BW von oben:Neugereut Unterschätzte Modellstadt vom Reißbrett
Mühlhausens jüngster Stadtteil feierte im vergangenen Jahr seinen 50. Geburtstag. Heute wohnen hier mehr als 8000 Menschen, die immer schon mit Vorurteilen leben mussten.
Mühlhausens jüngster Stadtteil feierte im vergangenen Jahr seinen 50. Geburtstag. Heute wohnen hier mehr als 8000 Menschen, die immer schon mit Vorurteilen leben mussten.
Bad Cannstatt - Im Lauf seiner mittlerweile mehr als fünf Jahrzehnte langen Geschichte hat Neugereut schon viele Klischees eingesammelt. Vor allem die jüngeren Stuttgarterinnen und Stuttgarter finden zumeist eher abwertende Bezeichnungen wie etwa Trabantenstadt oder Schlafsiedlung. Falsch, denn Neugereut ist keine typische Hochhaussiedlung, wie sie vor 50 Jahren in jeder deutschen Großstadt geplant und gebaut wurde.
Im Gegensatz zu den Wohngebieten wie Freiberg oder Mönchfeld auf der anderen Seite des Neckars, die schon in den 60er-Jahren aus dem Boden gestampft wurden, zogen es die Planer in Neugereut vor, die verschiedenen Wohnformen, Hochhäuser und Flachdachbauten nicht mehr streng von einander zu trennen. Zudem stehen die Gebäude relativ dicht beieinander – aus gutem Grund. Denn damals reifte bei den Architekten und Stadtplanern die Erkenntnis, dass sich zu große Abstände mit viel Grünflächen dazwischen eher negativ auf die Bürger auswirken könnten. Experten bezeichneten die Bebauung Neugereuts damals als „Stuttgarter Modell der Bodenordnung“ und lobten das „Demonstrativbauvorhaben auf der Anhöhe im Nordosten Stuttgarts“ bundesweit in den höchsten Tönen.
Erste Untersuchungen für ein neues Wohngebiet fanden bereits Ende der 50er-Jahre statt. Der damalige OB Arnulf Klett konstatierte im Gemeinderat das Fehlen von mehr als 20 000 Wohnungen in Stuttgart und mahnte „schnelles und dringendes Handeln“ an. Doch wo? Schon damals waren geeignete Flächen für „Wohnungsbau im großen Stil“ rar. Doch nach dem Flächennutzungsplan von 1954 war auf dem Gebiet am Rande des Schmidener Feldes ein Wohngebiet für bis zu 10 000 Menschen ausgewiesen.
Auf Grundlage dieser Untersuchungen entstand ein Wettbewerb. Insgesamt 86 Arbeiten aus dem ganzen Bundesgebiet wurden eingereicht. Die Sieger waren die Stuttgarter Architekten Roland Frey, Hermann Schröder und Claus Schmid. Das junge Team überraschte und überzeugte die Jury mit ihren „Hügelhäusern“. Eine damals fast schon revolutionäre Wohnungsbauidee, denn sie erinnerte an die Pyramiden der Azteken in Mexiko. Dabei sind die Häuser wie ein Schrägdach angeordnet und sollten von einer durchlaufenden Terrasse umgeben sein. Dass heute gerade einmal ein Gebäude an die Azteken erinnert, hat einen einleuchtenden Grund: Mit dieser Wohnform hätte man nur Wohnungen für gut 4500 Menschen errichten können – geplant waren jedoch 14 000 Menschen.
In den folgenden Jahren wurden die Wettbewerbsergebnisse weiter entwickelt und ein Rahmenplan erstellt, aus dem wiederum mehrere Bauabschnitte entstanden. Der erste rechtsverbindliche Bebauungsplan betraf die Lage „Muldenacker“ im Jahr 1969. Bereits ein Jahr zuvor starteten die Erschließungsarbeiten, das erste Richtfest für ein „modernes Hochhaus“ wurde 1971 gefeiert. Dabei handelt es sich um ein markantes Gebäude, das den Spitznamen „Rottenburg“ erhielt; denn Bauherr war das Siedlungswerk der Diözese Rottenburg.
Doch je mehr Menschen in den folgenden Monaten in die neuen Gebäude einzogen, desto größer wurde auch deren Frust: Die Infrastruktur hielt mit der Wohnbebauung nicht Schritt – vor allem die fehlende Nahversorgung wurde bemängelt. Anfangs musste man im benachbarten Steinhaldenfeld einkaufen, dann kamen noch „fliegende Händler“ und die „Nanz-Barracke“ hinzu. Immerhin wurde 1972 das Einkaufszentrum als Provisorium eingeweiht. Bis zu dessen Fertigstellung sollten jedoch weitere 14 Jahren vergehen.
