Café verbannt Spielsachen, Boomer ätzen Ist Stuttgart wirklich so mütterfeindlich?

Mütter sollen am besten unsichtbar sein, nicht klagen und schon gar keinen Anspruch an das schöne Leben stellen. Foto: IMAGO/Pond5 Images

Ein bei Eltern beliebtes Café verbannt sein Spielzeug und wie immer geben alle den Müttern die Schuld. Warum Hass auf Mütter die konsensfähigste Form der Frauenverachtung ist.

Ist Deutschland wirklich so kinderunfreundlich wie viele behaupten? Betrachtet man die aktuelle Nachrichtenlage, kann man eigentlich nur laut „Ja, die Gesellschaft hasst Kinder“ brüllen. Nicht nur die prekäre Lage in den Stuttgarter Kitas und der Mangel an Kinderärzt:innen treibt Familien im Kessel um. Als das beliebte Café Dürnitz im Landesmuseum all sein Spielzeug verbannt hat, haben Familien – und vor allem junge Mütter – nicht schlecht gestaunt.

 

Und schuld sind die Mütter!

Die Kinder seien zu laut gewesen, ganze Horden von jungen Müttern hätten stundenlang all die schönen Sofas blockiert. Sie hätten selbst Essen mitgebracht, ihre Kinder seien wie wild durchs Café gerannt, der Lärm sei unerträglich gewesen. Trinkgeld, Anstand, Ruhe? Fehlanzeige. Wer ist also schuld daran, dass das beliebte Café Dürnitz im Alten Schloss alle Spielsachen verbannt hat? Natürlich die Mütter dieser schlecht erzogenen Kleinkinder und Babys.

So lesen sich die Kommentare auf unseren Social-Media-Accounts und sie zeichnen ein erschreckendes Bild, das vor Misogynie nur so strotzt. Ein Mann schreibt stolz, er hätte seine Kaffeetasse extra ganz laut auf den Cafétisch geknallt, um ein gerade eingeschlafenes Baby zu wecken und die Mutter zu verärgern. Ein anderer stört sich generell an Müttern – ob mit leisen oder lauten Kindern, die ihm die schönen Sofas wegschnappen würden. „Die trinken einen Hafercappuccino und sitzen dann vier Stunden rum“, schreibt der verärgerte Mann, der den laut Eigendefinition konsumfreien Ort so gerne für sich allein hätte.

Früher waren Kinder noch besser erzogen

Es sind vor allem Boomer-Männer, die sich an jungen Müttern mit Kleinkindern stören und sie am liebsten gänzlich aus der Öffentlichkeit verbannen würden. Sollen sie doch alle auf den Spielplatz oder in den Wald gehen oder besser gleich daheim bleiben mit ihren frechen Fratzen, so wie früher.

Der Hass auf Mütter ist in Deutschland die konsensfähigste Form der Frauenverachtung. Mütter sollen am besten unsichtbar sein, nicht klagen und schon gar keinen Anspruch an das schöne Leben stellen. Sie sollen fleißig gebären, die Renten sichern und bloß nicht zu früh wieder arbeiten gehen. Man sieht ja, was dann aus den Kindern wird. Zumindest sehen das Herbert, Gerald und Klaus so.

Doch auch Frauen hassen Mütter. Eine Leserin schreibt per Mail, dass Mütter das Café komplett für sich in Beschlag genommen hätten und sie sich als Großmutter ja auskenne mit der Thematik „Kinder in der Öffentlichkeit“. Das große Problem erkennt sie aber auch nicht, denn sie ist zwar etwas Großem auf der Spur, wird aber von ihrem Gejammer ausgebremst: In der Stuttgarter Innenstadt gibt es kaum kinderfreundliche und konsumfreie Orte mit Wickelmöglichkeiten, Spielzeug und Platz für Kinder. Und nein, man hat nicht immer Lust auf einen Spielplatz und man möchte auch gerne wie alle anderen mal einen Kaffee trinken. Das Café Dürnitz hat diesen Mangel nicht nur bei Regenwetter aufgefangen. Auch im Sommer war die kühle Museumshalle ein beliebter Ort für junge Familien. Man darf gespannt sein, wie sich dieser Ort – ob mit Spielzeug oder ohne – entwickeln wird.

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