Calw wieder an Stuttgart angebunden „Die Zukunft beginnt jetzt“ – so war die erste Fahrt der Hermann-Hesse-Bahn

Die Hermann-Hesse-Bahn rollt endlich: von Calw bis Weil der Stadt (im Bild), wo Anschluss ans Stuttgarter S-Bahn-Netz besteht. Foto: Simon Granville

Die Jungfernfahrt der Hermann-Hesse-Bahn zwischen Calw und Weil der Stadt ist geglückt. Rückblick auf eine ungewöhnliche Fahrt mit geladenen Gästen.

Sieben Minuten vor 11 Uhr rollt der weiß-gelb-schwarze Zug aus dem Calwer Bahnhof. Überpünktlich und somit mehr als ungewöhnlich für eine Bahn. Doch nichts an der Hermann-Hesse-Bahn, die sich an diesem Samstagmittag auf den Weg zu ihrer Jungfernfahrt macht, ist gewöhnlich.

 

Da sind die lange Planungszeit, die wiederholten Klagen gegen das Projekt, die sieben Jahre Verzögerung bis zur Fertigstellung, die 85 Millionen Euro für Artenschutz oder die zuletzt auf 240 Millionen Euro explodierten Gesamtkosten. Keinesfalls gewöhnlich sind auch der wegweisende Kompromiss mit dem Naturschutzbund (Nabu) zum Schutz der Fledermäuse oder das Hesse-Bahngleis 2, dass elf Meter über dem Gleis der Kulturbahn durchs Nagoldtal thront und nur über einen schwebenden Steg erreichbar ist.

Hermann-Hesse-Bahn: Nach fast 40 Jahren rollen wieder Züge zwischen Calw und Weil der Stadt

„Als Kind habe ich hier auf den verlassenen Gleisen gespielt“, erinnert sich der 1986 geborene Calwer Oberbürgermeister Florian Kling. 1983 waren die letzten Personenzüge der Württembergischen Schwarzwaldbahn zwischen Weil der Stadt (Kreis Böblingen) und Calw gerollt. Nach einem Hangrutsch wurden 1988 schließlich auch die Güterzüge eingestellt.

Doch seit diesem Wochenende sind die Gleise wieder belebt. Der Zug schiebt sich den steilen Berg in Calw hinauf, über den der namensgebende Literatur-Nobelpreisträger Hermann Hesse einst schrieb: „Vorsichtig langsam fuhr der Zug in großen Windungen den Hügel abwärts, und mit jeder Windung wurden Häuser, Gassen, Fluß und Gärten der unten liegenden Stadt näher und deutlicher.“

Doch zunächst geht es für die geladenen Gäste aus Verwaltung und Politik in Richtung Weil der Stadt. Statt Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) der Ehrengast des Tages. Die frühere SPD-Vorsitzende Saskia Esken sitzt ebenso im Zug – immerhin ist Calw/Freudenstadt ihr Wahlkreis – wie der stellvertretende Kommandant des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Calw, Oberst Peter Küpper, oder der Nabu-Landesvorsitzende, Johannes Enssle. Daneben und dazwischen Bürgermeister, Kommunalpolitiker, jede Menge Pressevertreter und sogar eine Delegation aus Taiwan.

Reaktivierung der Hermann-Hesse-Bahn – ein „historischen Tag“

An jedem Haltepunkt steigen die Ehrengäste aus. Es gibt Konfetti-Regen und Feuerwerk-Fontänen. Dutzende Menschen haben sich an den Bahnsteigen versammelt, um den ersten Zug der Hesse-Bahn zu begrüßen. Verkehrsminister Hermann und der Calwer Landrat Helmut Riegger, die beide das Bahn-Reaktivierungsprojekt maßgeblich vorangetrieben haben, halten ihre Reden, sprechen von einem „historischen Tag“, drücken ihre „volle Freude“ aus, mehrfach in abgewandelter Form.

Der Calwer Landrat Helmut Riegger (Mitte) überreicht den Bürgermeistern Christain Walter (Weil der Stadt) und Melanie Hettmer (Renningen, 2.v.r.) die Hesse-Bahn-Schilder für ihre Städte. Foto: Simon Granville

„Heute wird der Landkreis Calw wieder angeschlossen an die Metropol- und Wirtschaftsregion Stuttgart“, sagt Riegger beim Halt in Calw-Heumaden, dem größten Stadtteil. „Die Zukunft beginnt jetzt.“ Die Zielgruppe hier sind eindeutig die Pendler, die aus dem württembergischen Teil des Schwarzwald endlich wieder auf Schienen in die Landeshauptstadt gelangen und das Auto stehen lassen sollen.

