In Eugen Ruges neuem Roman landet ein Autor in einem spanischen Fischerdorf, verliebtsich in eine Katze und reist wieder ab. Das Ergebnis ist ein funkelndes Buch.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Romane schreiben sich nicht von allein, selbst wenn man das Leben für ihren eigentlichen Autor hält und dem Endergebnis nicht anzumerken ist, durch welche Kämpfe, Mühen und Leiden es zustande kam. Eugen Ruge hat mit seinem Debüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ seine Familiengeschichte zum Medium der Zeitgeschichte gemacht und dafür vor zwei Jahren den Deutschen Buchpreis erhalten. An diesem DDR-Roman scheint tatsächlich eine von Ideologien, Brüchen und Wenden unbeeindruckte Lebenskraft mitgeschrieben zu haben. Und es erweist sich, dass die fiktionale Kunst der Perspektive über ein viel feineres und gerechteres Sensorium für das Leben unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus verfügt als jede durch Überzeugungen oder Haltungen justierte Darstellungsabsicht.

 

Man hätte es durchaus für möglich gehalten, dass es Eugen Ruge eben gegeben war, gerade diesen einen Roman zu schreiben, dass es der eigene Lebensstoff war, der alles Weitere aus sich entlassen hat, sich darin aber auch im besten Sinn erschöpft. Doch genau aus diesem Problemkreis ist nun ein zweites Buch entstanden, nicht minder vollkommen als das erste, aber sonst in jeder Hinsicht von ihm verschieden.

Man findet nur, was man nicht sucht

Es handelt von einem Autor, der gerade versucht, sein unglückliches altes Leben hinter sich zu lassen, um etwas Neues zu schaffen, einen Roman. Er kündigt erst den Beruf, dann die Wohnung, er kappt alle Fäden, die ihn in das Ganze, „die Gesellschaft, das System“ verstricken, um einen vagen Ort außerhalb der Grenzen des Gewöhnlichen zu finden, einen Ort, dessen Verheißung sich zunächst vor allem auf drei eher nüchterne Kriterien beläuft: warm, billig, erreichbar. Aber wo soll das sein? Je länger er sucht, in der Stadtbibliothek Klimakarten studiert, Freunde und Bekannte ausforscht, desto stärker wächst die eine Gewissheit: „Es war unmöglich, den richtigen Ort zu finden.“

Es gehört zur produktiven Ironie dieses Buches, dass man nur findet, was man nicht sucht, und umgekehrt. Und weil es von nichts anderem als einer Suche handelt, findet der Ich-Erzähler allerhand, nur nichts, von dem er glaubt, dass es für einen Roman taugen würde.

Er trifft noch in Berlin auf Trümmer früherer Verhältnisse und auf gesichtslose Menschen, die Worte wie „Franchising“, „Expansion“ oder „Gewinnspanne“ falb im Mund wenden. Er lauscht in Basel einer dreisprachigen weiblichen Stimme, die vom Bahnhofshimmel widerhallt, „so fern, so verkratzt wie aus einem historischen Radioempfänger“. Er umkreist in Barcelona Gaudís „monströse Kleckerburg, fassungslos vor so viel Stein gewordenem Wahn“, landet in der Videokabine eines Sexshops, in der sich zwei Frauen in bunten Strapsen am Gemächt eines Esels oder Maultiers zu schaffen machen, und entdeckt am nächsten Morgen bei der Zeitungslektüre in einem Café den wärmsten Zipfel des Landes, einen Ort, der Cabo de Gata heißt. Dorthin macht er sich auf – und wäre nach seiner Ankunft vermutlich sofort wieder abgereist, wenn noch ein Bus zurückgefahren wäre. So ist er geblieben.

Das große schwarze Schnurren

Cabo de Gata ist ein unscheinbares Fischernest irgendwo in Andalusien. Mit den eher ungeschmeidigen Einheimischen bilden sich kleine Rituale heraus: „Mucho trabajo“, ruft er morgens den Fischern zu, sie antworten mit „poco pescado“. Viel Arbeit, wenig Fisch – das gilt auch für die Bemühungen des Ich-Erzählers. Ein Engländer, der wie ein Amerikaner erscheint, und ein Amerikaner, den er für einen Engländer hält, unterbrechen das Gleichmaß seiner Tage. Und die Affäre mit einer Katze. In ihr glaubt er eine Art Reinkarnation seiner verstorbenen Mutter zu erkennen, die ihm die weise Botschaft erteilt: „Dass nämlich das, worauf ich hoffe, nicht eintreten wird – und zwar weil ich darauf hoffe.“

Alles, was er tut oder was ihm zustößt, wird im selben Moment auf seine Stofftauglichkeit geprüft. Ihm entgeht dabei, dass er damit längst Teil einer Geschichte geworden ist: einer tragischen, denn am Ende hat kein Stoff Bestand; aber auch einer komischen, ja, heiteren, denn in dem beständigen Entgleiten eines möglichen Gegenstands liegt auch ein Moment der Befreiung. Und eine Zeit lang will es so scheinen, als sei dies der eigentliche Zweck der Reise: sich im absoluten Gleichmaß des Geringfügigen zu verlieren, bis „die Welt nur noch ein großes schwarzes Schnurren ist“, und die Zeit endlich stillsteht.

Die Zeit steht nicht still

Dann wäre aus dieser Geschichte doch noch ein klassischer Aussteigerroman geworden, ein Vorstoß in die Regionen wahrer Empfindung. Aber die Zeit steht nicht still. Katzen werden schwanger, Mütter nicht mehr lebendig, und der Ich-Erzähler, der sich dem englischen Amerikaner gegenüber einmal als Peter Handke ausgibt, ist viel zu ironisch, um daran zu glauben, dass sein wunderbarer Erfahrungsfischzug überlebensfähig wäre.

Die letzte Station seiner Reise führt auf einen Markt. In orangefarbenen Kisten bieten die Fischer ihre zumeist noch lebende Ware zum Verkauf. Doch sein Blick bleibt an einem jungen, offenbar unverwertbaren Rochen hängen. Er liegt auf dem Rücken, etwas abseits, aus einem kleinen zahnlosen Mund schnappt er ungefähr im Rhythmus des menschlichen Herzschlags nach Luft. „Dann hörte der Mund plötzlich auf, sich zu bewegen. Nach einigen Sekunden krümmte sich das kleine Tier noch einmal kurz, als versuchte es, sich auf die richtige Seite zu drehen – und starb.“

Erfinden im Dienst der Wahrheit

So endet dieses Buch. Der Ich-Erzähler ist gescheitert und steigt in den Vormittagsbus – ohne den ersehnten Roman. Aber der Autor Ruge triumphiert. Mit ruhiger Präzision rekonstruiert er diese bisweilen ans Lächerliche grenzenden Aventüren aus dem Gedächtnis und beobachtet, wie Erinnerungen umschlagen in etwas von eigenem Gewicht und eigener Dichte. Wo nur ein ratloses, irrendes Ich war, ist mit einem Mal ein funkelndes kleines Werk. Ein Wunder. Es vollzieht sich hinter dem Rücken des Protagonisten, aber vor den Augen des Lesers. Und ganz ähnlich wie in Ruges Erstling gebiert auch hier die Ordnung des Romans die Wahrheit über das Leben, von dem er berichtet. Oder in den Worten des Autors: „Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war.“

Eugen Ruge: Cabo des Gata. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2013. 208 Seiten, 19,95 Euro.