Calw Debatte über Zukunft der Kliniken

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Ein Gutachten soll den Neubau einer 400-Betten-Klinik im Kreis Calw klären. Die kleineren Kreiskrankenhäuser in Calw und Nagold, die zum Klinikverbund Südwest gehören, schreiben rote Zahlen. Eine Sanierung käme teuer.

Das Calwer Foto: factum/Wolschendorf
Das Calwer Foto: factum/Wolschendorf

Calw - Wie kann sich der Landkreis Calw die medizinische Versorgung der Bevölkerung noch leisten? Dieser heiklen Frage muss sich der Kreistag im Herbst stellen. Es geht um die Zukunft der beiden Krankenhäuser in Calw und Nagold, die zum Klinikverbund Südwest gehören. Sie schreiben hohe Defizite, 2011 war es zusammen ein Minus von knapp 3,35 Millionen Euro. Rund 900 000 Euro davon entfielen auf den laufenden Betrieb, erklärt der Landrat Helmut Riegger (CDU). Der größte Teil jedoch entstehe durch die „strukturelle Unterfinanzierung“, also die „unzureichende Finanzierung durch das Land und die Krankenkassen“ .

„Der Kreis kann sich ein solches Defizit auf Dauer nicht leisten, uns laufen die Kosten davon“, sagt Riegger. Für 2012 müsse bereits mit einem Minus von fünf Millionen Euro gerechnet werden. Erschwerend komme hinzu, dass bis 2020 rund 57 Millionen Euro in Calw (199 Betten) und Nagold (227 Betten) investiert werden müssten und das nur zum Erhalt der Betriebssicherheit und ohne dass dadurch eine Verbesserung der Funktion erreicht würde.

Defizit macht Druck: Ist ein Neubau wirtschaftlicher?

Die finanzielle Entwicklung ist so bedrohlich, dass eine bisher undenkbare Variante ins Spiel kommt: Könnte nicht ein Neubau mit 400 Betten langfristig wirtschaftlicher arbeiten als die beiden kleineren Kliniken, die rechtlich ohnehin als ein Haus firmieren, und zudem eine umfassende medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherstellen? Die Städte Calw und Nagold liegen rund eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt.

Auf einer Klausurtagung im April hat sich der Kreistag bereits mit diesem Thema befasst. Nach der Sommerpause soll ein Gutachten die Weiterentwicklung des Krankenhauswesens untersuchen, und zwar sowohl die medizinischen und wirtschaftlichen Auswirkungen eines Neubaus, als auch Erhalt und Modernisierung der bestehenden Kliniken. Die Debatte müsse „offen, transparent und ohne Denkverbote“ erfolgen, plädiert Landrat Riegger.

Dem stimmt auch der Nagolder OB Jürgen Großmann (CDU) zu. „Wir müssen die Fragestellung unbefangen prüfen. Es geht um die Chance, eine gute, zukunftsfähige medizinische Krankenhausversorgung zu gestalten, die auch wirtschaftlich gut aufgestellt ist“, sagt Großmann. Das betreffe den Kreis Calw ebenso wie den Klinikverbund Südwest insgesamt. Der Nagolder OB hält es für „grundsätzlich richtig“, über einen Neubau nachzudenken. Die Standortdebatte ist für Großmann „nicht das vordergründige Thema“, auch wenn das Nagolder Klinikum möglicherweise zur Disposition steht. „So weit sind wir noch gar nicht“, sagt der OB und pflichtet dem Landrat bei. Erst bedürfe es einer Strategie für eine zukunftsweisende Infrastruktur, dann könne geklärt werden, wie die Patientenströme möglicherweise wandern. Erst dann müsse man sich über einen Standort unterhalten.

Calwer OB Eggert forciert Debatte über Standort

Das sieht der Calwer OB Ralf Eggert völlig anders. „Der neue Standort muss genannt werden“, schreibt Eggert in einem offenen Brief an den Landrat. Zwar will auch Eggert in einem Gutachten, das auf einem „medizinischen Konzept“ aufbauen müsse, die sogenannte Einhäusigkeit untersucht wissen. Aber man könne doch „kein virtuelles Krankenhaus planen“, sagt der OB gegenüber der Stuttgarter Zeitung. Seiner Ansicht nach könne man erst sagen, wie sich die Patientenströme verschieben, wenn man den neuen Standort kenne. Er fordert auch Aussagen über Rettungsfristen und die Notarztversorgung.

Der Calwer Rathauschef warnt auch davor, die geplante Zusammenlegung der Kliniken Böblingen und Sindelfingen in einem Neubau auf dem Böblinger „Flugfeld“ als Blaupause für den Kreis Calw zu nehmen. Die Situation in einem Flächenlandkreis sei grundsätzlich anders.

Landrat Riegger fordert sachliche Debatte

Landrat Riegger jedenfalls zeigte sich nicht sehr erfreut, dass der Calwer OB sein Schreiben „so breit verteilt“ habe, bevor es ein Gespräch gegeben habe. Ebenso wenig sei es hilfreich, dass der OB zu einem solch frühen Zeitpunkt Zahlen über die finanziellen Auswirkungen eines Neubaus genannt habe. Diese seien „nicht fundiert ermittelt und begründet“. Das Thema Notarztversorgung sei im Übrigen völlig unabhängig von einem Krankenhaus. Die Vorgabe sei, ein Notarzt müsse binnen 15 Minuten vor Ort sein. Dies werde im Kreis Calw erfüllt – durch die Notarztstandorte in Altensteig und Schömberg. Ein dritter in Dobel sei im Gespräch. Riegger plädiert für Gelassenheit. „Wir müssen eine sachliche Diskussion führen“, sagt er. Eine Debatte über den Standort würde alles überlagern.“