Camouflage ist wieder da Auferstanden aus Ruinen

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Zwei Hits haben Camouflage berühmt gemacht. Nun ist die Band mit den Bietigheimer Wurzeln wieder da. Bald zehn Jahre nach ihrem letzten Studioalbum „Relocated“ von 2006 hat Camouflage ein neues Werk eingespielt.

Heiko Maile, Marcus Meyn und Oliver Kreyssig (v. l.) sind Camouflage. Foto: Klaus J.A. Mellenthin
Heiko Maile, Marcus Meyn und Oliver Kreyssig (v. l.) sind Camouflage. Foto: Klaus J.A. Mellenthin

Stuttgart - Heiko Maile hat für das Treffen eine ehemals angesagte Stuttgarter Bar vorgeschlagen, die an diesem Nachmittag menschenleer ist. Hereinspaziert kommt der Bandmitbegründer aus Bietigheim-Bissingen mit zerzausten Haaren, hinfort wird er später mit einem roten Motorroller knattern. Der bald Fünfzigjährige wirkt unglamourös, strahlt dafür aber jene Souveränität aus, die erfahrene Menschen aus der Unterhaltungsmusikbranche jenseits des schnöseligen Triumphgehabes junger Shootingstars oft auszeichnet.

Die Musik seiner Band kennt schließlich die ganze Welt. Beziehungsweise, um genau zu sein: zwei Stücke von Camouflage haben es rund um den Globus zu Popularität gebracht. „The great Commandment“ heißt das eine, „Love is a Shield“ das andere, veröffentlicht wurden sie 1987 und 1989, vor ganz schön langer Zeit also. Aber gespielt werden die beiden Hits noch immer im Radio. Tagtäglich sogar.

Die deutschen Depeche Mode

„Vielleicht gibt es ein großes Los, das von wem auch immer verteilt wird, und wir haben zufällig zwei bekommen“, sagt Maile über die beiden Songs, die der 1983 vor den Toren Stuttgarts gegründeten Band den Ruf einbrachten, die deutschen Depeche Mode zu sein. Über dreißig Jahre später arbeitet er tatsächlich noch immer als Berufsmusiker, er produziert viel im Bereich Filmmusik und lebt zwar nicht von den Tantiemen, die Camouflage noch heute bei jedem Radioeinsatz kassiert, „aber ich würde es echt merken, wenn sie weg wären“, sagt Heiko Maile.

Warum ihnen diese zwei Stücke aus der Feder quollen, kann er ohnehin nicht sagen. „Es gehört viel Glück und Timing dazu, aber warum es dann wirklich funktioniert, kann dir niemand erklären“, beschreibt er den Schöpfungsprozess. Es grämt ihn auch nicht, dass seine Band nur auf diese zwei Songs reduziert wird. „Ich sehe das mit Freude und Demut“, so Maile, denn die Band würde auf ihren Konzerten sehr wohl merken, dass die Besucher nicht nur wegen dieser zwei Stücke kommen. Aber gespielt werden sie natürlich auf jedem Konzert und auch bei der nun anstehenden Tournee, denn, so Maile: „Wenn ich zu einem David-Bowie-Konzert gehe und er nicht ,Heroes‘ spielt, wäre ich auch enttäuscht.“

Ein überzeugendes Album

Eine neue Tournee? Ja, tatsächlich. Bald zehn Jahre nach ihrem letzten Studioalbum „Relocated“ von 2006 hat Camouflage ein neues Werk eingespielt, das am Freitag erschienene Album „Greyscale“. Das sei „gnadenlos schwierig“ gewesen, erzählt Maile, nicht nur, weil die anderen beiden bis heute die Band bildenden Gründungsmitglieder Oliver Kreyssig und Marcus Meyn längst in Berlin leben, sondern „weil wir alle immer was anderes zu tun hatten“. Doch die Muße, mit der die Synthieband an ihr erst drittes Werk in diesem Jahrtausend heranging, hat sich gelohnt. „Greyscale“, an dem die Band seit 2011 gearbeitet hat, ist ein in sich sehr stimmiges, überzeugendes Album, das mit der Singleauskoppelung „Shine“ und dem exzellenten Stück „Misery“ sogar zwei echte Glanzlichter bieten kann. „Shine“ läuft derzeit schon fleißig und zu Recht im Radio, wobei Camouflage mit diesem Song exakt bei dem Elektrowave anknüpft, mit dem sich die Band einst bekanntgemacht hat.

Ihr sei es von Herzen gegönnt, lief doch bei dem Trio wahrlich nicht immer alles wie am Schnürchen. Ihr Wikipedia-Eintrag liest sich, von den beiden Anfangserfolgen in den Achtzigern abgesehen, wie eine Aneinanderreihung von Flops und künstlerischen Misserfolgen. Selbst die Promotion-Pressemitteilung zum neuen Album schreibt unverblümt von „einem langen Weg, der alles andere als schnurgerade verlief“. „Das ist ja auch so“, sagt Maile über die vermeintliche Pleitenserie, „aber nur, wenn man lediglich die zwei Songs als Maßstab für alles nimmt.“ Klar sei einiges schiefgegangen, umgekehrt hat die Band aber – auch live in den USA, Mexiko und Russland – Erfolge feiern können. Sie hat in ihrer langen Bandgeschichte vor „Grey­scale“ sechs Studioalben und ein Livealbum aufgenommen, die es allesamt in die Top 100 der deutschen Charts schafften. Und auch auf der jetzt anstehenden Tournee sind ein paar Termine im Ausland dabei. Grau sieht die Zukunft für Camouflage also nicht zwingend aus.