Während dieser Planungsfehler bei der Nahversorgung nicht mehr zu ändern war, so ruderten die Stadtplaner mächtig zurück. Wurde anfangs noch mit gut 14 000 Einwohnern kalkuliert, so reduzierte die Stadt Stuttgart diese Zahl Mitte der 70er-Jahre auf maximal 9500. Zu viele Hochhäuser mit bis zu 20 Stockwerken würden dem Quartier nicht gut tun, so die Erkenntnis. Heute gibt es in Neugereut nur drei Blöcke mit 16, 18 und 20 Geschossen.
Berühmt über die Stadtgrenze hinaus wurde Neugereut auch durch das Pilotprojekt einer integrierten Gesamtschule, das 1975 startete. Es gab keine Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten, die Schülerschaft wurde erst im Verlauf der Mittelstufe nach Leistungen und Interesse eingruppiert. 40-Stunden-Woche, Mittagessen und ein großzügiges Freizeitangebot hoben den Schulalltag wesentlich von anderen Bildungseinrichtungen ab. Das Modell erfuhr jedoch nicht die notwendige Unterstützung seitens der Politik und wurde 1988 offiziell beendet. Seither heißt der im Jahr 1977 eingeweihte und 31,4 Millionen Mark teure Schulkomplex „Jörg-Ratgeb-Schule“.
Ein schweres Versäumnis der Verkehrsplaner brachte die Neugereuter 1979 auf die Palme. Die Kormoranstraße war zur Kreisstraße erklärt worden, die Anwohner beklagten sich vehement über die hohe Luftbelastung und den Lärm, den die täglich mehr als 10 000 Fahrzeuge verursachten. Der Kampf gegen die Belästigung dauerte bis 1986. Mit der Einweihung der Umgehungsstraße und des neuen Lärmschutztunnels entfiel der Durchgangsverkehr – die Anwohner hatten sich ihre Ruhe erkämpft.
Weitere Meilensteine für Neugereut waren in den 80er-Jahren die Fertigstellung des Jugendhauses (1981), die Eröffnung der Stadtteil- und Schulbibliothek (1982) und die Fertigstellung des Alten- und Pflegeheims Haus St. Monika (1984). Die 90er-Jahre waren wieder vom Wohnungsbau „Neugereut-Ost“ geprägt. Die Erweiterung war bereits Bestandteil der ersten Bebauungspläne. Sie wurden zum Teil heftig diskutiert. Vor allem die Bewohner des Fischreiherwegs waren kurz vor dem Millennium erbost, dass Reihenhäuser höher als erlaubt gebaut werden durften. Ein Kompromiss beendete die Streitigkeiten. Die Stadtteilerweiterung war 2000 abgeschlossen. Eine große Aufwertung der Wohn- und Lebensqualität erfuhr Neugereut durch den Stadtbahnanschluss. Seit 2005 fährt die U 2 zur Endhaltestelle Kormoranstraße und verbindet den Stadtteil mit Cannstatt und der City. Seit einigen Jahren pendelt zudem die U 19 zwischen Bad Cannstatt und Neugereut.
Seit 2008/2009 sorgt das Bund-Länder-Förderprogramm Soziale Stadt für Aufbruchstimmung in Neugereut. Der frische Wind, der seitdem durch den Stadtteil weht, lässt sich an etlichen Projekten, die in enger Abstimmung und Mitarbeiter der Bürgerinnen und Bürger realisiert wurden, festmachen. Bauliche Aufwertung der Mobilen Jugendarbeit „Neu-Stein-Hofen“ in der Arche in der Lüglensheidestraße, ein neues inneres Wegenetz und auch im Einkaufszentrum wurden viele Schwachstellen erneuert und verschönert. Das Leuchtturmprojekt der Sozialen Stadt Neugereut, die insgesamt mehr als 13,3 Millionen Fördermittel verfügt und bis 2023 verlängert wurde, war jedoch fraglos die Sanierung des Kinder- und Jugendhauses Jim Pazzo und dessen Erweiterung zum Bürgerhaus mit Familienzentrum.
Die Zukunft des Ökumenischen Zentrums am Marktplatz, das für viele Neugereuter und Kirchenmitglieder nicht nur ein Haus beider Konfessionen dargestellt, sondern auch ein Zentrum für das öffentliche Leben in dem Stadtteil ist, steht auf der Kippe. Hintergrund sind die von der evangelischen Kirche angekündigten Immobilienpläne zur Neuordnung der kirchlichen Zentren im Gesamtkirchenbezirk Bad Cannstatt.