schnee oder dem gefrorenen Boden kicken“, erinnert sich Weidmann, dessen VfB-Laufbahn 1951 als Sechsjähriger in der Jugend begann und 1976 als Profi endete.
Mit mehr Komfort seien auch mehr Zuschauer ins Stadion gekommen, erinnert sich Weidmann, doch die Zuschauerzahlen schwankten damals sehr stark. Stand der VfB auf einem schlechten Tabellenplatz, kamen nur die treuesten Fans. Umso befriedigender also, wenn man vor vollem Haus aufspielte. Eine Woche im April 1974 sei „die verrückteste überhaupt“ gewesen, erzählt Weidmann, damals als rechter Verteidiger auf dem Platz. Der VfB spielte samstags in der Bundesliga gegen den FC Bayern (1:1) und am folgenden Mittwoch im Halbfinale des Uefa-Pokals gegen Feyenoord Rotterdam (2:2), innerhalb weniger Tage strömten zweimal 72 000 Menschen ins Stadion. Weidmann: „Da haben wir so viele Karten verkauft, man musste das Geld aus den Stadionkassen in der VfB-Geschäftsstelle mit beiden Händen zusammenschaufeln.“
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: BW von oben – Bad Cannstatt: Der Traum vom schönen Wilhelmsplatz
Die Geschäftsstelle befand sich damals noch in der Martin-Luther-Straße in Bad Cannstatt, das Vereinsheim dagegen einige Trainingsplätze entfernt vom aktuellen Clubzentrum, wo heute die B 14 entlangführt. Das in die Jahre gekommene Gebäude mit Clubrestaurant im Erdgeschoss und Umkleiden im Untergeschoss wurde schließlich abgerissen, 1981 öffnete das neue Clubzentrum an der Mercedesstraße. Erhalten blieb nur das Klavier aus dem Restaurant, das heute noch im VfB-Archiv steht.
Hüter dieses Archivs ist der VfB-Historiker Florian Gauß, der weiß, was sich um und im Stadion seit den 1960er Jahren verändert hat – und was gleichgeblieben ist. So teilt sich der VfB das Areal an der Mercedesstraße bis heute mit vielen anderen Sportvereinen, auch wenn dort, wo die Fotos von 1968 noch ein Tennisstadion und eine Radrennbahn zeigen, heute die Porsche-Arena und das Mercedes-Benz-Museum thronen. Das Stadion gehörte von Beginn an der Stadt – der VfB war und ist lediglich Pächter. Ein Verhältnis, das Gauß als „Geben und Nehmen“ beschreibt. In die Stadiongesellschaft, die die Stadt zum Umbau in die heutige Mercedes-Benz-Arena gegründet hatte, zahlte der VfB seinerzeit 27 Millionen Euro ein.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Wie der Cannstatter Wasen zur Spielstätte des VfB Stuttgart wurde
Ein frühes Beispiel für diese Beziehung zum Gemeinderat ist die Flutlichtanlage, die das Neckarstadion bekam – als technische Bedingung für die neu gegründete Bundesliga. Auf den Luftbildern von 1968 sind die Schatten der vier Masten gut zu erkennen. Eingeweiht wurde die Flutlichtanlage am 7. August 1963 gegen Partizan Belgrad. Die Stadionzeitung zum Spiel pries die „Initiative des Stuttgarter Stadtrats Schauffele“ für die 650 000 Mark teure Anschaffung. „Richard ‚Molly‘ Schauffele war als hoch angesehener Ex-Sportler ein großer Förderer des Stuttgarter Sports“, sagt Gauß. Um die enormen Kosten zu stemmen, hatten Schauffele und der VfB-Präsident Fritz Walter Spender geworben, aber auch die Fans sollten durch einen „Flutlichtgroschen“ die Modernisierung „ihres“ Stadions mitfinanzieren.
Auch beim Schritt hin zum reinen Fußballstadion, der ab 2009 den bislang letzten großen Umbau markierte, hatte der Gemeinderat das letzte Wort, nachdem der VfB unter Präsident Erwin Staudt lange dafür geworben hatte. Damit verschwanden die Tartanbahnen, die in den Jahrzehnten zuvor stets das Publikum vom Fußballfeld getrennt hatten – und die Fans rückten wieder ein wenig näher an ihre Mannschaft. Nur eben anders als in den Sechzigern.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Die Fans des VfB Stuttgart – Von A-Block bis Ultras
Eines blieb auch während der schrittweisen Umbauten gleich: Der VfB zog nie auf die grüne Wiese, sondern blieb im Areal rund um Wasen und Stadion verwurzelt. Gauß ist überzeugt: „Der VfB begleitet viele Menschen schon ihr ganzes Leben an diesem Ort. Vieles hat sich verändert, aber der Kern ist noch da.“
Luftbilder von 1968 und heute
BW von oben
Für unser Projekt haben wir 20 000 Luftbilder aus dem Jahr 1968 aufbereitet. Digitalabonnenten können in unserer Luftbilder-Anwendung die historischen Aufnahmen mit aktuellen Satellitenbildern vergleichen. www.stuttgarter-zeitung.de/bw-von-oben und www.stuttgarter-nachrichten.de/bw-von-oben