„Die Stilllegung der Strecke war klar ein Fehler“, stößt Verkehrsminister Hermann ins gleiche Horn, der mit der Hesse-Bahn nur ein wirklich großes Reaktivierungsprojekt in seiner Amtszeit vorweisen kann. Damit dieses noch rechtzeitig vor der Landtagswahl am 8. März fertiggestellt werden konnte, wurden die Bauarbeiten intensiviert – und 33 Millionen Euro zusätzlich ausgegeben.

Auf der anderen Seite der Kreisgrenze, in Weil der Stadt, fallen sowohl Feier als auch Freudenbekundungen kleiner aus. Eine offizielle Feier gibt es hier am Bahnhof nicht, dennoch sind einige Einwohner gekommen und begrüßen den Zug.

Die Städte Renningen und Weil der Stadt sind keine Mitglieder des Zweckverbands, hatten anfangs sogar Klagen gegen das Reaktivierungsprojekt eingereicht. Zu groß waren die Bedenken, die wichtige S-Bahn-Verbindung nach Stuttgart zu gefährden, zu groß die Ablehnung der Dieselloks, die nun doch nicht um Einsatz kommen. Durch Vermittlung des Verkehrsministeriums wurde 2015 das Stufenkonzept beschlossen, dass eine Durchbindung der S-Bahn nach Calw bis in zehn Jahren vorsieht.

„Die Bedenken sind mittlerweile ausgeräumt“, findet Weil der Stadts Bürgermeister Christian Walter. „Heute feiern wir mit der Hesse-Bahn Stufe 1. Von Stufe 2 träumen wir.“ Denn wie auch Verkehrsminister Hermann zugeben muss, wird die zweite Stufe nicht so einfach zu realisieren sein. „Das liegt aber an den vollen Gleisen in Richtung Stuttgart“, sagt er.

In den Zug dürfen nur geladene Gäste. An den Bahnhöfen finden dafür Feste für die Bevölkerung statt. Dabei ist auch das Maskottchen der SWEG, die die Strecke bedient. Foto: Simon Granville

Doch vorher ist noch Stufe 1.2 dran: der Streckenabschnitt bis Renningen. Im dortigen Bahnhof müssen noch Signalanlagen verbaut und der Bahnhof dafür gesperrt werden. Dafür hat die Bahn erst für die Pfingstferien die Erlaubnis erteilt. So muss Renningens Bürgermeisterin Melanie Hettmer ihr Hesse-Bahn-Schild in Weil der Stadt entgegennehmen.

Und irgendwie passt es an diesem Tag der Jungfernfahrt dazu, dass aktuell zwischen Weil der Stadt und Renningen Schienenersatzverkehr unterwegs ist. Dass selbst mit Umsteigen keine reine Schienenverbindung in die Landeshauptstadt möglich ist.

Mit dem Zug geht es ins Nagoldtal

Auf dem Rückweg nach Calw ist kein Halt geplant, die Züge können auf der freien Strecke zeigen, dass sie hier bis Tempo 100 erreichen. Als es wieder den Berg hinunter nach Calw geht, verlangsamt der Zugführer das Tempo deutlich und empfiehlt den herrlichen Ausblick auf die Altstadt mit ihren historischen Fachwerkhäusern sowie das Nagoldtal.

Und in den Köpfen mancher Fahrgäste mögen wohl Hesses eigene Worte über seine Geburtsstadt Calw und die Schwarzwaldbahn nachklingen: „Und endlich fuhr der Zug die letzte steile Strecke in langen Windungen talabwärts, und unten lag zuerst klein und von Windung zu Windung größer und näher und wirklicher das Städtlein am Fluß, zu Füßen der Tannenwaldberge.“

Hermann-Hesse-Bahn

Reaktivierung
1988 fuhren die letzten Güterzüge zwischen Calw und Weil der Stadt, 1989 wurde die Strecke offiziell stillgelegt. 1994 kaufte der Kreis Calw die Strecke. Seit 2001 wurde eine Reaktivierung überlegt, erst 2015 fiel die Entscheidung dafür. Seit 2018 wurde gebaut. Die Gesamtkosten werden mittlerweile mit 240 Millionen Euro angegeben.

Namenspatron
Der Namenspatron Hermann Hesse wurde 1877 in Calw geboren und wuchs dort sowie in Basel auf. 1946 erhielt er den Literatur-Nobelpreis. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Der Steppenwolf“, „Siddhartha“ oder „Narziß und Goldmund“.

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