Café-Vinothek in Waldenbuch Espresso gibt’s locker an der Bar – ganz wie in Italien

Michael Pawert möchte in seinem Lokal Menschen an einem Tisch zusammenbringen – für gemeinsamen Genuss. Foto: / Stefanie Schlecht

Michael Pawert ist eigentlich Pharmanager und hat nun, fast nebenbei, eine Café- und Weinbar in Waldenbuch eröffnet. Warum? Weil er es liebt: den Kaffee, den Wein und das Zusammenbringen von Menschen. Und auch, weil er etwas gelernt hat.

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Wenn Montag ist, freut sich Michael Pawert schon wieder auf Donnerstag. Weil dann die Ruhetage im „Wie früher – zusammen genießen“ rum sein werden und er die Espressomaschine wieder anheizen und die Weinflaschen entkorken kann. Die frisch eröffnete Gastro-Neuheit liegt am Rande der Waldenbucher Altstadt an der Ecke Marktstraße/Hintere Seestraße – könnte man sie also Eckkneipe nennen?

 

Der Ort, der Menschen zum gemeinsamen Genuss zusammenführen soll, lässt sich in keine Schublade stecken. Pawert spricht von seiner „Herzensangelegenheit“ und bietet dort das an, was er selbst am liebsten mag: Espresso und Wein. „Es ist Café und Vinothek, beides“, sagt der 58-Jährige. Natürlich gibt es noch ein paar andere Getränke und auch Kleinigkeiten zu essen, die Auswahl hält er aber bewusst klein. Doch das, was es gibt, muss besonders gut sein, so lautet sein Prinzip.

Café und Vinothek – beides hat in Waldenbuch gefehlt

Mehr als zwei Jahre lang hat Pawert sein Ecklokal geplant und viel in Eigenregie renoviert und gestaltet. Den langen Eichentisch und die Sitzbänke hat er geölt, das Wandregal für die Weine gezimmert und hell gemusterte Bodenfliesen in Barcelona ausgesucht. Sprich: Er hat viel Zeit und Liebe in dieses Projekt gesteckt, von dem er glaubt, dass es genau das ist, was Waldenbuch gefehlt hat. Wo sonst könne man einfach so auf ein Gläschen zusammenkommen? „Es gibt einen Riesenbedarf. Seit Corona wissen wir: Das Soziale braucht man einfach“, sagt Pawert, der in Vollzeit als Pharmamanager arbeitet und sein Lokal deshalb nur donnerstag-, freitag- und samstagabends sowie samstag- und sonntagmorgens zum frühstücken öffnet.

Wie früher zusammenkommen und miteinander genießen /Stefanie Schlecht

Dass er den Namen „Wie früher“ gewählt hat, soll dazu einladen, mit anderen ins Gespräch zu kommen – wie früher eben, als man als junger Erwachsener offen auf andere zuging. „Mit Anfang, Mitte 20 ist man um die Bar herumgestanden und mit Leuten ins Gespräch gekommen“, sagt Pawert. Diese Offenheit gehe vielen verloren, und genau die wünscht er sich für seine Café- und Weinbar. Deshalb hat er auch nur einen großen Tisch im Raum stehen, an den sich alle gemeinsam setzen sollen. Seine Rolle sieht er als Moderator, der die Leute vernetzt – und sich auch mal dazusetzt, wenn er Zeit findet. „Ich bin der Michael“, so gehe er auf seine Gäste zu, und so nahbar möchte er sein.

Das Zusammenkommen der Leute im „Wie früher“ soll sich um Kaffee und Wein herumranken. Es gibt einen roten und einen weißen Hauswein, günstig und „wirklich gut“, außerdem wechselnde, etwas hochpreisigere und besondere Weine für Liebhaber. Wer möchte, bekommt dazu Flammkuchen, mediterrane Platten mit Käse, Oliven und Parmaschinken oder andere Köstlichkeiten – Pawerts erwachsene Tochter ist die Küchenmeisterin im Hintergrund. Um mit den Gästen seine Weinleidenschaft zu teilen, hat Pawert schon bald Weinproben mit einem echten Kenner geplant.

Seine Espressomaschine nennt Pawert eine Legende. /Stefanie Schlecht

Kaffee ist Pawert nicht minder wichtig. Seine Espressomaschine hat er prominent neben der Bar in Szene gesetzt, statt sie hinten an die Wand zu stellen. Alle sollen sie sehen, die „Mutter aller Siebträgermaschinen“, wie Pawert seine Faema E 61 nennt, eine restaurierte Originalmaschine von 1967. „Sie ist eine Legende.“ Wenn sie an ist, leuchtet sie glutrot, was laut Pawert an die Sonnenfinsternis 1961 in Italien erinnern soll. Er hat sie so platziert, dass Passanten sie durch die Fensterscheiben glühen sehen und auf einen Espresso hereingelockt werden.

Seinen Espresso lieben sogar Italiener

Eine Stunde heizt Pawert sie hoch, justiert den richtigen Mahlgrad – abhängig von Temperatur und Luftfeuchtigkeit – und verwirft dann die ersten Tassen, bis er ihn hat, den perfekten Espresso – und nicht weniger als das möchte er servieren. „Das ist meine absolute Leidenschaft“, sagt er. Dass ihm das gelinge, hätten ihm kürzlich sechs Italiener bestätigt. „Die kommen jetzt immer samstagmorgens und trinken bei mir an der Bar ihren Espresso. Sie sagen, außerhalb von Italien gibt’s das so gar nicht.“

Wie ist Pawert auf die Idee für seine Café-Weinbar gekommen? Das geht weit zurück, sagt er, und erzählt davon, wie er jahrelang mit seinem Motorrad von Musberg, wo er aufgewachsen ist, nach Tübingen pendelte, um dort an der Uni zu promovieren. Dabei sah er jedes Mal am Ortsrand von Dettenhausen eine verlassene Tankstelle. „So oft habe ich gedacht, da müsste man eigentlich was machen“, erzählt er. Bis er eines Tages beim Vorbeifahren sah, dass jemand anderes seinen Traum verwirklicht und dort ein Café eröffnet hatte. Daraus habe er gelernt: Man sollte Träume nicht aufschieben.

Als sich nun die Gelegenheit bot, das Ecklokal in Waldenbuch zu kaufen, hat er zugeschlagen. „Nicht nachdenken, einfach machen“, sagt Pawert. „Am schlimmsten wäre es, hinterher zu sagen: Ach, hätte ich doch.“ Er hat! Und träumt davon, wie sich im Sommer die Menschen an dem Brunnen ums Eck tummeln mit einem Lugana oder Espresso in der Hand – und zusammen genießen, wie früher.

Sanierung der Altstadt

Lokal
 Die Weinbar „Wie früher“ ist Teil der Aichpromenade, einem Komplex von acht Gebäuden aus dem 17. und 18 Jahrhundert, die mithilfe von Fördergeldern von Bund und Land aufwendig saniert werden.

Erfolg
 Gastronomie wertet jede Stadt auf. Wirte siedeln sich aber nur nicht überall an, „das macht man nur in einem schönen Städtchen“, sagte die Stadtplanerin Christine Keinath jüngst und sah das Sanierungsprogramm dank der Vinothek bestätigt.

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